REPORTAGE 06.05.2015

Die (un)gesunde Watsche

© istockphoto.com
Körperstrafen für Kinder sind gesetzlich verboten und damit gehören Schläge als Erziehungsmethode der Vergangenheit an. Wie sieht es in den Familien unserer Landsleute in Wien damit aus?


Eine Ohrfeige, ein Klapps mit der Hand oder Papas Gürtel sind vielen Generationen als Erziehungsmittel ins Gedächtnis gebrannt. Gemäß der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen schützt das Gesetz die Kinder in ca. dreißig Ländern vor Schlägen. Österreich gehört seit 1992 dazu. Über die Verhältnisse in der Familie, die Erziehung und das Strafen sprach KOSMO mit Eltern und Kindern aus unserer Region.

Streng aus Liebe


Die Familie Živković besteht aus Vater Milinko (49), der Musiker ist, Mutter Jelica (43), die als Pflegerin arbeitet, und ihren beiden Kindern Mihajlo (11) und Marija (9). In ihrer Wohnung fällt sofort die Verbindung zu Glaube und Tradition auf und die Kinder werden im Geiste der Orthodoxie erzogen.

 „Tradition ist für uns Teil des Alltagslebens, aber haben auch die hiesige Art zu funktionieren übernommen. Trotzdem ist uns die Verbindung zu unseren Wurzeln wichtig, das heißt, der Respekt vor den Älteren, vor den Freunden in der Schule und im Park“, sagt der Familienvater und fügt hinzu, dass er auf keinen Fall die Methoden seines Vaters anwendet, der noch Gerte und Gürtel einsetzte. Die Mutter ist strenger. Sie geht zu den Elternversammlungen, und wenn die Lehrer sagen, dass die Kinder im Lernen hinterherhinken oder unruhig sind, setzt es Strafen.

„Wir reden über alles, aber ich werde lauter, wenn ich merke, dass meine Worte nicht zu ihnen durchdringen. Dann drohe ich, und manchmal, ganz selten, gibt es einen Klapps auf den Hintern. Das ist mehr eine Ermahnung als eine Strafe, und das wissen sie. Ich weiß, dass körperliche Strafen verboten sind, aber ich glaube, dass das Gesetz Kinder nicht vor normalen Eltern schützen muss. Meine Kinder liebt niemand mehr als ich. Ich würde sie niemals verletzen oder ihnen wehtun“, ist Jelica Živković kategorisch.

 „Ein Gesetz, das die Beziehung von Eltern zu ihren Kindern regelt, ist unnatürlich“, findet das Ehepaar Živković. „Aber sobald sie in den Kindergarten gehen, bringen sie neue Gewohnheiten mit nach Hause. Wenn man die Kinder machen lässt, was sie wollen, gibt es später Probleme in der Familie und in der Gesellschaft. Darum muss neben der Achtung auch eine gewisse Dosis Angst vorhanden sein.“

"Schläge sind nicht gut!
"

Miloš Jovanović (34), der Vater von Milica (11) und Mihajlo (9), ist Mechaniker von Beruf und die  Mutter Andrijana (33) ist Beamtin. Diese Familie widmet ihr Leben ganz der Musik: Das Mädchen spielt Klavier, der Bub Tamburica, der Papa Gitarre und die Mama singt. Diese Liebe zeigen sie nicht nur in kleinen Hauskonzerten, sondern sie singen auch im Kirchenchor und der Vater ist Mitglied eines Tambura-Orchesters.

“Ich bin absolut gegen körperliche Strafen von Kindern und gegen alle Formen von Gewalt. Wir respektieren ihre Persönlichkeiten, aber wir wollen ihnen nicht erlauben, nach ihrem eigenen Willen zu leben, solange sie noch nicht reif dafür sind. Wir reden mit ihnen, erklären ihnen die Gründe für jede unserer Entscheidungen. Aber manchmal erzielen wir den besten Effekt, wenn wir ihnen Bedingungen stellen oder sie bestrafen. So denken sie darüber nach, wo und warum sie Fehler gemacht haben, und versuchen, sie nicht zu wiederholen“, betont Miloš.

Milica bestätigt die Worte ihrer Eltern und fügt hinzu, dass sie Zeugin der Leiden einer Schulkollegin war. „Sie hatte oft blaue Flecken im Gesicht und an den Armen. Der Lehrerin sagte sie, sie sei aus dem Bett gefallen, aber später stellte sich heraus, dass ihr Vater sie täglich mit einem Gürtel schlug. Als sie in ein Kinderheim kam, war sie glücklich, dass sie keine Schläge mehr bekam. Meine Eltern haben meinen Bruder und mich nie geschlagen, aber wir haben Angst vor Strafen, wenn wir einen Fehler machen. Wir machen das nicht absichtlich, denn wir wollen ihnen nicht auf die Nerven gehen und sie ärgern. Es passiert mir einfach, dass ich vergesse, eine Hausaufgabe zu machen oder meinen Schlüssel mitzunehmen, dann entschuldige ich mich, aber eine Strafe gibt es doch“, erzählt Milica.

Die Grundlage von allem ist die Liebe

Dr. Silvia Nadjivan (40) ist studierte Politologin, aber arbeitet als Forscherin in einem Wiener Institut. Für sie und ihren Mann ist ihr Sohn Damian (8) der Mittelpunkt der Welt und alle ihre zeitlichen, seelischen, sozialen und finanziellen Ressourcen sind auf ihn ausgerichtet.

„Erziehung ist eine Sache der Interaktion, denn Eltern erziehen ein Kind und das Kind erzieht sie. Mein Mann und ich sprechen uns in allem, was unseren Sohn betrifft, mit ihm ab. Wichtig ist, dass Damian weiß, dass wir seine Persönlichkeit schätzen und seine Überlegungen ernst nehmen“, betont Dr. Nadjivan.

Die besondere Beziehung zu ihrem Sohn hat diese Mama von dem Moment an aufgebaut, in dem sie seine ersten Bewegungen in ihrem Bauch spürte. „Damals habe ich bis zu 12 Stunden täglich an meiner Doktorarbeit gearbeitet, denn ich wollte alles bis zur Geburt abschließen. Eines Abends gegen 18 Uhr war ich schon sehr müde, aber ich habe verbissen gearbeitet, da begann das Baby zu treten. Ich habe meinen Bauch gestreichelt und laut gesagt, dass ich meine Arbeit in zwei Stunden beende. Um 20:10 Uhr meldete er sich erneut energisch und protestierte dagegen, dass ich noch immer am Schreibtisch saß. Da bin ich aufgestanden, denn das hatte ich ihm versprochen und so mache ich das, seitdem ich ein Kind habe“, erzählt Silvia und fügt hinzu, dass Liebe und Verständnis die Grundlage der Beziehung zu ihrem Kind bilden.

Die Expertenmeinung

Astrid Schweitzer vom Institut für Kindergarten- und Hortpädagogik der VHS Brigittenau sagt gegenüber KOSMO: „Die Prinzipien, auf die sich die moderne Erziehung gründet, sind Authentizität, Empathie, Verantwortung und Unabhängigkeit. Wir müssen lernen, das Kind von Anfang an als gleichberechtigten Gesprächspartner anzunehmen.“

Astrid Schweitzer ist kategorisch gegen Bestrafungen: „Eltern, die ein Kind nicht ohne Strafen erziehen können, sollten sich an einen fachkundigen Berater, einen Sozialarbeiter, Psychologen oder einen Therapeuten wenden. Wenn ich „strafen“ sage, meine ich nicht nur Körperstrafen, denn auch eine psychologische Strafe ist Gewalt. Jede Gewalt gegenüber einem anderen Wesen ist inakzeptabel und als Erziehungsmethode strafbar. Jedes Kind hat das Recht darauf, ohne Gewalt aufzuwachsen. In der VHS Brigittenau bieten wir in Vorträgen, Kursen und Workshops Hilfe zum Thema „Erziehung ohne Strafen“ sowie auch zu vielen anderen Themen rund um das Leben mit Kindern an.

Vera Marjanović / KOSMO

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