SPORT 05.09.2013

Die Balkanstrategen

© KOSMO / Radule Božinović
RIVALEN IM INTERVIEW. KOSMO lud die Cheftrainer der beiden Stadtrivalen zum Gespräch: Zoran Barišić vom SK Rapid und Nenad Bjelica vom FK Austria Wien.


Seit sie die Trainersessel der beiden stärksten Wiener Fußballclubs übernommen haben, sind Nenad Bjelica und Zoran Barišić ständig von Sportjournalisten und begeisterten Fans belagert. Dass Trainer aus dem ehemaligen Jugoslawien die stärksten österreichischen Fußballclubs leiten, ist eigentlich keine Neuheit. Man muss nur an Otto Barić denken, der noch heute in der Geschichte des österreichischen Fußballs der erfolgreichste Trainer der Nachkriegszeit ist.

Bjelica hat in nur wenigen Monaten in Österreich Fußballgeschichte geschrieben, indem er die Austria mit einem sensationellen Sieg über Dinamo in die Champions League geführt hat. Aber dass beide, sowohl „Zoki“ als auch „Neno“, große Ambitionen haben, haben sie in einem exklusiven Gespräch für KOSMO verraten.


KOSMO: Neno, du hast die Medien, die Experten und die Fans in nur zwei bis drei Monaten Arbeit begeistert. Du bist mit dem Sieg über Dinamo in die Clubgeschichte eingegangen.

Bjelica: Ich kann meine Freude gar nicht beschreiben. Ich bin überglücklich, wirklich. Obwohl es gegen Dinamo, der in beiden Matches die Favoritenrolle innehatte, schwer, dornig und höllisch war, haben wir es aus eigener Kraft geschafft, unseren Traum wahr zu machen und in die Liga aller Ligen einzuziehen. Es ist uns zugute gekommen, dass uns die Zagreber im ersten Match unterschätzt haben. Ich habe die ganze Zeit an meine Mannschaft geglaubt, selbst dann, als wir 1:3 zurücklagen. Weil ich unsere Qualitäten kenne, wusste ich, dass wir es noch schaffen können.

Zoki, Rapid hat es auch geschafft wieder in die European League zu kommen. Was sagst Du zu den Gegnern in eurer Gruppe: Dynamo Kiew, KRC Genk und FC Thun?

Barišić: Wir freuen uns auf die Duelle mit starken Mannschaften, wobei ich uns nicht unbedingt als Favorit sehen würde. Unsere Mentalität ist es, von Spiel zu Spiel zu schauen. Für uns ist es einmal wichtig, es in die Gruppenphase geschafft zu haben, wo wir uns weiterentwickeln möchten

Atletico Madrid, FC Porto und Zenit St. Petersburg - das sind die Gegner der Austria in der Champions League. Neno, wie bist Du mit dem Los zufrieden?


Bjelica: Vielleicht sind die Gegner nicht so attraktiv wie die anderen Topteams in der Champions League. Es ist weder Real noch Barcelona in unserer Gruppe dabei. Aber gegen jede dieser Mannschaften ist es für uns eine große Herausforderung. Wir werden auf jeden Fall alles am Platz geben, aber natürlich wäre es vermessen zu behaupten, dass wir die Gruppenphase bestehen werden. Man muss realistisch bleiben.

Die Austria hat, nach den jetzigen Spielen zu urteilen, ihre kleine Krise vom Beginn der Meisterschaft
überwunden.


Bjelica: Wir sind nicht so in die Saison gestartet, wie wir uns das vorgestellt haben, aber alles braucht seine Zeit, und so haben auch wir unsere Zeit gebraucht, um in die Form zu kommen, die wir jetzt zeigen und die wir, realistisch gesehen, auch haben müssen. Ich musste den Spielern erklären, dass wir uns auf den alten Resultaten und dem Meistertitel nicht ausruhen dürfen. Im Fußball interessiert wirklich niemanden, was Du gestern erreicht hast, sondern wie Du heute spielst.

Zoki, wie kommentierst du den Einzug der Austria in die Champions League?

Barišić: Natürlich weiß man, dass die Austria unser Hauptgegner ist, aber das ist tatsächlich ein großer Erfolg. Ich kann Bjelica und dem gesamten Team der Austria nur gratulieren.Ein großer Erfolg für den österreichischen Fußball.

Wie ist es, am Steuer von Rapid zu sitzen? Viele sind der Meinung, dass du „jetzt endgültig und verdientermaßen die Gelegenheit dazu bekommen hast“.

