REPORTAGE 03.02.2015

Das Haus der Versöhnung

© Druško / KOSMO
Das gelbe Haus im Zentrum von Prijedor in der Republika Srpska ist für viele ein zweites Zuhause. Hier im Schülerinternat der Caritas leben 20 Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Verhältnissen.


Vormittags ist es ruhig in dem mehrstöckigen Gebäude, neben der ansässigen Pfarre in der Nähe von Banja Luka. Die meisten Schülerinnen und Schüler drücken gerade die Schulbank, weit weg von ihren Familien. Vor allem die schlechte Infrastruktur der Gegend rund um Banja Luka ermöglicht den Kindern keinen Schulbesuch in ihrer familiären Wohngegend. Nicht etwa durch die Hochwasserkatastrophe im vergangenen Mai, sondern vor allem durch die schlechte finanzielle Lage seit dem Jugoslawienkrieg sind Anbindungen und die Verbreitung von guten Schulen ein Problem.

Die Ausbildung an erster Stelle

„Ein Bus zu meinem Dorf fährt nur am Wochenende. Mit dem fahre ich jeden Freitag eine Stunde, danach muss ich noch eine zu Fuß durch den Wald“, sagt der 15-Jährige Boris, „wäre ich nicht hier, hätte ich keine Ahnung was ich mit meinem Leben anfangen würde“. Auch seine Schwester lebt im Schülerheim. Für ein Auto reicht das Geld der Eltern nicht aus, eine andere Schule liegt nicht in der Nähe. Die Geschwister haben bereits seit drei Jahren im Schülerheim ihr zweites Zuhause gefunden. Hier bekommen sie nicht nur Betreuung bei Hausaufgaben sondern lernen auch ein friedvolles Miteinander und halten sich scheinbar brav an die Regeln des Hauses.

Harte Jugend

„Ich durchlebe jedes Jahr ein paarmal die Pubertät“, erzählt Slavica Matore lachend. Die Leiterin des Heims kümmert sich schon seit Jahren um die Schützlinge. „Wir haben in Bosnien-Herzegowina eine Arbeitslosigkeitsrate von 50 Prozent. Die Eltern unserer Schüler wollen jedoch, dass diese die Schule abschließen um bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Die finanzielle Situation verhindert leider oft Ausbildungsmöglichkeiten“, erklärt sie, mit einer gewissen Strenge in den Augen. Denn die Ausbildung wird hier wichtig genommen.

Für Spiele und lustige Abende ist zwar auch Zeit, doch vorrangig - und das wissen die Schüler auch, meint Boris - ist der Schulbesuch. Gesamt sind es zurzeit 18 Burschen und zwei Mädchen, die im Internat leben. Für 20 Kinder ist Platz, durchschnittlich bleiben sie zwei bis vier Jahre hier. Elvis lebt nun schon seit acht Jahren im Heim. Er ist mittlerweile 19 und beendet heuer das Gymnasium – mit ausgezeichnetem Erfolg. Auch seine Eltern sind durch die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes nicht im Stande dazu ihn finanziell zu unterstützen. Matore wirkt jedoch vor allem auf ihn sehr stolz: „Er möchte danach studieren. Dabei werden wir ihn weiterhin unterstützen“.

Kaum Perspektiven für Junge

Miljenko Aničić, Direktor der Caritas Banja Luka kümmert sich gemeinsam mit dem Bistum um das Kinderheim von Prijedor, das einzige seiner Art in der Republik Srpska. Dass eine umfassende Grundbildung unbedingt nötig ist zeigt nicht nur die derzeitige Jugendarbeitslosigkeitsrate von fast 58 Prozent - Analysen sprechen auch davon, dass etwa 150.000 junge Menschen seit Kriegsende Bosnien-Herzegowina verlassen haben. Heute haben geben in Umfragen  80 Prozent der Jugendlichen an, das das Land gerne verlassen zu wollen - aufgrund nicht vorhandener Bildung und damit einhergehender Perspektivenlosigkeit. Projekte wie das Internat in Prijedor sollen dabei helfen den Kindern und Jugendlichen in ihrem eigenen Heimatland eine Möglichkeit auf ein besseres Leben zu bieten.

Bosniaken, Kroaten und Serben unter einem Dach


„Das Haus ist aber noch weit mehr als eine Schülerunterkunft“, erzählt Ančić, „egal, welcher Nation oder Konfession ein Kind angehört, sie leben hier alle gemischt. Bosnier, Kroaten, Serben - das Haus ist wie ein Versöhnungsprojekt nach dem Jugoslawienkrieg“. Vor allem nach der Hochwasserkatastrophe ist die Solidarität unter den Bewohnern der Gegend spürbar, im Schülerheim ist sie seit Kriegsende Alltag. Kleinere Streitereien gibt es unter den Jugendlichen aufgrund typischer Teenagerbelangen und nicht nationaler Gesinnung: „Die Mädchen können manchmal ziemlich nerven“, gesteht Elvis mit einem Grinsen.

Anna-Magdalena Druško / KOSMO

Das Dorf der Flüchtlinge


„Man muss alle Opfer würdigen“


Bittere Tränen im Alter

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook