KOSMO-BLOG 07.10.2014

Die Wiener Schule

© zVg.
Kristina Tomić vom OSSAW (Organisation serbischer Studenten im Ausland Wien) erinnert sich in ihrem Blog, wie sie nach Wien kam. Über die großen und kleinen Unterschiede und die Bedeutung der „Wiener Schule“.


„Sup-fe-ra!“ So klang für mich der berühmte Satz “Zug fährt ab“, nachdem ich nach Wien gezogen war. Jeder deutsche Satz klang so fürchterlich, ich war mir sicher Deutsch wäre die hässlichste Sprache der Welt! Ich war mir noch viel sicherer, dass ich die Sprache nie beherrschen würde. Einige Freunde, die mit derselben Haltung nach Wien kamen, reden jetzt mittlerweile besser als manch ein Wiener. Zugegeben, manche brauchten viel länger, denn so viele Serben arbeiten und wohnen in Wien, dass in manchen Stadtteilen nur Serbisch zu hören ist. Wenn noch dazu Heimweh eintrifft, dann funktioniert die Integration einfach nicht mehr.

Systemfehler und Herzinfarkte

Nach den täglichen Deutschkursen, unbekümmerten Spaziergängen, öfteren Dürüm-Schlemmern und Entdeckungstouren durch ganz Wien, kam endlich das richtige Studieren. Die Wiener Administration wird euch umbringen. Ganz Europa behauptet in Wien wäre man am langsamsten was das angeht. Man braucht immer und für alles irgendeine Bestätigung, Urkunde, An- oder Abmeldung. Ich kenne einige Kolleginnen, denen Systemfehler und falsche E-Mail Adressen einen milderen Herzinfarkt bereitet haben. Man gewöhnt sich aber, Gott sei Dank, an alles, daher wird dies auch zu einer Routine, die man nebenbei erledigt.

Nicht nur die Sprache erschien mir am Anfang ungeheuer kompliziert, sondern auch das Prüfungsanmeldesystem. Wir Serben, gewöhnt an die Schalter und die Schalterdamen, konnten mit dem ganzen Do-it-yourself Konzept nichts anfangen. Wären nicht die älteren, erfahrenen Studierenden gewesen, wären wir unangemeldet und uninformiert geblieben. “Unsere Leute” sind eben überall, sie helfen einem gerne und sind sehr kollegial.

“Die Wiener Schule” ist für die meisten auch die Schule des Lebens: Man lernt, wie man alleine zurechtkommt, wie man bügelt, kocht, wäscht (wenn man es davor nicht gekonnt habt) und vor allem, wie man selbstständig wird. Die Kinderliebe unserer Eltern hat keine Grenzen, ihre finanzielle Unterstützung aber sehr wohl. In Wien freut man sich auch über den ersten verdienten Dinar (oder besser gesagt Euro). Man darf und soll stolz darauf sein, denn das was hier ein(e) StudentIn nebenbei verdient, ist manchmal mehr als ein Durchschnittsgehalt in Serbien. Traurig. Aber für uns auch eine große Motivation und Kraft, die uns vorantreibt, wenn wir Angst haben oder uns nach unserem Zuhause sehnen.

Kalte Österreicher – warmherzige Balkaner?

Österreich ist ein Land, in dem der Wille und die Arbeit die einzigen Voraussetzungen für ein besseres Leben sind. Hier im Lande herrschen viele Vorurteile, viele werden sie bestimmt auch haben. Nicht jeder Österreicher ist “kalt” und nicht jeder Serbe “warmherzig”.

Auch wenn Menschen manchmal voreilige Schlüsse ziehen, ihr solltet das nicht tun. Ein Mensch soll nach eigenen Qualitäten beurteilt werden, je mehr man hat, desto leichter kommt man zum richtigen Ort, mit den richtigen Menschen. Wie Bajaga es so schön erklärt hat: „Dies ist eine Stadt in der es keinen Grund gibt allein zu sein“ – arbeitet an euch selbst, seid fleißig und hartnäckig, immer dankbar für die Chancen, die ihr bekommen habt, für die Jugendjahre die ihr durchlebt, seid stolz auf eure Wurzeln und ihr werdet nie alleine sein. Bleibt stark für neue Herausforderungen, denn sie werden immer wieder kommen, aber mit guten Freunden und richtigen Menschen an eurer Seite, werden diese immer nur eine Nebensächlichkeit bleiben.

Kristina Tomić

Ursprünglich erschienen unter ossaw.at/die-wiener-schule bzw. ossaw.at/beckaskola - mit Dank an OSSAW - Organisation serbischer Studenten im Ausland Wien.

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