MIT DEM BUS IN DEN SÜDEN 06.10.2014

Der Ruf der Heimat

© KOSMO / Radule Božinović
Jeden Freitagnachmittag brechen hunderte Busse mit tausenden Fahrgästen aus Wien zu verschiedenen Zielen im ehemaligen Jugoslawien auf. KOSMO hat sich mit dem Bus auf den Weg nach Serbien gemacht.


„Za Beograd…“


Wir fahren vom Südtiroler Platz ab, von wo aus etwa zwanzig Busunternehmen täglich in verschiedene Regionen des Balkans aufbrechen. Wir haben uns für einen Bus der Firma „Lukić Tours“ Richtung Belgrad entschieden. Auch der Inhaber der Firma, Darko Lukić (32), der sich nicht scheut, auch selbst die Ärmel aufzukrempeln, begrüßt uns.

„Mein Vater Veroljub hat dieses Geschäft vor zwanzig Jahren mit einem einzigen Bus und einer Fahrt pro Woche begonnen. Heute fahren wir täglich zweimal nach Serbien. Wir besitzen neun komfortable Reisebusse und seit zehn Jahren führe ich das Geschäft“, erzählt uns Darko Lukić, während wir auf die Abfahrt warten. Die Karte Wien – Belgrad – Wien kostet hier ab dem 1. Oktober 29 Euro, während man eine einfache Fahrt für nur 19 Euro bekommt. „Ein besseres Angebot gibt es nicht und ich glaube, dass das unseren ständigen Fahrgästen gefallen wird, aber dass wir auch neue gewinnen“, erzählt uns Darko Lukić, während wir auf die Abfahrt warten.

Auf einmal gibt es ein Gedränge vor dem Gepäckanhänger, wo ein Mann eine Waschmaschine mitgebracht hat. Antonio Lešinski hat sie auf dem Portal Willhaben für seine Schwester gekauft. „Ich habe die Maschine ausprobiert und sie funktioniert. Ich habe nur 30 Euro bezahlt und ein bisschen kostet noch der Transport, und meine Schwester wird sich freuen. Immer, wenn sie etwas braucht, finde ich eine Lösung und schicke sie ihr, denn dort gibt es Geld nur zum Überleben“, sagt Antonio mit einem breiten Lachen.

Freitag, 16:30 – Aufbruch ins Abenteuer

Wir haben es uns im Doppeldeckerbus, der fast voll ist, bequem gemacht. Die Atmosphäre im Bus ist entspannt. Nur aus dem oberen Deck hört man die Stimme einer Frau, die jemanden zänkisch für den Geruch seiner Wurst tadelt. Jasmina Stančić, die Dame mit der empfindlichen Nase, gibt zu, dass sie manchmal gerne streitet, selbst mit den Österreichern, wenn ihr etwas missfällt. „Normalerweise ist im Bus alles in Ordnung, aber wenn mich etwas stört oder mir jemand dumm kommt, gibt es Ärger. Ich lasse mir von niemandem etwas gefallen. Ich habe auch meinen Mann nach 27 Jahren davongejagt“, poltert Jasmina.

Eine andere Dame erzählt uns, dass sie Aleksandra Kovačević heißt und zu einer Hochzeit nach Obrenovac fährt. „Ich habe mir ein schönes Kleid gekauft und weiß, dass es ein tolles Wochenende wird. Obwohl ich in Wien geboren bin, liebe ich alles Serbische. In Obrenovac erwarten mich mein Mann, mein Sohn Filip und meine Tochter Maja, und am Sonntag fahren wir alle gemeinsam mit dem Auto heim, denn die Kinder gehen in die Schule“, erklärt sie.

Schon am Anfang der Reise ist uns ein junger Mann aufgefallen, der mit seinem Handy spielt. Nach kurzer Koketterie sagt er uns, dass er Miloš Rakić (16) heißt und dass er in Wien die Lehre macht. Nach Belgrad fährt er zweimal im Monat. „In Belgrad ist auch meine Freundin Tamara, die manchmal nach Wien kommt, aber für mich ist das Reisen leichter. Wir werden es uns morgen super gutgehen lassen, denn am Sonntag komme ich schon zurück“, sagt Miloš und betont, dass unser Foto sehr gut auf seine Facebook-Seite passen würde.

Beim Reisen kommt man ins Gespräch

„Ich bin Stanoje Marković, Bäcker aus Obrenovac, und das ist meine Freundin Gordana Šainović, Beamtin an einem Wiener Gericht. Ich bin 22, sie ist 20 Jahre alt“, stellt sich uns ein junger Mann vor. „Wir sind schon fünf Jahre zusammen, aber das Problem ist, dass wir in verschiedenen Ländern leben. Ich verbringe in Wien je drei Monate als Tourist, lerne ein bisschen Deutsch, und wenn die erlaubte Zeit vorbei ist, kommt sie nach Serbien, so oft sie kann. Wir sind noch nicht verheiratet, aber wenn sie 21 wird, heiraten wir und beantragen für mich ein Visum“, betont Stanoje.

Über das Problem mit den österreichischen Papieren erzählt auch Dragan Lukić, der schon seit zehn Jahren in Wien lebt und arbeitet, während seine Frau Verica  und die dreijährige Tochter Anđelina in Belgrad wohnen. Jetzt holt er sie ab, um mit ihnen gemeinsam die kommenden drei Monate in Wien zu verbringen.„Ich fahre zweimal im Monat zu meiner Familie nach Belgrad, und das ist nicht leicht. Ich habe einen serbischen Pass und konnte für sie bisher keine Papiere machen, denn ich habe einen Kredit abgezahlt und da ist mir nicht die nötige Summe Geld übriggeblieben, die für den gesetzlichen Unterhalt einer Familie vorgeschrieben ist. Jetzt habe ich die letzte Rate gezahlt, aber meine Frau muss erst Deutsch lernen“, klagt Dragan, der immer einen Berg Spielzeuge für seinen kleinen Liebling im Gepäck hat.

22:00 – Wir verlassen die EU


Auf der hervorragenden Autobahn gelangen wir an die ungarische Grenze und freuen uns über die Gelegenheit, uns endlich die Beine zu vertreten und eine Zigarette zu rauchen. Ein Passagier erleichtert sich, statt die Toilette aufzusuchen, an einem zufällig dastehenden Container, was laute Empörung auslöst. Statt einer Antwort zeigt er den Mittelfinger. Es scheint, dass manche auf dem Weg nach Süden die erworbenen oder übergestülpten Sitten des Westens vergessen.

In der Kolonne passieren wir das Wachhäuschen, zeigen unsere Pässe und gehen weiter zur serbischen Kontrolle. Auch hier geht alles schnell und unsere Gruppe marschiert weiter zur Tankstelle, wo wir Zeit haben, Euros in Dinar zu wechseln und rasch etwas zu essen und zu trinken. Dies ist die Gelegenheit, laut festzustellen, dass Burek und Ćevapi in Wien viel besser sind als dort. Da bis zur Ankunft kein weiterer Halt auf dem Programm steht, dösen die Reisenden vor sich hin, denn es wartet ein anstrengendes Wochenende. Gegen ein Uhr sind wir in Belgrad, wo unser Team in die regnerische Nacht hinaustritt, nicht ohne unseren Mitreisenden zuvor eine schöne Zeitungsstory versprochen zu haben. Wir winken dem Bus nach und kommen zu dem Schluss, dass die Fahrt sehr unterhaltsam und nicht allzu anstrengend war – noch nicht ahnend, was uns auf der Rückfahrt erwartet.


Vera Marjanović / KOSMO

LESEN SIE DEMNÄCHST TEIL 2: Die Rückfahrt nach Wien

Bella Italia in Serbien


KOSMO fährt ab – Neue Werbekampagne mit Blaguss Reisen

Mit Tesla durch Wien

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook