INTERVIEW 13.05.2014

Der Balkanizer

© zVg.
Mit seinem Buch „Balkanizer. Ein Jugo in Deutschland“ schaffte es Danko Rabrenović das Lebensgefühl einer ganzen Generation von Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien auf pointierte und satirische Art und Weise einzufangen. KOSMO sprach mit dem „Balkanizer“ über Integration, Heimat und die ganz normalen Kulturschocks der Migranten.


KOSMO: Ihr Buch „Balkanizer. Ein Jugo in Deutschland“ ist sehr populär geworden. Was fasziniert die Leser daran am meisten?

Danko Rabrenović: Das ist schwer zu sagen, da müsste man die Leser fragen. Soweit ich es mitbekomme, haben sich viele in dieser Geschichte wiedererkannt. Obwohl es ein sehr persönliches Buch ist, ist „Balkanizer“ auch eine universelle Geschichte. Sie erzählt von einem Leben zwischen den Kulturen, von Kulturschocks und der Integration in ein neues Umfeld. Jeder, der von A nach B gegangen ist und versucht hat, sich dort einzufügen, kann sich wahrscheinlich leicht mit meinen Gefühlen und Gedanken identifizieren.
 
Auch in Österreich fühlen sich die Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien vor allem als Jugos und machen untereinander keiner Unterschiede. Wie weit ist das nach all den Teilungen der 90-er Jahre noch gerechtfertigt?

Das ist natürlich kein politisch korrekter Ausdruck, denn dieses Land gibt es nicht mehr, aber für die Deutschen – und wahrscheinlich auch für die Österreicher – ist es nicht leicht, sich all diese Teilungen und neu entstandenen Staaten zu merken und sie zu verstehen. Darum nennen sie uns noch immer „Jugos“.
 
In den europäischen Ländern hat die zweite Zuwanderergeneration Probleme, ihre Identität zu finden. Wie stehen Sie zu dieser Frage?

Nicht nur die zweite Generation hat Probleme mit der Identität, aber bei ihr sind sie vielleicht noch ausgeprägter. Nehmen wir die Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien. Ständig hörten sie von ihren Eltern, dass sie nur vorübergehend hier seien. Viele wurden im Geiste des Jugoslawismus erzogen, gingen in muttersprachlichen Zusatzunterricht, tanzten Folklore und verbrachten die Ferien bei Verwandten in Jugoslawien. Und dann zerfiel das Land, und die Kinder begriffen, dass sie keine Jugoslawen mehr waren bzw. dass sie als solche niemand mehr ernstnahm. Über Nacht wurden sie Serben, Kroaten, Bosnier usw. Und dann entschlossen sich die Eltern wegen des Krieges und der wirtschaftlichen Situation, doch nicht zurückzugehen, sondern zu bleiben, wo sie waren.

Sie sind in Deutschland Radiomoderator und ein bekannter Autor und Musiker: Man könnte sagen „ein Vorzeigebeispiel für Integration“. Wie schädlich sind diese Integrationsvorbilder für das Zusammenleben (weil sie die angeblich „schlechter Integrierten“ ausschließen)?

Ich persönlich weiß nicht, was ein „Vorzeigebeispiel“ für Integration ist und erlebe mich nicht als solches. Was ich mache, würde ich wahrscheinlich auch machen, wenn ich Belgrad nie verlassen hätte. In Deutschland integriert zu sein, bedeutet für mich, mindestens drei deutsche Freunde zu haben, bei denen ich um zwei Uhr nachts an der Tür klingeln kann, wenn ich irgendein Problem habe. Andererseits können die Medien niemanden ausschließen und auch niemandes Integration verhindern. Das hängt vor allem von Ihnen selbst ab und von der Umgebung, in der Sie leben. Die Medien neigen aber dazu, die Dinge schwarz-weiß darzustellen, d.h. dass sie uns Erfolgsgeschichten bestimmter Migranten oder Probleme aus sozial benachteiligten Vierteln servieren. Für sie gibt es nichts dazwischen. Aber es gibt viele erfolgreich integrierte Ausländer. Das kann man überall sehen.
 
In einem Interview sagen Sie, dass Sie keine „Rübe ohne Wurzeln“ sind und ihre „Wurzeln auch nicht zurückgelassen“ haben. Wie sieht eine Person mit Migrationsbiographie die Begriffe Zuhause und Heimat?

Ich kann nur für mich selber sprechen, aber ich glaube, dass manche Migranten genauso empfinden. Für mich hat der Begriff Heimat nichts mit Geografie zu tun. Das ist ein Gefühl, das ich immer in mir trage. Mein Zuhause ist dort, wo die Menschen sind, die mir nahestehen, und wo ich mich wohlfühle. Heute in Düsseldorf, wo ich lebe und arbeite, und morgen in Belgrad, wo ich aufgewachsen bin und meine Familie und Freunde habe, und übermorgen in Zagreb, wo ich geboren bin und wo meine Mutter lebt. Man kann sagen, dass wir Migranten mehrere Heimaten haben. Aber man kann auch eine Heimat haben, die man immer mit sich trägt.

Interview: Nedad Memić / KOSMO

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