INTERVIEW: JUICE 03.06.2015

„Der Balkan ist ein Käfig“

© KOSMO / Radule Božinović
Juice, der mit Abstand bekannteste Rapper Serbiens, hieß unseren Journalisten in seiner Belgrader Wohnung willkommen.

Ivan Ivanović Juice (33), einer der Pioniere der balkanischen Hip-Hop-Szene, ist mit Sicherheit eine Persönlichkeit, für den das Motto „Man muss ihn lieben oder hassen“  zutrifft. Er ist auf den harten Straßen des Belgrader Viertels Voždovac aufgewachsen, ein Typ, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Sein neues Album „Hiphopium 3“ und seine ambivalente Beziehung zur Turbofolkszene und zum Hip-Hop-Publikum boten einen guten Anlass für ein Gespräch mit dem serbischen König des Rap.

KOSMO: In den letzten Jahren hast du einige Duette mit Turbofolk-Sängern gesungen. In der Hip-Hop-Szene werfen dir manche vor, du hättest den Rap verraten. Was sagst du dazu?


Juice:
Die Leute, die sagen, ich hätte den Rap verraten, haben in Wirklichkeit mich verraten. Ich habe mit 14 Jahren zu rappen begonnen und dem Hip-Hop nie den Rücken gekehrt. Wer mir nicht glaubt, braucht mich nicht zu hören. Hip-Hop ist Leben, Hip-Hop ist Kampf, und die Zusammenarbeit mit den Folk-Sängern sollte ein Spaß sein. Man muss nicht immer im Leben total ernst sein, man braucht aber auch nicht zu viel Spaß zu machen.

Du klingst ein bisschen enttäuscht, über die heutige Musikszene...

Dieselben Leute, die schon 20 Jahre dasselbe machen verhindern, dass neue junge Hoffnungen nach oben kommen. Die Rocker der achtziger und neunziger Jahre trommeln heute in volkstümlichen Beisln, weil sie von ihrer richtigen Musik nicht leben können. Dem Publikum werden jeden Tag dieselben Lieder vorgesetzt. „Dein Bruder küsst dich, du bist weggegangen, ich bin gekommen, los Balkaner, los Balkan...“, und diese paar Wörter drehen sie 150-mal im Kreis. Und das ist in der Diaspora vielleicht sogar noch ärger, denn dort unterschätzen sie das Publikum konstant...

Wer widert dich an dieser Szene am meisten an?


Alle widern mich an, die sich als große Stars präsentieren, aber in Wirklichkeit nichts anderes können, als Kleider und Autos zu mieten, Lieder zu kaufen und Geld in teure Spots zu investieren. Alle widern mich an, die auf den Fernsehbildschirmen grinsen, sich die Hände schütteln, sich umarmen und küssen und dabei falsch sind und sich verstellen.

Aber du hast aber in der Folk-Welt auch Freunde und Leute, die du magst…

Natürlich. Es gibt mehrere Leute, vor allem ältere wie Vera Matović, mit der ich befreundet bin und die bei all ihrem großen Erfolg bescheiden und freundlich geblieben ist. Natürlich verbindet mich auch eine langjährige Freundschaft mit Šemsa Suljaković. Šemsa hat mir auch den Ring geschenkt, den ich täglich trage. Šemsa ist eine Kaiserin!

Dein neues Album „Hiphopium 3“ erinnert an den guten alten Hip-Hop der neunziger Jahre, aber gleichzeitig hört man auch einen emotionalen Juice, der reifer klingt denn je...

Danke, Bruder. Ich glaube, dass dieses Album vielleicht mein ernsthaftestes ist. Ich wollte den jungen Leuten in Serbien eine andere Perspektive zeigen als die, über die wir gerade geredet haben. Das Album hat volle sieben Jahre gebraucht, und es enthält echte Emotionen, Höhen und Tiefen, aber auch die Schaffung gesunder Ambitionen in einem kranken Umfeld. Hier zu leben bedeutet, in einem Käfig zu leben. Nur die Stärksten und Beharrlichsten kommen heraus. Ich hoffe, dass ihnen dieses Album nicht nur auf musikalischer, sondern auch auf mentaler Ebene einen Anstoß gibt, einen Schritt weiter zu gehen.

Neben dem Showbusiness hast du auch eine eigene Modemarke gestartet, die nach deiner Gruppe 93 FU Kru benannt ist. Die T-Shirts werden schon in Wien, Sarajevo, Zürich, Belgrad und in der ganzen Welt getragen...

Ja, wir haben eine Marke geschaffen, die bei den Jungen beliebt ist, und haben über 40 Artikel. Ich schaue, dass ich immer wieder etwas Neues, Frisches mache. Im Zentrum Belgrads, am Obilićev Venac, haben wir schon seit Jahren einen Shop, in dem wir alle Artikel verkaufen.

Es ist bekannt, dass du Wien magst und mehrmals im Jahr hier bist.

In dieser Stadt könnte ich ununterbrochen meine Runden drehen, denn die Architektur ist phänomenal, es gibt viele interessante Ecken, Gassen und Boulevars... Aber auf der anderen Seite gibt es trotz der Energie und Lebendigkeit auch ein Gleichgewicht. Und man findet sich leicht zurecht. Es gibt auch Plätze, wo man normal ausgehen und sich entspannen kann, und niemand schaut, wie viele Getränke du bestellst und ähnlichen Balkan-Blödsinn.

Du bist heute ein echter Star, der nicht leugnet, dass er auch gut verdient. Wie viel davon hast du für Autos ausgegeben?

Ich habe drei BMWs und einen Mercedes. Wie wir im Hip-Hop sagen: BMW ist meine Hure und Benz ist mein Sklave. Autos sind die einzige Droge, die ich konsumiere. Kürzlich ist nach einem Konzert ein Bursche zu mir gekommen und hat gefragt, ob ich ein Zigarettenpapier hätte. Ich sagte ihm: „Nein, aber drei BMWs!“ Aber viele könnten einen haben, wenn sie sich das Zeug nicht durch den Mund oder die Nase ziehen würden...

Wie viel willst du noch verdienen?

Unter einer halben Million Euro auf dem Konto ist es lächerlich. Erst wenn ich das erreicht habe, bin ich zufrieden. Aber auch dann werde ich nicht aufhören. Juice war schon immer ehrgeizig, und so wird es auch in Zukunft sein.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?


Ich sehe mich in einem Swingerclub, in einem Haufen von Leuten, wo niemand mehr weiß, wer mit wem.. So ist heute die Musikszene in Serbien (lacht). Aber Scherz beiseite, ich sehe mich an einem ruhigen Ort mit Familie und Kindern. In der Schweiz, Österreich oder hier irgendwo. Abwarten.

Kinder, Familie... Heißt das, du wirst bald heiraten?

Ja, ja, ich muss nur noch etwas zu Ende bringen, dann kommt auch das (lacht). Sie werden davon hören.

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