MONTENEGRO 30.04.2013

Die letzte Mannfrau Montenegros

© KOSMO / Nenad MANDIC
In der Abgeschiedenheit der Berge, fern von jeder Zivilisation, lebt die letzte montenegrinische eingeschworene Jungfrau. KOSMO porträtiert ihr ungewöhnliches Leben.

Es ist nicht leicht, zu Stana Cerović zu gelangen. Bis zum Dorf Šavnik geht es noch irgendwie, auch wenn der Weg eng ist. Die natürliche Wildnis der Berge mit Schneeflächen wirkt nicht gastfreund­lich, und die Schlaglöcher und die Felsbrocken auf der Straße bilden eine Gefahr für Autos und Passagiere. Man sieht kei­ne Menschenseele, und wenn man sich verfährt, wie es dem KOSMO-Team passiert ist, fühlt man sich verloren.
Als wir zu Stana kamen, schaute­ sie uns argwöh­nisch an, obwohl unser Besuch angekündigt war. Als wir sie beim Namen riefen, sagte sie fast ärgerlich: „Hier gibt es keine Stana!“. Aber dann empfing sie uns doch, klein und von den Jahren und den Folgen eines Beinbruchs gebeugt.
„Eine Kuh hat mich verkrüppelt, während sie kalbte! Seitdem komme ich auf meinen Beinen nirgendwo mehr hin, sehen Sie, wie krumm ich bin?“, begann Stana das Gespräch mit uns. Um die Duldsamkeit der KOSMO-Reporterin zu testen, brach Stana vor Betreten des Hauses einen Streit vom Zaun, indem sie die Frauen im Allgemeinen beschimpfte. „Ach, diese heutigen Frauen taugen zu gar nichts. Jede will kommandieren und wichtiger sein als die Männer. Wie bist du hierher gekommen? Hast du Stöckelschuhe an? Damit kannst du hier nirgendwo hintreten. Und Hosen hast du an, von hinten siehst du aus wie ein Bursche“, nahm sie uns unter Feuer, um das Gespräch auf ihr Lieblingsthema der Mann-Frau-Beziehungen zu lenken.
Das Haus, in dem Stana mit ihrer Katze in Einsamkeit lebt, hat schon ihr Großvater gebaut. Alter und Einsamkeit, gemischt mit Trauer, wirken deprimierend. An den Wänden vergilbte Fotografien der Familie Cerović.
„Das sind meine verstorbenen Schwestern, Papa und Mutter. Haben sie schon einmal von Novica Cerović gehört? Er hat Smail-aga Čengić getötet. Und Gruban Cerović war Richter in der Zeit von König Nikola. Wir sind eine berühmte Familie, aber jetzt bin ich alleine zurückgeblieben, ohne irgendeinen meiner Verwandten“, erklärt sie und dreht sich eine Zigarette. Dabei fügt sie hinzu, dass sie zu rauchen begonnen hat, als sie noch in die achtjährige Grundschule ging.

Ein Haus ohne Söhne
Anđa und Milivoje Cerović haben fünf Töchter gehabt und zwei Söhne, die sofort nach der Geburt gestorben sind. Stana, das jüngste der Kinder, erhielt ihren Namen aus dem Wunsch heraus, dass das Gebären von Töchtern aufhören sollte. 
„Mein Vater hat mich geliebt, als wäre ich ein Sohn, und hat mich überallhin mitgenommen. Von klein auf trennte er mich von den Schwestern und sagte mir, dass ich bei ihm bleiben würde, und ich habe darum gekämpft, nicht heiraten zu müssen. Wozu sollte ich in ein fremdes Haus gehen, wo ich doch meines hatte? Warum sollte ich fremdes Land beackern, wenn ich doch meines hatte? Wenn ich einen Bruder gehabt hätte, hätte er sich im Alter um die Eltern gekümmert. So fiel mir diese Aufgabe zu und darum habe ich Papa versprochen, ihn niemals zu verlassen. Ich habe mich geärgert, wenn mir die Mutter Röcke anzog, und habe immer Bubenkleidung verlangt. Die Haare ließ ich mir wie ein Junge schneiden, und wer mich nicht kannte, hat gedacht, dass ich ein Bur­sche bin. Ach, wie schön wäre es gewesen, wenn ich als Bub geboren worden wäre“, seufzt Stana und fügt hinzu, dass man sich nicht freuen muss, wenn ein Mädchen geboren wird, besonders in der heutigen Zeit, wo die „Mädchen nackt und ordinär sind“.

Streit mit der Mutter
Stana Cerović ging acht Jahre lang in die Schule und war eine gute Schülerin. Sie spielte mit den Buben und half zu Hause dem Vater, während die älteren Schwestern mit der Mutter die Hausarbeit erledigten.
„Meine Mutter hat versucht, mich zu ändern. Sie hat mit mir gestritten, wenn mein Vater nicht zu Hause war. Sie hat verlangt, dass ich Frauenkleider anziehe und ein Mädchen werde. Einmal hat sie mir aufgetragen, Strümpfe zu stricken, aber als mein Vater das gesehen hat, wurde er wütend und sagte, dass das in Zukunft die Schwestern tun sollten. Er hat niemandem erlaubt, mich zu benachteiligen, und auch die Schwestern haben auf mich aufgepasst“, erzählt die alte Frau über ihre Kindheit und frühe Jugend.
Stana hat ihr Anderssein auch dadurch behauptet, dass sie mit dem Vater Seite an Seite Männerarbeiten verrichtete. Sie war eher klein, scheute aber keine Arbeit, egal wie schwer sie war. „Mit 13 habe ich vom Vater das Sensen gelernt. Wir hatten ein wenig Land und mussten Heu machen für das Vieh. Wir haben Bäume gefällt, die Felder gepflügt und alle anderen Hofarbeiten erledigt. Im Sommer sind wir auf die Alm in die Berge gegangen, und dort habe ich auch mit dem Männern gearbeitet, während meine Schwestern mit der Mutter Essen zubereitet, Käse gemacht und Rahm abgeschöpft haben. Ich hatte genauso viel Kraft wie jeder Bursche“, erinnert sich die letzte Cerović an ihre Jugend.
Bei geselligen Anlässen waren die Männer immer von den Frauen getrennt. Stanas Platz war unter den Männern, wo die ernsthaften Gespräche geführt wurden. Das Mädchen in Männerkleidern war ihnen ein gleichberechtigter Gesprächspartner. 
„Ich habe niemals bei den Frauen gesessen. Worüber sollte ich auch mit ihnen reden? Sie tratschen nur über andere und trinken Kaffee. Papa und ich haben bei einer Zigarette, einem Schnaps­ und Gusle-Musik mit den Männern über vernünf­tige Sachen geredet – über Männer­arbeiten, über die alten Zeiten und die montenegrinischen Helden“, erzählt uns Stana über ihre „Burschenzeit“.
Obwohl sie ihre Vorbehalte gegenüber dem weiblichen Geschlecht deutlich zeigt, hat sich unsere Gesprächspartnerin mit ihren vier Schwestern gut verstanden, während sie über die Mutter nur wenig spricht. Besonders verbunden war Stana mit den beiden Schwestern, die unverheiratet blieben.
„Sie waren die Hausfrauen und ich der Arbeiter. Sie haben meine Kleider ge­waschen, mir die Haare geschnitten und auf mich aufgepasst, als wäre ich ihr Bruder mit goldenen Händen. Wenn wir ausgingen und im Dorf herumspazierten, waren sie bei den Mädchen, und ich bei den Burschen. Einmal habe ich im Vorbeigehen eine ihrer Freundinnen aus dem Nachbardorf gezwickt. Sie hat sich über den unbekannten Kerl beschwert, aber mei­ne Schwestern haben mich nicht verraten“, erzählt die letzte Mannfrau Montenegros mit einem schelmischen Lachen.
„Ich bin nicht alt!“
„Was sagst du, du gibst mir 75 Jahre? Ich bin, vergib mir, nicht mehr als 71 oder 72, ich weiß nicht genau. Wenn ich nicht so gebeugt wäre bis zum Boden, könnte ich noch immer in einem Tag die Wiese mähen. Wenn ich mir diese Haare vom Kopf reißen und mich zivilisieren würde, könntest du sehen, dass ich nicht alt bin“,  sagt Stana, die angeblich mindestens 76 Jahre alt ist, ein wenig eitel.
Auf die Bemerkung  sie wäre ein hübsches Mädchen gewesen, reagierte sie mit einer wütenden Erwiderung: „Ich bin keine Frau, sondern ein Mannsbild!“ Das war der entscheidende Moment im Gespräch, als wir zur weiblichen Seite von Stana Cerović kommen wollten. Verabredungsgemäß ging der Fotograf hinaus, und so war es leichter, Stana zu fragen, wie sie sich in ihrer Jugend mit ihren Brüsten und ihrem Zyklus gefühlt hat. „Ich habe sie nicht plattgederückt, denn sie waren klein, darum hat man sie unter den weiten Pullovern nicht gesehen. Aber dieses andere hat mich gestört, hol’s der Teufel, wenn ich das hatte. An diesen beiden Tagen habe ich noch mehr angezogen, wenn ich arbeiten gegangen bin. Bis vor einigen Jahren hatte ich dieses Pech, aber auch das geht vorbei“, spricht Stana mit gesenktem Kopf über die Probleme, die sie jeden Monat an die verhasste Tatsache erinnerten, dass sie doch kein Mann war. 

Traurige Einsamkeit
Heute kümmern sich die Kinder ihrer ältesten Schwester um Stana. Wann immer sie können, besuchen sie sie, bringen sie ihr Holz, Essen und Wasser. Wenn es Nacht wird, sieht sie die Nachrichten im Fernsehen und gibt zu, dass sie oft jammert und aus ganzem Herzen weint.
„Die Einsamkeit ist schwer, wenn man niemanden zum Reden hat. Ich spreche mit meiner Katze und mit der Kuh, streichle das Kalb... Am schlimmsten ist es im Winter, wenn Schnee fällt, und ich muss einen Pfad zum Stall anlegen. Es kommt der Frost und alles, was ich mit der Hand anfasse, klebt an den Fingern, als wollten sie abfallen. Ich war niemals beim Arzt, aber Krankheiten holen mich jetzt langsam  ein. Ich bedaure nicht, dass ich in meinem Haus geblieben bin.... Ich werde hier sterben, wo auch mein Vater gestorben ist“, beendet Cerović ihre Geschichte. 
Abgesehen von Montenegro, gab es eingeschworene Jungfrau noch im Kosovo und in Albanien. Sie wurden von Klein auf wie Männer erzogen. Diese Sitte datiert Hunderte Jahre zurück, heute ist jedoch fast ausgestorben. In Albanien leben noch etwa zehn von ihnen, und alle haben bereits ein hohes Alter erreicht. Aus dem Kosovo gibt es keine Zahlen, und in Montenegro ist Stana Cerović die letzte. 
„Kommst du wieder?“
Stana wollte die Gäste bis zum Auto begleiten, war aber bereits müde. Die alte Frau ist mittlerweile schwer angeschlagen. 
Wie ein Kind sagte sie beim Abschied: „Vera, kommst du wieder einmal zu mir?“ Es war schwer, ihr zu sagen, dass wir weit weg leben, und so erhielt sie eine Antwort, die ihr die Hoffnung ließ, dass sie wieder einmal eine aufmerksame Zuhörerin aus Wien haben würde. 
Sie beugte sich aus dem Fenster, um uns nachzuwinken und frage den Fotografen: „Weißt du, ob es irgendwo Kugeln für mein Gewehr gibt? Das Gewehr habe ich von meinem Urgroßvater, aber die Munition ist schon lange aus!“.

Vera Marjanović / KOSMO

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