INTERVIEW: DIVANHANA 05.11.2014

Die Revolution des Sevdah

© Divanhana
Zum ersten Mal kommt Divanhana mit den Klängen ihres modernen Sevdahs direkt aus Sarajevo nach Wien. KOSMO verrät Ihnen, was das Besondere an dieser Gruppe ist und warum man ihre Konzerte am 15.11. in Wien und am 22.11. in Linz auf keinen Fall versäumen sollte.


Die Idee traditioneller Musik in Form einer Fusion von Jazz, Pop und klassischer Musik des 20. Jahrhunderts brachte Anfang 2009 acht junge Menschen von der Sarajevoer Musikakademie zusammen und es entstand die Band Divanhana. Seitdem entwickeln die jungen Künstler mit Stolz eine gemeinsame Vision: modern zu sein, aber traditionell und der Sevdah verhaftet zu bleiben.

KOSMO: Divanhana ist mit seiner neuen Sängerin Leila gelinde gesagt, aufgeblüht. Bis dahin wart ihr der Zusammensetzung nach eine rein männliche Band...

Divanhana:
Die Band hatte bis 2011 einen männlichen Sänger, Vanja Muhović, mit den wir unser erstes Album „Dert“ aufgenommen haben. Das Album war eine wertvolle Erfahrung. Allerdings hatte die Band das Problem, dass ihr ganzes musikalisches Können schüchtern hinter dem dominanten Sänger verborgen blieb. Was wir erreichen wollten, ist eine Einheit, die Verschmelzung zwischen dem Sound der Band und der Stimme des Sängers zu einem Ganzen. Darum hat uns Leila definitiv eine gewisse musikalische Utopie geboten.

Euren Namen „Divanhana“ können viele sicher nicht verstehen, denn es ist ein Turzismus (eine Entlehnung aus der türkischen Sprache). Könnt Ihr uns die Bedeutung erklären?

Die Divanhana ist ein Teil eines alten bosnischen Hauses, eine Art Vorläufer des Wohnzimmers, in dem die Menschen nach einem anstrengenden Arbeitstag zusammengekommen sind. Dort haben sie gesessen und miteinander geredet, und so sind viele Sevdalinke entstanden. So haben auch wir als Gruppe angefangen. Wir haben uns getroffen, geredet und Selimović gelesen – und in dessen Büchern kommt das Wort „Divanhana“ häufig vor.

Warum habt ihr euch als Band gerade für die Sevdalinka entschieden?


Vor allem aus echter Liebe zum traditionellen Lied unseres Landes. Als wir noch in den Studentenclubs waren und Musikgeschichte studiert haben, sind wir häufig auf die Tatsache gestoßen, dass viele große Komponisten irgendwann zur traditionellen Musik zurückgekehrt sind und daraus Inspiration bezogen haben. Divanhana hat ihre Utopie darin gefunden, die Sevdalinke zu pflegen und vor allem den jüngeren Generationen zu vermitteln.

Was ist, eurer Definition zufolge, eine Sevdalinka, d.h. wodurch zeichnet sie sich aus?

Wir werden keine floskelhaften Erklärungen abgeben wie: “Die Sevdalinka ist ein Lebensstil” oder “in Bosnien-Herzegowina nimmt man die Sevdalinka schon mit der Muttermilch auf”. Wir haben in über 40 Orten in Bosnien-Herzegowina gespielt - in einigen Gegenden ist die Sevdalinka sehr gut bekannt, in anderen erheblich weniger. Nach der Definition ist die Sevdalinka ein traditionelles urbanes Lied aus Bosnien-Herzegowina. Im Unterschied zum heutigen Leben, wo alles auf die Computerisierung und virtuelle Kontakte hinausläuft, sind die Leute damals, vor langer Zeit, nach einem anstrengenden Arbeitstag in ihre Häuser in die Intimität ihrer Familien zurückgekehrt. Die Sevdalinka stellt für uns einen Widerhall der guten alten Zeit und eines Lebensstils dar, von dem wir noch heute lernen können.

Interessant ist, dass der Einband eures zweiten Albums aus recyceltem Material hergestellt ist. Wie wichtig ist euch das?

Es ist uns aus zwei Gründen wichtig: aus einem moralischen und einem kreativen. Es gibt immer Raum, moralisch und kreativ zu sein. Wenn wir die Musik, die wir machen, als etwas Reines, Unberührtes und Unschuldiges sehen, das wir bewahren wollen, dann passt dieses Prinzip der Erhaltung von etwas Heiligem wie unserem Planeten perfekt in die ganze Idee des Musikmachens und der Kunst als Ganzem.

Was sind eure weiteren Pläne, arbeitet ihr schon an etwas Neuem?

Divanhana arbeitet immer an irgendetwas Neuem (lacht). Im Januar haben wir ganz unerwartet eine Einladung des bosnisch-herzegowinischen Fußballverbands bekommen, für unsere „Drachen“ „Zvjezda tjera mjeseca“ („Der Stern treibt den Mond“) aufzunehmen, und daran arbeiten wir seitdem mit Volldampf. Im Moment sind wir auf Tournee durch Serbien, Kroatien, Slowenien, Italien, Deutschland, Frankreich und Österreich. Und wir stecken auch schon mitten in den Vorbereitungen für unser neues Album, das wir im nächsten Frühjahr veröffentlichen wollen. Alles in allem haben wir viel geschafft und haben noch viel zu tun, genug, um mit dem Singen zu beginnen.

Interview: Sandra Radovanović / KOSMO

www.divanhana.ba

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