GESELLSCHAFT 08.11.2013

Der Kampf ums Kind

© KOSMO / Radule Božinović
Wenn es um die Entscheidung über ein Kinderschicksal geht, schwören die Erwachsenen, dass sie alles im Interesse der Jüngsten unternehmen. Leider machen diese allerbesten Absichten das Leben von Kindern manchmal irreparabel kaputt.


Lorellay Reggentin: Streit um den Sohn

Lorellay Reggentin (52) aus Split, die bereits lange in Hamburg lebt, spricht mit unserem Magazin über den schwersten Kampf ihres Lebens. Den Kampf um ihr Kind, das sie seit 21. März nicht mehr gesehen.

Am Anfang dieser Geschichte stand, wie bei vielen anderen, die Liebe. Frau Reggentin hatte eine neunjährige Tochter aus erster Ehe, als sie sich in einen jungen, charmanten Ägypter verliebte und ihn heiratete. Sie bekamen einen Sohn und anfangs lief alles gut. Der Mann arbeitete, sie widmete sich der Kinderbetreuung.

Als sie jedoch erfuhr, dass ihr Ehemann fremdging, kam es zum Streit. Der Mann wurde gewalttätig, sie musste ihn aus der Wohnung verweisen. Traumatisiert durch die Gewalt wollte der jüngere Sohn den Vater er nicht mehr sehen. Der Vater schaltete das Jugendamt ein, das eine psychologische Untersuchung der Mutter veranlasste.

„Sie sagten, meine Bindung an das Kind sei zu stark“, erzählt Frau Reggentin. „Über meinen Sohn sagte dieser Experte, er sei unzureichend sozial integriert, was angeblich an der zu starken Mutterbindung läge.“

Schließlich kam es zur Eskalation. Frau Reggetins ältere Tochter, die ihren Bruder von der Schule abholen wollte, fand dort fünf Polizisten und einen Sozialarbeiter vom Jugendamt vor. Sie griff ihren Bruder und schloss sich mit ihm in der Schultoilette ein, wie uns Frau Reggetin berichtet, bis die Beamten die Tür eintraten. Das war am 21. März dieses Jahres, und seitdem hat sie ihren Sohn nicht mehr gesehen.

Frau Reggetin ist überzeugt, dass es ihrem Sohn nicht gut geht. „Ich habe seine Zeichnungen, die mir geschickt wurden, zu einem Kinderpsychologen gebracht. Der sagte mir, dass das Kind unglücklich ist“, betont die Mutter.

Johanna Resch (59): Tochter wollte zum Vater

Die Wienerin Johanna Resch (59) ist Mutter von fünf Kindern mit zwei verschiedenen Vätern. Zum Konflikt kam es um das Sorgerecht ihrer damals 16-jährigen Tochter, die die Wochenenden beim Vater verbrachte: „Er erlaubte ihnen alles, was ich nicht erlaubt hatte, und untergrub meine Autorität.“ erinnert sich Frau Resch an die Ereignisse von vor 15 Jahren. „Die Kinder haben das natürlich ausgenutzt. Als meine älteste Tochter 16 Jahre alt wurde, ging sie in ihrer Wut über die Enge in unserer Wohnung und die Unmöglichkeit, alles zu bekommen, was sie wollte, zum Jugendamt und bat darum, vor meinem angeblichen Terror geschützt zu werden. Natürlich wurde sie trotz meiner Erklärungen, sie sei einer Sekte beigetreten, in einer Wohngemeinschaft mit Gleichaltrigen untergebracht, wo sie bis zur Volljährigkeit blieb.“

Auch mit ihren anderen Kindern hatte Frau Resch Probleme. Während sie intensiv darum kämpfte, ihre Tochter nach Hause zu holen, forderte ihr außerehelicher Lebenspartner, vom Gericht ein Besuchsrecht für die gemeinsamen Kinder. Der schwerste Tag in Johannas Leben war der 12. Mai 1998, als die Kleinen (damals elf, neun und sieben Jahre) aus der Schule nicht mehr heimkamen. Das Jugendamt hatte entschieden, die Obsorge über die Kinder dem Vater zu überlassen.

