INTEGRATION 23.10.2013

„Die Muttersprache muss Pflichtfach werden“

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Mit Mustafa Selimspahić, dem Vorsitzenden des neugegründeten Vereins der Muttersprachenlehrer Österreichs, haben wir über die Situation dieses Fachs in den Schulen gesprochen.


KOSMO: Wie ist die Qualität des Muttersprachenunterrichts an den öffentlichen Schulen in Österreich?

Mustafa Selimspahić: Im Schuljahr 2010/2011 wurde Muttersprachenunterricht in 21 Sprachen erteilt, und zwar von 426 Lehrerinnen und Lehrern, meistens zwei Stunden pro Woche. Der Muttersprachenunterricht erfolgt nach einem Lehrplan, den das Bildungsministerium der Republik Österreich vorschreibt. Die Muttersprachenlehrerinnen und -lehrer sind für diese Arbeit sehr gut qualifiziert.

Ähnliche Angebote für Zuwanderer gibt es in anderen EU-Staaten nicht. Welches Land können wir uns dennoch in der Vermittlung der Muttersprache zum Vorbild nehmen?

Der Muttersprachenunterricht ist kein Pflichtfach, das gesetzlich vorgeschrieben ist, sondern es ist ein freiwilliges Angebot der Republik Österreich. Leider haben andere EU-Staaten diese Art des Unterrichts nicht oder haben sie, wie in den Niederlanden, aus Spargründen abgeschafft. In Deutschland gibt es ihn in einigen Bundesländern, aber meistens auf privater Basis, und zwar indem die Eltern oder ein Verein das Lehrpersonal bezahlen. Dasselbe gilt für die Schweiz. In diesen Ländern besucht eine denkbar geringe Zahl von Schülern den Muttersprachenunterricht (meistens unter 10 Prozent). Das einzige leuchtende Beispiel ist Schweden, wo der Unterricht innerhalb der regulären Unterrichtszeiten stattfindet und ähnlich organisiert ist wie in Österreich.

Unlängst wurde auch der Verein der Muttersprachenlehrer/-innen Österreichs gegründet. Was sind Ihre Ziele?

Der Verein der Muttersprachenlehrer/-innen Österreichs – VMLÖ  wurde mit dem Ziel gegründet, alle MuttersprachenlehrerInnen zu vertreten, die auf dem Gebiet der Republik Österreich unterrichten. Der Verein hat die Absicht, Gesprächspartner der zuständigen staatlichen Behörden Österreichs zu werden, wenn es um alle Statusfragen der MuttersprachenlehrerInnen geht. Ein wichtiges Segment der Vereinstätigkeit wird die Unterstützung des Integrationsprozesses und die Herstellung echter Mehrsprachigkeit an den österreichischen Schulen sein.

In der letzten Zeit gibt es Initiativen zur Reform des Unterrichts der bosnischen, kroatischen und serbischen Sprache in österreichischen Schulen. Braucht es Reformen?

Bestimmte Veränderungen und Verbesserungen sind für alle Muttersprachen sicher nötig, nicht nur für die bosnische, kroatische und serbische bzw. serbokroatische Sprache. Das sind die offiziellen Bezeichnungen dieses Unterrichtsfachs. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen alle Sprachvarianten gleichberechtigt behandeln, ohne die Schüler entlang ethnischer Linien zu trennen. Als erstes muss die Muttersprache den Status eines regulären Unterrichtsfaches bekommen. Das wäre die dritte und endgültige Stufe in der Entwicklung des Muttersprachenunterrichts in der Republik Österreich. Die zahlreichen Migrantenverbände können einen unschätzbaren Beitrag leisten und die Eltern ermutigen, das Angebot des Muttersprachenunterrichts zu nutzen. Jeder andere Zugang zu dieser Frage wäre ein Schritt zurück.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Mehrsprachigkeit im österreichischen Bildungssystem?

Mehrsprachigkeit ist als Begriff im österreichischen Bildungssystem fest verankert und gehört zum Alltag. In Zukunft wird sie noch mehr an Bedeutung gewinnen.


Interview: Nedad Memić / KOSMO

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