Barišić: Trainer von Rapid zu sein, bringt große Verantwortung mit sich, denn der Druck ist, wie wir alle wissen, außerordentlich hoch. Rapid ist ein alter Arbeiterclub, der österreichische Rekordmeister mit den meisten Fans, und ich glaube, ich kann sagen, auch der Club mit dem höchsten Zuschauerinteresse. Darum ist die Herausforderung enorm groß. Eine größere Herausforderung gibt es in Österreich nicht. Jedenfalls nicht für mich als alten Rapidler.

Rapid hatte einen guten Saisonstart, aber dann ließ die Form im Spiel gegen schwächere Gegner wie die Admira (0:2) und Grödig (0:1) plötzlich nach. Wie kommentierst du diese Formschwankungen?

Barišić: Wir dürfen nicht vergessen, dass es hier um einen langfristigen Prozess geht, den wir durchlaufen. Ich bin überzeugt davon und glaube, dass wir in einem oder spätestens in zwei Jahren ein phänomenales Team haben werden.

Ihr beide leitet Clubs, in denen der Titel, unabhängig von der Form, immer Thema ist. Ist der Titel für Euch das Ziel dieser Saison?

Barišić: Wenn Du bei Rapid spielst oder Rapid trainierst, ist das Ziel immer die Spitze. Das ist einfach sound das ändert sich nicht. Auch nicht mit einem neuen Trainer.

Bjelica: Wir haben uns unseren Traum erfüllt und ziehen in die europäische Champions League ein. Aber natürlich ist es auch unser Ziel, den Titel dahin zu bringen, wo er sich auch jetzt befindet, nämlich wieder in den zehnten Bezirk. Das muss im Endeffekt auch der Ehrgeiz eines Teams mit dieser Qualität sein.

Wenn wir schon bei den europäischen Erfolgen der österreichischen Clubssind: Zoki, du warst als Spieler Mitglied der goldenen Generation von Rapid, die Mitte der neunziger Jahre im Finale des Europapokals der Pokalsieger gespielt hat. Glaubst du, dass ein solcher Erfolg auch heute möglich ist?

Barišić: Nichts ist unmöglich, so ist das im Fußball. Tatsache ist aber, dass sich seitdem vieles verändert hat. Für kleinere Clubs ist es heute schwerer, das Eis zu brechen. Sie haben nicht annähernd die finanziellen Mittel wie die anderen, großen europäischen Clubs. So etwas zu schaffen, wäre gelinde gesagt sensationell. In unserer Generation haben viele Dinge zusammengespielt. Wir waren eine echte, eingespielte Truppe mit starken Individualisten, die jederzeit ein Spiel entscheiden konnten.

Zoki, kannst du etwas zu den Gerüchten sagen, dass Niko Kranjčar bei Rapid spielen wird? Er hat in Interviews mehrmals erklärt, dass er seine Karriere gerne hier beenden würde.

Barišić: Schön, dass Niko Kranjčar sich mit dem Club verbunden fühlt, in dem er als Kind seine ersten Fußballschritte gemacht hat. Aber realistischgesehen ist Niko derzeit für Rapid finanziell eine viel zu große Nummer. Denn selbst wenn er beim Kiewer Dynamo auf der Bank sitzt, verdient er zwölf mal mehr, als das bei Rapid der Fall wäre. Derzeit halte ich das für unrealistisch. Aber man soll niemals nie sagen...

Was ist mit neuen Talenten vom Balkan in Österreich? Gibt es die?

Barišić: Sicher gibt es die! Auch ich habe in einem der Wiener Käfige mit dem Fußballspielen begonnen, und unter den Kindern der Zuwanderer findet man auch heute zahlreiche Talente. Natürlich sehen auch wir den Trend, dass viele mit Computern und mit Videospielen aufwachsen. Darum rate ich den Eltern: Schickt Eure Kinder zum Sport!

Bjelica: Man muss sich nur die österreichische Nationalmannschaft anschauen. Das Team hat einen echt Balkanischen Einschlag. Im Endeffekt braucht man nur Arnautović, Dragović und Junuzović zu nennen. Sie sind der beste Beweis, dass es Talente genug gibt. Und die wird es auch in Zukunft geben.


Lesen Sie diesen Artikel auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch in unserer aktuellen KOSMO-Ausgabe (Nr. 46. 09/2013).

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