INTERVIEW 03.06.2015

„Die EU wird Kroatien verschlingen“

© Peter Provaznik / KOSMO
Oliver Dragojević, einer der bekanntesten kroatischen Sänger, trat im letzten Monat im burgenländischen Großwarasdorf auf. Bei dieser Gelegenheit gab er unserer Zeitschrift eines seiner seltenen Interviews.

Trotz seiner 67 Jahre und einer anstrengenden Amerikatournee, die erst im vergangenen Monat endete, wirkte der kroatische Sänger Oliver Dragojević kein bisschen müde, als wir ihn im Burgenland trafen.

KOSMO: Wie war es auf der Amerikatournee? Müdigkeit sieht man dir nicht an…


Oliver: Naja, ehrlich gesagt ermüdet mich das Reisen, aber nicht die Konzerte selbst. Die Konzerte erledige ich noch immer ohne große Folgen. (lacht)

Seit 1986 gastierst du jährlich im Burgenland und die Konzerte sind immer ausverkauft. Wie ist es für dich, wieder hier zu sein?


Ich liebe das Burgenland, unsere Burgenländer Kroaten und alle Menschen, die zu den Konzerten kommen. Aber als mir heute jemand sagte, dass dies das neunundzwanzigste Jahr in Folge ist, dass ich im Burgenland gastiere, war ich schon ein bisschen geschockt. Da wird dir bewusst, wie lange du schon dabei bist, und damit auch die Tatsache, wie alt du bist. Aber die Musik ist mein Leben und ich werde auftreten, solange ich kann.

Die Musik ist dein Leben und das Meer ist deine Inspiration und der Ort, an dem du mentale Ruhe findest, oder?


Das Meer ist Leben, mindestens ebenso sehr wie die Musik. Nach meinen Tourneen finde ich am Meer Ruhe und es folgt eine stillere Periode. Das ist für mich noch immer unglaublich entspannend.

Ich habe gehört, dass du vehement gegen Pläne ankämpfst, in der Adria nach Öl zu bohren. Du hast erwogen, in die Politik zu gehen.


Die Politik hat mich nie sehr interessiert, aber wenn jemand unser Meer angreift, dann werde ich empfindlich. Das ist der einzige Grund, aus dem ich in die Politik gehen würde. Nichts anderes hätte mich je dazu bringen können, mich mit Politik zu beschäftigen, weder Kriege noch Krisen noch irgendetwas anderes.

Ich würde trotzdem gerne deine Meinung zur politischen und gesellschaftlichen Situation in Kroatien hören.


Ja, was soll ich sagen? Die Menschen haben kein Geld, alle leben von der Hand in den Mund. Unseren Staat führen außerordentlich schwache Leute. Schau dir mal das Burgenland an, wo wir heute sind. Hier ist alles gepflegt, bewirtschaftet, hier wird gearbeitet und produziert. Und jetzt nimm Slawonien, das ganz Europa ernähren könnte, aber wir nutzen das alles kein bisschen, sondern importieren genetisch modifizierte Lebensmittel. Nicht einmal den Tourismus nutzen wir voll aus. Und jetzt sagen sie, wir werden mit der Ölförderung Geld verdienen. Den Teufel werden wir Bürger verdienen, verdienen werden irgendwelche globalen Player.

Daraus könnte ich schließen, dass du ein Gegner des Systems bist.

Ich bin kein Gegner des Systems. Ich bin ein Gegner der Ungerechtigkeit.

Wie siehst du die EU-Mitgliedschaft Kroatiens in diesem Zusammenhang?

Wenn du mich fragst, wie wir leben, seitdem wir in der EU sind, kann ich dir sagen, dass wir kein bisschen besser leben. Letztendlich sind wir für sie ein zu kleines Land. Sie nehmen das Beste von uns und wir bekommen nichts oder nur ein winziges Krümelchen.

Kommen wir zurück zur Musik: Wie siehst du die heutige Szene?

Im globalen Sinne sind wir doch immer noch ein kleines Land. Hier gibt es kaum etwas, das wichtig und bedeutend ist. Zum Beispiel sind wir beim Song Contest schon seit zwei Jahren nicht dabei. Aber dennoch haben wir mit unseren Tamburicas, unserer Folklore und der Klapa etwas zu bieten… Auf der anderen Seite verschluckt uns im weiteren Sinne doch die Amerikanisierung. Wenn ich „The Voice“ oder „Idole“ im Fernsehen einschalte, sehe ich, dass die meisten auf Englisch singen. Das ist kein Sonderproblem der kroatischen Szene, sondern eines der ganzen Welt. Das ist heutzutage einfach so.

Wenn wir über mediterrane Klänge sprechen, siehst du schon einen Nachfolger für dich heranreifen?

Ich habe keinen Nachfolger. Das wäre auch nicht gut. Besser, jeder ist er selbst, ein Original, und nicht irgendjemandes Nachfolger.

Wenn Du von Originalen sprichst, fällt mir sofort der verstorbene Dino Dvornik ein. Fehlt dir Dino?

Und wie er mir fehlt! Dino war einfach er selbst, etwas Besonderes, Einzigartiges. Er fehlt uns allen. Stimmt, manchmal war es einfach verrückt, mit ihm zu arbeiten, denn er war zwei Tage gut drauf und dann wieder drei Tage schlecht, aber in unserer Szene hat er eine große Spur hinterlassen.

Was hört Oliver heute privat am liebsten?


Du wirst es nicht glauben, aber ich höre fast nur Jazz. Denn der Jazz ist kein moderner Trend oder irgendeine Instant-Musik, sondern er war von jeher und ist noch immer die Musik der echten Gefühle. Dabei kann ich mich am besten entspannen. Und irgendwie finde ich ihn auch am ehrlichsten.

Hast du noch große Pläne?


Naja, ich habe ein Projekt, bei dem ich in Las Vegas in der Begleitung von weltbekannten Musikern auftreten werde. Das wird ein echtes Spektakel. Das war immer mein Ziel. Wir wollen zeigen, dass wir, egal wie klein wir sind, der Welt viel zu bieten haben.

Du bist einer der wenigen kroatischen Musiker, die, wie sie es in den neunziger Jahren angekündigt haben, tatsächlich noch immer nicht in Serbien und Montenegro auftreten. Ist es nicht Zeit, dass Oliver die Belgrader Arena füllt?


Nein, ist es nicht. Ich bleibe meinem Wort und mir selber treu. Sie haben mir viel Geld geboten, aber Geld ist für mich kein Grund. Die Kollegen sollen machen, was sie wollen, da mische ich mich nicht ein. Ich weiß, dass ich in Serbien und Montenegro viele Fans habe, aber die kommen regelmäßig zu meinen Konzerten nach Slowenien, Bosnien-Herzegowina, aber auch nach Kroatien. Sie kommen, wir fotografieren uns zusammen, reden miteinander, aber ich bleibe bei dem, was ich gesagt habe. Ich sehe da überhaupt kein Problem.

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