KARRIERE 08.06.2015

„Die Stadt gehört uns!“

© Alexander Schuppich / KOSMO
Wien hat eines der besten öffentlichen Verkehrsnetze der Welt. Menschen mit Migrationshintergrund sind schon längst ein ganz normaler Bestandteil davon geworden. Wir haben einige unserer Landsleute bei den Wiener Linien besucht.

2,5 Millionen Fahrgäste am Tag, 931,2 Millionen Fahrgäste alleine im Jahr 2014. Mit über 1.000 Fahrzeugen in knapp 150 Linien und 5.300 Haltestellen ist das eine logistische Meisterleistung. Die Menschen, die das alles möglich machen, stehen meistens im Hintergrund. Sie fallen uns höchstens auf, wenn einmal etwas schief geht. Wir haben uns ein paar von ihnen näher angesehen.

Jadranko Pendić (30): Meine Straße, mein Block, meine Bim!

Heute begleiten wir Jadranko Pendić auf seiner Route mit der Straßenbahnlinie 43. Seine Runde geht vom Schottentor, über die Alserstraße durch Hernals bis nach Neuwaldegg. Es ist Mittag und um diese Zeit sind besonders viele Schüler und Pensionisten unterwegs. An der Dornbacher Straße begegnen wir der 44er Linie. Jadranko und der Fahrer der anderen Straßenbahn winken einander kurz zu, dann macht Jadranko ein Handzeichen: Daumen nach oben und danach vier Finger. Das bedeutet „plus vier Minuten“, erklärt er später, also, wir sind vier Minuten zu spät. Die beiden Fahrer verstehen sich, wir bekommen Vorfahrt. Würde er mit dem Daumen nach unten zeigen, wären wir vier Minuten zu früh. Die Fahrpläne sind genau durchkalkuliert. Über Funk ist der Fahrer mit der Zentrale verbunden, ein kleiner Monitor vor ihm zeigt an, ob er im vorgesehenen Zeitplan liegt. 

„Am meisten regen sich die Leute auf, wenn Straßenbahn nicht auf sie wartet“, weiß Jadranko, aber insgesamt hat er mit den Fahrgästen auch viele lustige Begegnungen – vor allem mit Leuten aus dem ehemaligen Jugoslawien. „Die schauen immer ganz überrascht, wenn sie sehen, dass man ihre Sprache versteht“, lacht der junge Kroate aus Bosnien-Herzegowina. Überhaupt fährt er am liebsten mit der 43 oder der 44, die durch die Ottakringer Straße geht. „Da ist immer was los, da gibt es keine Langeweile“, sagt er grinsend. Auch am Wochenende geht er gerne in die Lokale auf der Ottakringer Straße. Wenn es die Zeit zulässt, denn bei den teilweise extremen Arbeitszeiten ist das keine Selbstverständlichkeit. 

Jadranko ist heute seit 4.58 Uhr auf den Schienen unterwegs. Um 12.15 endet seine Schicht an der Haltestelle Wattgasse, wo er sich am Bahnhof Hernals zurückmeldet. Immer wieder wird er von anderen Fahrern gegrüßt, schüttelt Hände und macht Späße mit den Kollegen. Kollegialität wird hier offensichtlich großgeschrieben. Jadranko, der seit sechs Jahren Straßenbahn fährt, ist sogar Mitglied in einem Fußballverein der Wiener Straßenbahner. „Es ist schon ein cooler Job“, sagt er irgendwann, als er eine der Straßenbahnen in der Garage betrachtet. „Ich würde nicht tauschen wollen.“

