INTERVIEW 29.04.2015

Der bosnische Samurai

© Julia Rinesch
Der Austro-Bosnier Haris Bilajbegović hat sich der fernöstlichen Kampfkunst verschrieben. Aber er ist nicht nur Kampfkunsttrainer, sondern auch Schauspieler, Stuntman, Autor, Regisseur und engagiert sich in der Integration und Gewaltprävention.


KOSMO: Haris, du bist Kampfkunsttrainer und hast gleichzeitig einen Verein zur Gewaltprävention in Villach gegründet. Ist das nicht ein Widerspruch?

Haris Bilajbegović: Im Gegenteil, es ist ein Vorteil. Somit kennt man beide Seiten und kann diese auch für das Gute nutzen, z. B. wie ich, im Bereich Gewaltprävention.

Dein Motto lautet „Ein vermiedener Kampf ist ein gewonnener Kampf“. Was bedeutet das?


Um es einfach auszudrücken: Wenn man eine körperliche Auseinandersetzung vermeiden kann, dann geht man immer als Gewinner hervor. Erfahrene Kampfkünstler und Kampfsportler erkennen bereits im Ansatz eine Gefahrensituation. Somit vermeidet man eine Stresssituation mit negativen Auswirkungen, z. B. Verletzungen, Anzeigen, Gerichtsverhandlungen usw.

Seit 1997 betreibst du WingTsun. Was hat dich an dem Kampfsport fasziniert?

Bereits als Kind habe ich mit dem Kampfsport angefangen. Zuerst war ich mehr auf Kampfsport und Krafttraining ausgerichtet. Bis ich 1997 zum WingTsun-Training kam. Beim WingTsun wird nie einfach Kraft gegen Kraft angewendet. Vielmehr lernt man, den eigenen Körper optimal einzusetzen und mit der richtigen Technik und geringem Kraftaufwand die Kraft des Gegners ins Leere zu leiten und die eigenen Angriffe ins Ziel zu bringen. Ich war damals von meinem eigenen Können überzeugt. Ich durfte gegen den  Trainer kämpfen, um mich von dem Training zu überzeugen. Nach zwei, drei Angriffen war es für mich klar, ich wollte diese effektive Kampfkunst erlernen.

Was kann man vom Kampfsport fürs Leben lernen?

Neben der körperlichen Fitness geht es zunächst darum, seine eigenen Möglichkeiten und Grenzen kennenzulernen. Dabei steht im Vordergrund, das Selbstbewusstsein zu stärken, Gefahren zu erkennen und vor allem zu vermeiden. Auch die Disziplin wird bei allen Kampfkunst- und Kampfsportarten ganz groß geschrieben. Selbstbeherrschung, Respekt, Bescheidenheit und die Achtung vor dem Leben – diese Eigenschaften wollen alle Kampfsportarten vermitteln.

Wir Balkaner haben ja ein starkes Temperament. Steht das nicht im Gegensatz zu dieser sehr nach innen gekehrten fernöstlichen Philosophie?

Vielleicht ist es genau diese Mischung, die es ausmacht. Ich bin in Österreich geboren und aufgewachsen – somit weiß ich auch, wo ich mein starkes Temperament zugunsten der Gesellschaft einsetzen kann.

Du bist auch als Schauspieler und Stuntman aktiv. Kannst du dir vorstellen, ganz ins Show Business zu wechseln?

Wenn mein Interesse nur dem Filmbusiness gewidmet wäre, ja, dann könnte ich es mir gut vorstellen! Aber es gibt für uns auch andere Themen, wo ich weiß, dass ich diese unterstützen kann, wie eben die Integration und Gewaltprävention.

Du hast dich unter anderem als Drehbuchautor mit dem Krieg in Bosnien-Herzegowina beschäftigt…

Mein erster Kurzfilm „Most - The Bridge“ gewann über zwanzig  internationale und nationale Preise und wurde auch in Cannes gezeigt. Mein zweiter Film war „Svjedok - Der Zeuge“, der für den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis nominiert wurde. Beide Filme beruhen auf wahren Begebenheiten. Die Schauspieler waren Zeitzeugen dieser schrecklichen Ereignisse. Für keines der Filme gab es eine Förderung, trotzdem konnten wir einige bedeutende Filmpreise gewinnen. Ohne die Unterstützung meiner Eltern, Familie und Freunde wäre das nie möglich gewesen. Ein großes Dankeschön an die Produktion Illuminati Film aus Purkersdorf und Robert Palfrader, der meinen zweiten Film unterstützte. Er synchronisierte „Svjedok - Der Zeuge“ auf Deutsch.

Wie kamen die Filme in Bosnien-Herzegowina an?


Das Interesse ist, auch nach so vielen Jahren, sehr groß. Wenn wir zum Haager Tribunal blicken, dann wissen wir, dass es noch lange nicht ausgestanden ist. Viele Anklagen sind erst am Beginn oder noch gar nicht aufgestellt. Ich war persönlich bei einer Verhandlung von Ratko Mladić anwesend, als wir „Svjedok - Der Zeuge“ gedreht haben. Man glaubt gar nicht, wie viele Menschen für die Gerechtigkeit einstehen und als Zeugen auftreten. Wie auch Rajif Begić, der in „Svjedok - Der Zeuge“ erzählt, wie er als Zivilist den Krieg überlebte. Beide Filme kann man übrigens auf Youtube ansehen.

Und zuletzt: Du bist Schauspieler, Stuntman, Autor, Regisseur, zertifizierter Kampfkunst- und Gewaltpräventionstrainer. Kommst du überhaupt noch zum Schlafen?

Aber natürlich schlafe ich (lacht). Zugegeben, ich bin kein Langschläfer aber ich schlafe gerne. Sobald ich meine Augen öffne und über weitere Pläne und Ideen nachdenke, ist es schon wieder vorbei mit dem Schlafen. Dann heißt es aufstehen und wenigstens die Idee aufschreiben. Es passiert oft, dass ich einige Schmierzettel auf meinen Schreibtisch arbeite und jeder einzelne ist für mich gleich wichtig.

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