INTERVIEW 14.04.2015

„Die Welt steht auf Gewalt und Erniedrigung!“

Die Belgrader Anthropologiedoktorin Milica Vučurović hat ihre Forschungsarbeit, die auch als Buch herausgekommen ist („Pornografija. Od pećine do sajber prostora“ - „Pornographie. Von der Höhle in den Cyberspace“) dem Phänomen der Online-Pornographie gewidmet. Mit KOSMO sprach sie über die pornographischen Online-Präferenzen am Balkan.


KOSMO: Welche Pornographie/welchen Sex bevorzugen die Menschen aus Serbien und der Region?

Milica Vučurović: Das Internet ist eine transkulturelle Erscheinung, daher unterscheiden sich die Menschen aus unserer Region beim Thema Pornographie nicht sehr vom Rest der Welt. Die Welt, einschließlich unserer selbst, wird von gewissen Formen von Gewalt, Dominanz oder Erniedrigung stimuliert. In den Ländern des ehemaligen Jugoslawien sind Amateurvideos, durchgesickerte Aufnahmen von Fernsehstars und, sagen wir, falsche Filmcastings populär, in denen Mädchen irregeführt und sexuell ausgenutzt werden. Einzelne User, die sich mit Westeuropa identifizieren, suchen eher magere Frauen und die, die sich mit dem Osten identifizieren, vollere. In Serbien und Bosnien-Herzegowina sind fülligere Frauen zum Beispiel beliebter als in Kroatien.

Gehören auch Frauen aus Serbien und der Region zu den Konsumenten von Pornographie, und wenn ja, was sehen sie am liebsten?

Ja, sie gehören dazu. Die Anonymität des Internets und die steigende Zahl an Angeboten “für Frauen” waren dafür ausschlaggebend. Die Affinitäten der Frauen variieren regional noch weniger, weil die sozioökonomischen und medialen Gegebenheiten ihre Sexualität und Aggressivität weniger beeinflussen. Frauen sehen am liebsten Formen von Gay-Pornographie.

Gibt es Diskrepanzen zwischen dem Selbstbild, das die Menschen aus Serbien von sich haben, und dem, was Ihre Forschungen ergeben haben?

Sie glauben meistens, dass sie Erniedrigung und verbale und situative Aggression nicht erregen. Sie täuschen sich auch darin, dass sie magere und weniger kurvige Frauen und natürliche Schönheit gegenüber Silikonimplantaten bevorzugen. Die Situation vor Ort ist ein bisschen anders. Wer einen sozialen Status genießt, bestreitet auch, Pornographie zu sehen oder limitiert sie auf beschränkte, allgemein akzeptierte Kategorien.

Wie ist das Verhältnis zur Frau, wenn es um Hetero-Pornographie geht?

An der Oberfläche scheint die Beziehung zur Frau in der Gesellschaft eine Hyperemanzipation zu sein, aber unter der Oberfläche wird von den Frauen erwartet, dass sie ihre Emanzipation mit Unterordnung und Schutzlosigkeit bezahlen. Es gibt Kategorien („cheating wife“, „teacher“, „wild and crazy“, „reverse gangbang“ etc.), die die gesellschaftliche Rechtfertigung der Gewalt gegenüber Frauen und ihrer Unterdrückung reflektieren, denn sie präsentieren Frauen als eine Spezies, bei der Betrug und Promiskuität zu den natürlichen Eigenschaften gehören. Im weiteren Kontext sind die Theorien darüber, dass Frauen unterdrückt und als Objekte behandelt werden, nur teilweise richtig: Die User der Internet-Pornographie betrachten eigentlich alle Mitwirkenden als Sexualobjekte. Und das ist auch die Situation aller Menschen in der heutigen Gesellschaft.

Besteht die Gefahr eines Übergreifens der pornographischen Beziehungen auf jene des realen Lebens?


Ja. Sexuelle Aufklärung als solche gibt es nicht, sie ist ein Tabu-Thema, sodass wir uns über das Internet oder direkt über die Pornographie selber informieren, aber auch indirekt über einseitige „Wiki“-Quellen, Blogs oder über Freunde, die selber auf diesem Wege gelernt haben.

Welche Aspekte des Verhaltens von Pornographie Konsumenten würden Sie als besonders ungesund und schädlich herausgreifen?

Physisch: die größere Neigung zur Abhängigkeit von Pornographie, Promiskuität, Gewalt etc. Gesellschaftlich: die Marginalisierung der Geschlechter- und Familienrollen, die Rechtfertigung oder den scherzhaften Umgang mit gewaltsamen Inhalten (einschließlich Pädophilie), das Zum-Objekt-Machen, die Stereotypisierung, die veränderte und unrealistische Vorstellung von Sexualität und den Konsumzwang.

Interview: Uroš Miloradović / KOSMO

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