SPRACHE 12.08.2014

Die Suche nach dem Österreichischen

© zVg.
Während die einen auf eine mangelnde Sprachpflege in Österreich hinweisen, ist dies für die anderen eine normale Folge des ohnehin unaufhaltsamen Sprachwandels.


Immer wieder greift man in österreichischen Medien - üblicherweise während des bekannten journalistischen Sommerlochs - das Thema des österreichischen Deutsch auf. In Österreich sage man kaum mehr "Paradeiser", aber immer öfter "Tomate", nicht mehr "Erdapfel", sondern "Kartoffel" – der deutsche Standard verdränge die österreichische Eigenart, heißt es dann.

Heuer hat man sich seitens der österreichischen Politik und Medien dieses Themas besonders intensiv angenommen. Das Bildungsministerium publizierte sogar eine Broschüre zum österreichischen Deutsch als Bildungs- und Unterrichtssprache mit Unterrichtsmaterialien für Lehrer und Schüler. Die Broschüre wird größtenteils gelobt, vereinzelt auch kritisiert. Eine Frage scheint mir dabei berechtigt zu sein: Warum musste das Ministerium bis 2014 warten, um eine solche Broschüre zu publizieren?

Ein Blick in die Nachbarschaft

Für diejenigen, die den angeblichen Verfall des österreichischen Deutsch und seiner Mundarten beklagen, lohnt vielleicht ein Blick in die Nachbarschaft. In unseren Nachbarsprachen in Ost- und Südosteuropa blieben viele Lehnwörter aus dem österreichischen Deutsch erhalten, die zur Zeit der Habsburgermonarchie gang und gäbe waren und mittlerweile in Österreich als veraltet oder ausgestorben gelten. Diese Wörter wurden vor Jahrhunderten ins Tschechische, Polnische, Ungarische, Serbische, Kroatische oder Bosnische übernommen.

Wenn ein Kroate, Serbe oder Bosnier an Wanderschuhe denkt, fällt ihm als Erstes das Wort "gojzerice" (Goiserer) ein – in Österreich ein eher dialektales, nicht sehr häufig verwendetes Wort. Im Bosnischen, Kroatischen und Serbischen benutzt man sehr oft und häufig das Adjektiv "švorc" (schwarz), um jemanden zu beschreiben, der pleite ist.

Sprachstandardisierungen

Vergeblich sucht man in einem deutschen Wörterbuch oder einem Wörterbuch der österreichischen Besonderheiten nach diesem Wort. Man kann "schwarz" in dieser Bedeutung noch ausschließlich in einem (älteren) Wörterbuch der Wiener Mundart finden. Ähnlich ist es auch mit dem Wort "Esszeug": Kaum jemand in Wien wird dieses Wort noch aktiv verwenden – im Bosnischen, Kroatischen und Serbischen ist "escajg" jedoch immer noch die häufigste umgangssprachliche Bezeichnung für Besteck.

Die meisten deutschen bzw. österreichischen Lehnwörter in ost- und südosteuropäischen Sprachen gehören aber keinesfalls zur Standardsprache. Im Laufe der Sprachstandardisierung wurden viele von ihnen in die Umgangssprache oder in den Slang verdrängt bzw. kamen allmählich außer Gebrauch. Einige erwiesen sich aber im Laufe der Zeit als äußerst stabil – darunter auch manch ein vergessener altösterreichischer Ausdruck, der viele ältere Österreicher noch zum Schmunzeln bringt.

Denn so ist es mit der Sprache – sie ist auch Träger einer gemeinsamen kulturellen Erinnerung, die sich in vielen Fällen dem politischen und gesellschaftlichen Druck entzieht. Die österreichische Sprachidentität ist dementsprechend nicht nur auf das heutige Österreich beschränkt, sie floss auch in andere Sprachidentitäten hinein und prägte sie mit, genauso wie sich im österreichischen Deutsch viele Elemente der tschechischen, ungarischen, italienischen, jiddischen, aber auch bundesdeutschen Sprachidentität wiederfinden können. Fein oder "fajn", nicht wahr?

Nedad Memić / KOSMO

Erstmals am 11. August auf daStandard.at erschienen.

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