„In der Zwischenzeit sind all meine fünf Kinder erwachsene Menschen geworden und alle haben irgendwie ihren Weg gefunden. Heute lebt der älteste Sohn aus meiner zweiten Beziehung mit mir in der kleinen Wohnung, aber nicht weil er es so will, sondern weil er sonst nirgendwo hin kann. Er ist depressiv, aggressiv und wegen seines Verhaltens sozial isoliert. Ich versuche, ihm zu helfen, aber ich bin oft das Opfer seiner Probleme.“

Das Jugendamt als Rettung


Eine positive Erfahrung erreichte uns von einem KOSMO-Leser, der annonym bleiben möchte: „Die ersten Erfahrungen mit dem Sozialamt hatte ich an meinem siebzehnten Geburtstag. Mir war klar, dass die sogenannte „elterliche Sorge und Aufsicht“ für mich eine absolut toxische Umgebung darstellte. Nach einer kalten, unter freiem Himmel verbrachten Novembernacht machte ich mich auf zum Sozialamt, wo ich wartete, bis die Büros geöffnet wurden. Ein ausgesprochen freundlicher Sozialarbeiter erkundigte sich eingehend nach meinem Fall, bot mir an, mit meinen Eltern zu reden und mich dabei über die Möglichkeiten einer alternativen Unterkunft außerhalb des elterlichen Heims aufzuklären. Zum ersten Mal im Leben fühlte ich, dass jemand meine Probleme ernst nahm. Da es klar war, dass zwischen mir und meinen Eltern eine unüberbrückbare Kluft lag, half mir das Sozialamt, eine Übergangswohnung zu finden. Schnell begann ich, verschiedene Jobs zu machen, und schaffte es, mir auf eigene Kosten eine kleine Kellerwohnung zu leisten. Der Geruch der schmutzigen und immer feuchten Wände sowie der unablässige Kampf mit der Geldnot waren jedoch eine gute Motivation, meine Ausbildung weiterzumachen, die Fakultät abzuschließen und mich den Lebensinhalten zu widmen, die mich noch heute ausfüllen.“

"Ich bin vor meiner Mutter geflüchtet"

Eine junge Wienerin aus unserer Region möchte ebenfalls anonym bleiben: „Als sich meine Eltern scheiden ließen, blieb ich bei meiner Mutter. Als ich älter wurde, begann es mich zu stören, dass sie von ihren nächtlichen Ausgängen mit unbekannten Männern heimkam, die sie mir beim Frühstück vorstellte. Instinktiv fühlte ich, dass sie etwas Schlechtes tat. Die Probleme begannen irgendwann rund um meinen 15. Geburtstag, als ich mich schminken und manchmal mit meinen Freundinnen abends weggehen wollte. Meine Mutter wurde wütend, verbot mir alles und beschimpfte mich. Geduldig wartete ich, bis ich 16 wurde, dann ging ich zum Jugendamt, erzählte, was mir passierte, und bat um Schutz. Sie brachten mich in ein Krisenzentrum, wo ich blieb, bis mein Vater die Formalitäten für meinen Umzug zu ihm erledigt hatte. Heute habe ich selber ein Kind und versuche, zu meiner Mutter eine korrekte Beziehung zu pflegen. Das ist schwer, denn sie vergibt mir meinen „Verrat“ nicht, und mich stören diese ständigen Kämpfe. In jedem Fall hat mir das Jugendamt geholfen, als es mir am schlechtesten ging.“

"Das Jugendamt kämpft um mein Kind"

 „Nach der Scheidung ist mein Mann nach Bosnien-Herzegowina zurückgegangen und ich blieb mit unserem kleinen Kind in Wien. Er arbeitet dort nicht, daher dachte er, dass ihn das von der Unterstützung seines Kindes befreit. Aber als ich beim Jugendamt erzählte, dass ich keinen Unterhalt bekomme, unternahm der Sozialarbeiter Schritte, um das zu lösen. Es wurde berechnet, wie viel der Vater meines Kindes verdienen würde, wenn er in B-H in seiner Branche arbeiten würde, und ich erhalte diese Summe regelmäßig als Unterhalt. Das Wiener Jugendamt kümmert sich um die rechtlichen Schritte und nimmt mir diese Pflicht ab“, ist die junge Mutter voll des Lobs.

Vera Marjanović / KOSMO

Mehr zum Thema: Interview - Beim Jugendamt nachgefragt

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook