INTERVIEW 28.11.2013

„Der Konflikt wird auf dem Rücken der Kinder ausgetragen“

© zVg.
KOSMO traf Christian Oxonitsch, Wiener Stadtrat für Bildung, Jugend, Information und Sport zum Interview.


KOSMO: Die Verhandlungen um das neue Lehrerdienstrecht sind geplatzt. Wer ist schuld daran?

Christian Oxonitsch: Ich denke, dass es letztendlich innerhalb der Lehrergewerkschaften zu wenig Willen gegeben hat, wirklich etwas zu verändern und dabei aktiv mitzuwirken. Auch haben sich die PflichtschullehrerInnen, die vom neuen Dienstrecht eigentlich nur profitieren, zu sehr von den AHS-LehrervertreterInnen vereinnahmen lassen. Schade ist, dass nun der Konflikt auf dem Rücken der SchülerInnen ausgetragen wird.

Im österreichischen Bildungssystem herrscht derzeit eine Vielfalt an Schulformen. Wie hemmend ist das für die Gesamtleistung des Schulsystems?

Vielfalt kann  durchaus etwas Positives sein, sie sollte nur nicht dazu führen, dass dadurch Bildungsbarrieren entstehen, die für viele nur schwer zu durchbrechen sind. Alle ExpertInnen sind sich einig, dass die frühe Aufteilung der Kinder in Gymnasium und Hauptschule ein großes Hemmnis für die weitere Bildungslaufbahn darstellt: Denn wer in welche Schule kommt, hängt oft mit dem sozialen Hintergrund der Eltern zusammen und wird nicht nach den individuellen Bedürfnissen und Talenten der Kinder entschieden. Wenn es uns nicht gelingt, Kinder von 10 bis 14 Jahren in einer gemeinsamen Schule individuell zu fördern, wird sich die Gesamtleistung des Schulsystems in Österreich nicht verbessern.


Die ÖVP setzt sich für ein flexibles Ganztagsschul-Modell ein, das sich nach individuellen Bedürfnissen der SchülerInnen orientiert. Ist das eine Lösung, mit der auch die SPÖ leben kann?

Wirklich Sinn macht eine Ganztagsschule nur dann, wenn sie einen „verschränkten Unterricht“ – also die Abwechslung von Unterricht und Freizeit – den ganzen Tag über anbietet. Denn nur dann ist es auch möglich, neue Unterrichtsformen und Lernmethoden flexibel und an den SchülerInnen orientiert umzusetzen. Wenn die ÖVP wirklich dieses Modell haben möchte, würde es mich sehr freuen. Bislang war es ja eher so, dass die ÖVP lediglich eine „ganztägige Schule“ bevorzugt, also eine Schule mit ausschließlich Unterricht am Vormittag und Betreuung am Nachmittag. Eine Schule dieser Art ist aber kein wirklicher Fortschritt, weil sie sich eben nicht an den Bedürfnissen der SchülerInnen orientiert.

Ihr Ressort hat kürzlich das größte Budget bisher bekommen, Sie wollen es vorwiegend in die Kindergartenbetreuung investieren. Gleichzeitig bemängelt die Opposition immer noch die Existenz von 220 sogenannte "Containerklassen"...

Dazu möchte ich klar festhalten: Wir investieren in den nächsten Jahren rund 700 Mio Euro in neue Schulen und Kindergärten – und zwar in elf neue Campus-Standorte verteilt auf ganz Wien! Denn Tatsache ist: Wien wächst und der Bedarf an neuen Kindergarten – und auch Schulplätzen steigt in der ganzen Stadt. Deshalb bauen wir nicht nur neue Schulen, sondern erweitern auch bestehende Standorte um Zubauten.

Zu den sogenannten „Container-Klassen“ ist zu sagen, dass es sich dabei immer nur um punktuelle Maßnahmen handelt, wenn besonders beliebte Schulen kurzfristig weitere Klassen oder andere Räumlichkeiten brauchen. Diese Mobilklassen entsprechen den modernsten technischen Standards und werden von den Schulen auch gerne weiterbenutzt, wenn sie nicht mehr als Klasse gebraucht werden.

SchülerInnen mit nichtdeutscher Muttersprache werden in der öffentlichen Bildungsdebatte oft zu Sündenböcken gemacht. Wie kann man das verhindern?

Das Thema Sprache wird in den Bildungsdebatten leider viel zu oft und meist ungerechtfertigt dazu benutzt, Stimmung zu machen. Mit der Einführung des verpflichtenden Kindergartenjahres haben wir es geschafft, dass kein Kind mehr in die Schule kommt, ohne ausreichend Deutsch zu können. Eine „nichtdeutsche“ Muttersprache zu haben ist in Wahrheit ein großer Gewinn und eine Chance  - wir müssen nur alle lernen, dies auch in unseren Schulen und auch in unserem Arbeitsalltag gezielt zu nutzen und dies auch öffentlich sichtbar zu machen.

Migrantensportvereine sind Kaderschmiede von Nachwuchs-Talenten, insbesondere im Fußball. Kann man auch da stärker ansetzen?

Die Grenze ist nach oben offen, man kann immer noch stärker ansetzen. Die Frage ist was möglich ist und was auch umgesetzt wird und dazu kann ich sagen dass wir auch für diesen Bereich alles in unserer Macht stehende tun um zu Unterstützen und Angebote zu schaffen. Gerade wenn Sie den Fußball ansprechen: Im Wiener Fußball Verband sind über 280 Vereine organisiert, die insgesamt 520 Nachwuchsmannschaften betreiben. Die sind allesamt integrativ und haben MitspielerInnen mit Migrationshintergrund. Andere Vereine gibt es gar nicht!

Interview: Nedad Memić / KOSMO

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