INTERVIEW 23.03.2015

Die Geburt des Jugo-Rock

© Alekandar Stojković
Der Belgrader Publizist und Musikjournalist Ivan Ivačković begleitete uns auf eine Reise in die Vergangenheit der jugoslawischen Rock-Musik. Wir sprachen mit ihm über sein Buch „Kako smo propevali – Jugoslavija i njena muzika“ (Jugoslawien und seine Musik).


KOSMO: Kürzlich ist die vierte Auflage deines Buchs „Kako smo propevali“ herausgekommen. Worum geht es da?

Ivan Ivačković:
Es geht um die Geschichte der Popmusik in Jugoslawien. Mein Wunsch war es, durch die Geschichte der Musik die Geschichte Jugoslawiens zu erzählen, eines Landes und seines Sounds. Außerdem ist es auch ein Verzeichnis meiner persönlichen Erinnerungen, ein Museum der Erinnerungen einer Generation, die ihre goldenen Jahre in der Sozialistischen Bundesrepublik Jugoslawien verbracht hat. Es sind Erinnerungen an die Lieder und Platten, die uns geformt haben.

Was waren die spezifischen Bedingungen, die die Entwicklung des Rock’n’Roll in Jugoslawien möglich gemacht haben?

Der Rock ist eine Musik, die ihrer Natur nach in Opposition zum Establishment steht. Es ist interessant, dass der jugoslawische Staatssozialismus die ungehinderte Entwicklung des Rock zugelassen hat. Ein noch schlauerer Schritt war es, dass die Regierung die Rockmusiker an sich gebunden hat, indem ihnen Anerkennungen und Preise verliehen wurden. Zu Titos Lebzeiten haben Schriftsteller, Regisseure, Parteimitglieder etc. im Gefängnis gesessen, aber kein einziger Rockmusiker.

Wann begann die Popmusik in Jugoslawien? Gibt es da ein Datum?

Ein genaues Datum lässt sich nicht nennen, aber man kann sagen, mit wem sie begann. Sie begann mit Đorđe Marjanović. Er war der erste, der das Mikrofon vom Ständer genommen und die starre, hölzerne Haltung auf der Bühne aufgegeben hat. Er ist mit dem Mikrofon ins Publikum gegangen – vier Jahre vor Jagger und sieben vor Morrison. Mit ihm begannen die erste große Hysterie und die erste Euphorie. Die zweite Welle kam dann mit Siluete und Zoran Mišćević und die dritte und größte mit Bijelo Dugme. Das war der Wendepunkt und der Moment, in dem der wahre Rock’n’Roll geboren wurde, weil der Rock seiner Natur nach ein Massenphänomen sein muss.

Was brachte diese Zeit hervor?


Bijelo Dugme entstanden in den Siebzigern und im gleichen Jahrzehnt kam auch ein anderer ewiger Star auf: Zdravko Čolić. Bijelo Dugme hat den Look der jugoslawischen Teenager definiert, so wie die englischen sie von den Beatles bekamen. Und Zdravko Čolić war der Ausdruck des Geschmacks der Mittelklasse. In den Siebzigern lebte die Mittelklasse in Jugoslawien besser als irgendwann sonst. Die Achtziger waren unter zwei Aspekten eine komische Dekade: Einerseits gab es die Neue Welle, eine weitere Revolution in der einheimischen Musik, die es uns erlaubte, ohne Minderwertigkeitsgefühl nach London oder Amerika zu blicken, und gleichzeitig hatten wir Lepa Brena, die die Evita Peron unserer Volksmusik und ein unantastbarer Balkanstar war. Dann kamen die Neunziger, in denen der Turbofolk aufkam, der der Musik und der Kultur dieser Region das Rückgrat gebrochen hat.

Wie stand die jugoslawische Regierung zur Volksmusik?

Die jugoslawische Regierung war der Meinung, dass die neukomponierte Volksmusik, die in den 60-er Jahren aufgekommen wurde, Schund und eine Banalisierung der ursprünglichen Volksmusik war. In den 1980ern kam Lepa Brena. Sie eroberte nicht nur die offiziellen Medien, sondern machte sie sich sogar Untertan. Und damit rächte sie sich beim Establishment für die Vernachlässigung der Volksmusiker. Die Milošević-Regierung hat den Rock dann völlig untergraben, was für diese Szene vielleicht gar nicht schlecht war, denn der Rock bekam endlich das, was er früher nicht hatte, und zwar die Dimension von Widerstand und Zorn gegen das Establishment.

Wie beurteilst du die Popmusik in Serbien und international heute?


Vielleicht ist es ein bitterer Trost, dass die gute Musik nicht nur bei uns untergegangen ist, sondern in der ganzen Welt. Musik war früher einmal lebenswichtig, eine Art Personalausweis. Du gehst auf der Straße mit einer Platte unter dem Arm und jemand kommt dir entgegen. Am Plattencover konntest du erkennen, wer das ist und wie er tickt. Heute gibt es das nicht mehr. Die Kids spielen ein Lied auf YouTube und vergessen es, bevor es noch zu Ende ist.

Uroš Miloradović / KOSMO

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