REPORTAGE 09.05.2014

Der U-Bahn-Rächer

© KOSMO / Radule Božinović
In den Tageszeitungen lesen wir regelmäßig über Skandale und Gewalt in der Wiener U-Bahn. KOSMO untersuchte das Phänomen und sprach mit Insidern wie dem bekannten „Schwarz-Farah“.

U-Bahnen sind heute nicht nur ein Kennzeichen jeder modernen europäischen Großstadt. Sie sind meistens auch der Stolz der Stadtverwaltungen, die jahrelange Planung und Millionen Euro in die öffentlichen Nahverkehrsnetze investiert haben. In Wien befördert die U-Bahn täglich ca. 1,8 Millionen Passagiere.

Gleichzeitig füllen die Geschichten aus Wiens U-Bahn-Netz immer öfter die Chronik-Seiten der Tageszeitungen. „Frau schlug um sich!“, „Sie hatten Sex in der U-Bahn“, „Auf die Gleise gestoßen“ sind nur einige der Schlagzeilen, in denen es um ungewöhnliche, teilweise beängstigende Vorfälle aus dem Untergrund Wiens geht. Die Wiener U-Bahn stand 2010 sogar im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit. Damals gingen Aufnahmen eines jungen Paars um die Welt, das in einem gut gefüllten U-Bahn-Wagen Sex hatte.

Ein Insider berichtet

Einer, der vielleicht den besten Einblick in alle U-Bahn-Skandale der vergangenen Jahre hat, ist online unter dem Namen „Schwarz-Fahrah“ populär (Name der Redaktion bekannt). Der junge Wiener afrikanischer Herkunft, verfolgt schon seit Jahren täglich die Ereignisse in den Wiener U-Bahnlinien. Auf seiner Facebook-Gruppe Schwarz-Fahrah, die  bereits 10.000 Mitglieder hat, berichtet er rund um die Uhr über aktuelle Fahrscheinkontrollen und die verrücktesten Vorkommnisse in der Wiener Metro.

Durch seine langjährige Tätigkeit und seine Verbindung zur U-Bahn-Gemeinschaft kommt der 27-Jährige oft als erster – noch vor allen Medien – zu Fotos und Videoaufzeichnungen, die später hunderttausende Male angeschaut werden. Aber weil er sich mit seinen Ankündigungen von Kontrollen und seiner Werbung für das Fahren ohne Ticket nicht nur Freunde macht und sich auch mit so mancher expliziten Fotografie aus der Wiener U-Bahn am Rande der Legalität bewegt, wahrt er weiterhin den Schleier der Anonymität, den ihm die virtuelle Welt bietet.

Rächer im Untergrund


 „Alles begann eigentlich vor sieben Jahren, als mich Kontrolleure der Wiener Linien ohne Fahrkarte erwischten. Ich gab ihnen damals meinen Namen und Vornamen und eine falsche Adresse. Ich nahm an, dass sie mich niemals finden würden“, beginnt Schwarz-Fahrah seine Geschichte. „Aber fünf Jahre später kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein Brief, in dem die Wiener Linien von mir 4.000 Euro forderten. Ich traute meinen Augen nicht. In dem Moment hat mich das finanziell völlig ruiniert“, erzählt Schwaz-Farah.  

Obwohl er im Laufe desselben  Jahres alles bis auf den letzten Cent korrekt abgezahlt hatte, blieben Wut und Bitterkeit in ihm zurück. Er beschloss, seine Seite zu starten. „Meine Seite ist gleichzeitig auch meine Rache. Ich möchte Menschen helfen, die dasselbe durchmachen oder durchgemacht haben wie ich. Ich glaube, dass es nicht in Ordnung ist, dass Menschen, die bereits ordnungsgemäß ihre Steuern bezahlen, auch noch für die Beförderung zahlen müssen“, sagt Schwarz-Fahrah.

Im Krieg mit den Wiener Linien

Der Wiener U-Bahn-Rächer, der im Gespräch mit uns den Eindruck eines sympathischen jungen Mannes macht, wirft während des Gesprächs alle fünf Minuten einen Blick auf sein Handy. Dort laufen die neuesten Informationen für seine Seite zusammen, neue skandalträchtige Videoaufzeichnungen oder kurze Nachrichten wie „U4 Hütteldorf – gerade Kontrolle“. „Ich bin immer im Kontakt mit meiner Community. Die Seite wird inzwischen von mehreren Leuten betreut.“

Zu seinem Team gehören auch ehemalige Mitarbeiter und Kontrolleure der Wiener Linien, die ihrem ehemaligen Arbeitgeber den Rücken gekehrt haben. „Die Wiener Linien wissen ja selber, dass ihre Kontrolleure bei dieser harten Arbeit nur wenig verdienen“, sagt Schwarz-Fahrah.

Im Fadenkreuz der Kameras

Während die Gruppe „Schwarz-Fahrah“ untereinander Informationen über Kontrollen austauscht, beobachten Mitarbeiter der Wiener Linien in ihrem Büro in Erdberg aufmerksam jede Nachricht, die über die Facebook-Seite Schwarz-Fahrah verbreitet wird. „Ich kann nicht sagen, dass wir ihnen dafür dankbar sind, denn es ist unser Ziel, die Zahl der Menschen zu vermindern, die „schwarz“ fahren. Wir kennen die Seite. Wir beobachten sie und entscheiden oft nach ihr, wohin wir unsere Kontrolleure schicken. Scherzhaft nennen wir sie aufgrund des Strafbetrags die „103-Euro-Bürger““, sagt Answer Lang, Pressesprecher der Wiener Linien, über den Schwarz-Fahrah.

Trotz der U-Bahn-Skandale hält Lang die Wiener U-Bahn für eine der sichersten der Welt. Für die Sicherheit der Bürger sind in erster Linie die Angestellten der Wiener Linien zuständig: die U-Bahn-Fahrer, das Aufsichtspersonal und die Stationskontrolle, der Linienservice etc. Außerdem kümmern sich ca. 200 Leute um die Kontrollen und die Sicherheit kümmern, und 200 Polizisten, die täglich in der U-Bahn patrouillieren. In jeder Station und jedem U-Bahn-Zug sind Kameras installiert. „Heute ist es viel sicherer mit der U-Bahn zu fahren als in der Nacht drei Kilometer durch leere, dunkle Straßen zu Fuß zu gehen“, ist Answer Lang überzeugt.

Ein Wettbewerb der Skandale

Unterdessen läuft im Wiener Untergrund ein Wettbewerb, wer zuerst zu neuen, skandalösen Videoaufzeichnungen kommt. „Ich habe immer ein aufgeladenes Telefon dabei, damit ich aufnehmen kann, wenn etwas Interessantes passiert. Viele Videos nehme ich selber auf, aber ein großer Teil kommt auch von unseren Fans“, sagt Schwarz-Fahrah. „Oft drohen uns Anwälte, Politiker und verschiedene Leute, dass sie uns wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Menschen in den Aufnahmen anzeigen werden. Aber bisher waren all ihre Versuche vergeblich“, fügt er hinzu. Seine Arbeit setzt er unermüdlich fort. Dass er nie weiß, welche Verrücktheiten ihn am nächsten Tag erwarten ist seine Motivation.

“Es passieren wirklich viele verrückte Sachen. Ich glaube, dass die Wiener U-Bahn in Europa definitiv vorne liegt, wenn es um Skandale, Exzesse und verschiedene Verrücktheiten geht. Mir scheint, dass das das alte Sprichwort bestätigt: „Wien ist anders”, lautet das Fazit des Schwarz-Fahrah.

Petar Rosandić / KOSMO

Dieser Beitrag entstand unter Mitarbeit der Organisation Serbischer Studenten Wien im Ausland (OSSI), deren Studenten und Studentinnen im Rahmen eines KOSMO-Workshops unsere Arbeit kennenlernen. Wir bedanken uns bei folgenden Studentinnen für die Mitarbeit: Aleksandra Tanasković, Bojana Panić, Dušica Pavlović, Sandra Radovanović, Vesna Špirić, Mia Ilić, Marija Stanisavljević.

Facebook-Seite "Schwarz-Fahrah"

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