Elvir Krajina (38): Ein echter Wiener

Die Straße ist seit jeher das Revier von Elvir Krjina. Den Autobus-Führerschein hat der 38-Jährige  schon als junger Mann gemacht, bevor er bei privaten Unternehmen gefahren. Danach war er jahrelang als Chauffeur für einen Geschäftsmann tätig, fuhr ihn zu seinen Terminen und holte seine Kinder von der Schule ab. Die Stadt kennt er wie seine Westentasche, auf der Straße fühlt er sich wohl. Elvirs Eltern kamen vor mittlerweile 40 Jahren als Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Österreich. Er selbst ist heute ein richtiger Wiener. Mit akzentfreiem Deutsch und wienerischen Einschlag erklärt er uns die Technik der Busse, führt uns durch die Busgarage Rax, in der Nähe des Wienerbergs. Von irgendwelchen Vorurteilen gegenüber Migranten hat er an seinem Arbeitsplatzt noch nie zu spüren bekommen. „Die Leute hier sind wirklich sehr tolerant, egal ob es um Zuwanderer, andere Religionen oder Homosexuelle geht. Alle sind sehr aufgeschlossen.“

Als Mitarbeiter der Garage Rax fährt Elvir sieben Buslinien. Wichtig ist ihm, stets mit Ruhe und Konzentration zu arbeiten. Den Stress baut der ehemalige Boxer mit Sport ab. Auch mit Kollegen aus der Arbeit geht er manchmal trainieren oder laufen. Überhaupt ist ihm der Zusammenhalt unter den Fahrern sehr wichtig: „Man redet mit den Kollegen auch über seine Erlebnisse“, erklärt Elvir.

Die Arbeit hinter einem Lenkrad ist genau das Richtige für ihn. „Mir gefällt es, dass man bei dieser Arbeit selbst die Verantwortung trägt“, erklärt er. „Du sitzt selbst am Steuer und hast alles alleine im Griff.“  Dass er nicht nur Verantwortungsbewusstsein, sondern auch Zivilcourage hat, bewies er auch schon in brenzligen Situationen (siehe KOSMO-Bericht).

Mirela Miletic (29): Job und Liebe in einem

Mirla Miletić ist eine der wenigen Frauen in einem typischen Männerberuf: Die junge Austro-Bosnierin ist Straßenbahnfahrerin. Als Frau in fühlte sie sich in der männlichen Umgebung niemals unwohl: „Die Männer reißen sich schon etwas zusammen, wenn eine Frau dabei ist“, erklärt sie schmunzelnd. Was sie schätzt ist die Kollegialität, wenn es etwa um das Tragen der schweren Sandbehälter geht, die man zum Bremsen der Straßenbahn braucht. „Die Kollegen sind wirklich sehr hilfsbereit, die Stimmung ist sehr positiv“.

Seit mittlerweile sechs Jahren ist die Fahrerkabine einer Straßenbahn ihr Arbeitsplatz. Nach der Handelsschule arbeitete sie als zuerst Verkäuferin in einem Geschäft für Damenbekleidung. Doch das wurde ihr bald langweilig. Dass sie sich für diesen Beruf entschieden hat, bereute sie nie. Was sie an der Arbeit am meisten schätzt? „Es wird nie langweilig“, sagt sie sehr bestimmt. „Du weißt nie, was heute passiert.“ Das einzige, das ihr ein bisschen fehlt, ist die Gesellschaft. „Man sitzt die meiste Zeit alleine in seiner Kabine. Dafür muss man schon ein bisschen der Typ sein.“, erklärt die junge Frau, die in ihrer Freizeit gerne mit ihrem Hund, einem Chihuahua, spazieren geht.

Eine Sache, das für die meisten Kolleginnen und Kollegen mit Familie ein Problem ist, nimmt die gelassen: nämlich die unregelmäßigen Arbeitszeiten, mal tagsüber mal nachts, mal am Wochenende oder an Feiertagen. Der Grund dafür ist einfach: Ihr Ehemann Zlatko ist ihr Kollege. Die beiden haben sich bei ihrer Arbeit kennengelernt und sind seit mittlerweile vier Jahren verheiratet. „Ich habe jahrelang nach meiner Frau gesucht“, sagt Zlatko heute. Gefunden hat er sich an seinem Arbeitsplatz.

Ljubiša Buzić / KOSMO

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