SATIRE 08.04.2014

Die Leiden des Andreas Mölzer

© zVg.
Der Autor und KOSMO-Redakteur Uroš Miloradović schreibt „Geschichten aus dem kurzsichtigen Winkel“:


Wenn es eine Figur in der Weltliteratur gibt, die das existenzialistische Drama des Andreas Mölzer am besten verkörpert, dann kann das keine andere sein als Sonja Marmeladowa von Dostojewski.

Erinnern wir uns kurz an diesen Charakter: Im Roman „Schuld und Sühne“ des bekannten Russen ist Sonja das selbstlose, religiöse Seelchen, die Tochter und Schwester, die sich der Prostitution hingibt, um das Überleben ihrer Familie zu ermöglichen. Sonjalein ist in einem solchen Maße opferbereit, dass sie, trotz ihrer innigen Liebe zu Gott und der Gewissheit ihrer ewigen Verdammnis, ohne Überlegung ihren Körper und ihre Seele für Geld aufopfert und damit bereitwillig das Mal der Schande auf sich nimmt – nur, um ihre Familie vor dem kalten und hungrigen Winter St. Petersburgs zu retten. So ähnlich muss es Andreas Mölzer gehen.

Ich stelle mir Mölzer vor, wie er in einem dürftig möblierten Zimmer sitzt und  mit den Zähnen knirscht. Die Wände sind mit verblassten, an einigen Stellen von eingerissenen Tapeten bedeckt. Die Decke ist verrußt, in der Luft vermischen sich Gerüche aus der armseligen Küche mit dem beißenden Rauch des Brennholzes und den muffigen menschlichen Ausdünstungen.

Als Mölzer wütend auf die abgebrochenen Spitzen seiner groben, ausgetragenen Stiefel starrt, wehrt sich sein ganzes Wesen gegen das Übel, das die Europäische Union für ihn darstellt. Der Hass steigt in ihm hoch, gegen all die faden Dienstreisen in der Business Class nach Brüssel, gegen die unbequemen Sitzbänke für Abgeordnete, gegen das kalte, unpersönliche Parlament der EU und das schreckliche Essen in der Mensa des hohen Hauses. (Die Menüs sind zwar günstig und subventioniert, aber jeder Bissen dieses Abgeordnetenfutters ist mit Demütigung und Kränkung getränkt.) Und als er sich selbst wieder einmal verspricht, dass er nie wieder einen Fuß in dieses Parlament setzen wird, tritt seine Gemahlin mit Wehklagen ins Zimmer:

„Andreas, wir haben kein Geld fürs Brennholz, die Kinder frieren schon!“ Ihre Augen sind rot und geschwollen vom Weinen, ihre Lippen zittern. Als sie spricht, klammern sich ihre Hände an die fleckige Schürze. Ein gewaltiger Hustenanfall verzerrt ihre Gesichtszüge und beugt sie nach vorne.

„Mutter, wir müssen den Arzt rufen, deine Tuberkulose wird immer schlimmer“, Mölzer ist verzweifelt.

„Womit sollen wir das bezahlen, Andreas? Ich bitte dich! Die Kleinen haben seit gestern nichts gegessen! Dieses Schwein, der Bäcker, gibt uns kein Brot mehr auf Kredit!“

In diesem Moment öffnet sich die Tür und ein halbes Dutzend weinender Kinder kommt herein. Ein kleiner Chor mit großen, vom Hunger geweiteten Augen. Die jüngste Tochter, Vaters Liebling, klettert auf seinen Schoß, umarmt seinen Hals mit ihren zerbrechlichen Ärmchen und stößt ein Winseln hervor: „Papi, wo ist unsere Pippa? Pippa ist verloren gegangen.“ Mölzer beißt sich in die Lippe. Er hat nicht den Mut, dem Kind zu gestehen, dass Armut und Hunger ihn gezwungen haben, Pippa, das Pony der Kleinen, vor einer Woche zum Metzger zu bringen, der es zu Wurst verarbeitet hat.

„Ich kann das nicht von dir verlangen, Andreas“, ruft seine Frau wieder. „Ich weiß, wie erniedrigend klein das EU-Tagegeld ist und ich verstehe wie beschämend es für dich sein muss, dorthin zu fahren und zu lobbyieren, tagein, tagaus. Einst in meiner Jugend habe ich eine entzückende Stimme gehabt und habe dazu Gitarre gespielt. Ich gehe fort mit den Kindern. Ich werde spielen und die Kleinen werden singen. Wir werden betteln – und warum auch nicht… Unser Volk ist gut und barmherzig, es sieht unsere Not und es wird nicht erlauben, das wir verhungern…“ Halb verrückt vor Qual und Armut verlässt Mölzers Frau das Zimmer. Nur der kampfhafte Husten hallt hinter ihr nach.

So vergräbt der gedemütigte Mölzer sein Gesicht in den Händen und verflucht im Stillen sein bitteres Schicksal. Sich seiner totalen Niederlage bewusst, ist ihm klar, dass er noch einmal seine Ideale mit Füßen treten und seine Seele für ein Stück Brot prostituieren muss. Geschlagen steht er auf, wirft sich den alten Mantel im dunklen Vorraum über die Schultern und macht sich todmüde wieder auf den Weg nach Brüssel, diesem Volksgefängnis, diesem Negerkoglomerat, diesem Dritten Reich Europas.


Uroš Miloradović / KOSMO

Lesen Sie diesen Text auch im Original:

Jadi Andreasa Mölzera

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