AUFARBEITUNG 14.01.2015

Das Dorf der Flüchtlinge

© zVg.
Viele der Einwohner im kroatischen Krnjak haben ein Schicksal als Flüchtlinge hinter sich. Mit einem EU-Projekt versucht man, in der multiethnischen örtlichen Schule für Toleranz und friedliche Konfliktlösung zu sorgen. Vergangenen Monat waren 15 Pädagoginnen aus Krnjak in Wien, um sich mit österreichischen Kollegen in den Wiener Schulen auszutauschen.


Vor dem Jugoslawienkrieg war Krnjak eine unauffällige Kleinstadt im Herzen Kroatiens. Doch die Ereignisse der 1990er Jahren haben tiefe Narben in dem Ort hinterlassen. Zahlreiche serbische Familien, die bis dahin zur Mehrheitsbevölkerung in Krnjak gehört hatten, mussten nach Serbien und Bosnien-Herzegowina fliehen, nur wenige kehrten wieder zurück. Zusätzlich siedelten sich ethnische Kroaten, die aus Bosnien-Herzegowina geflüchtet waren, ebenso wie Bosniaken, in der Region an. Heute gehört Krnjak mit seinen 2.000 Einwohnern, von denen 68 Prozent Serben und 29 Prozent Kroaten sind, zu den vergessenen Orten Kroatiens.

„90 Prozent der Familien im Ort bekommen in irgendeiner Form Sozialhilfe“, erklärt Željka Stojković, Direktorin der örtlichen Grundschule bei einem Besuch in Wien. Gemeinsam mit 14 Pädagoginnen aus Krnjak besuchte sie die Neue Mittelschule in der Koppstraße, in Wien Ottakring, um sich mit ihren österreichischen Kollegen über ihre Arbeit in zum Teil schwierigen Klassenverbänden auszutauschen. Von den Möglichkeiten, die ihre österreichischen Kollegen haben, können sie nur träumen.

Ethnische Spannungen an der Tagesordnung


Krnjak leidet nicht nur an der prekären Wirtschaftslage, sondern auch an immer wieder aufflammenden ethnischen Spannungen innerhalb der traumatisierten Bevölkerung. „Die Menschen haben keine Arbeit, mit der sie sich befassen können. Deswegen richten sie ihre Aufmerksamkeit auf die ethnischen Konflikte“, erklärt Stojković.

Ein Hoffnungsschimmer ist ein EU-Projekt, an dem sich die Schule seit eineinhalb Jahren beteiligt. Im Mittelpunkt des Projekts steht die Toleranz und friedliche Konfliktlösung. Es wird dafür gesorgt, dass die Traditionen und Bräuche aller Ethnien gemeinsam gepflegt werden. Katholische, orthodoxe und muslimische Feiertage werden gleichermaßen begangen. Es gibt Religionsunterricht für alle drei Konfessionen. Das katholische und orthodoxe Osterfest hat hier denselben Stellenewert wie etwa die muslimische Bairam-Feier. Dass an ihrer Schule neben der lateinischen auch die serbisch-kyrillische Schrift gelehrt wird, ist der Direktorin wichtig zu betonen.

In Europa und trotzdem isoliert


Die Lehrerinnen und Lehrer geraten immer wieder in den Zwiespalt zwischen der Erziehung, die die Kinder zuhause bekommen, und den Werten der Toleranz, die sie ihnen in der Schule vermitteln wollen.  „Die Kinder nehmen leider viele Gewohnheiten von zuhause mit. Die Menschen wollen oft unter sich bleiben“, erklärt eine der Lehreinnen. „Mit Vertretern der anderen Ethnien haben die meisten wenig Kontakt“.

Den Hauptgrund für die wiederkehrenden Spannungen sieht die Pädagogin in der prekären wirtschaftlichen Situation. „Manche der Familien in Krnjak sind so arm, dass sie noch nie in ihrem Leben im nur 30 Minuten entfernten Karlovac waren“, erzählt die Direktorin. „Wenn wir mit den Kindern eine Exkursion machen, ist die größte Attraktion der Spielplatz auf der Autobahnraststätte“, erklärt die Direktorin. Spielplätze sind auch Orte, um Freundschaften zu knüpfen. „So etwas kennen sie bei uns gar nicht.“

Eine Chance für die Jungen

Dass sich in Wirklichkeit alle gleichermaßen ein friedliches Zusammenleben wünschen, zeigte die Reaktion der örtlichen Bevölkerung. „Wir haben von den Leuten durchwegs positive Reaktionen auf die Initiative bekommen“, erklärt die Direktorin. „Auch wenn die Traumata und Ressentiments bei vielen der Älteren zu tief sitzen, glaube ich fest daran, dass es bei den Kindern noch möglich ist, eine Veränderung zu bewirken.“

Von dem Besuch in Österreich erhoffen sich die Pädagoginnen und Pädagogen aus Krnjak vor allem Kontakte und Möglichkeiten für Kooperationen mit heimischen Kollegen und Einrichtungen. „Wir wollen kein Geld, wir wollen den Kindern einfach ein paar Möglichkeiten bieten“, fasst die Pädagogin verzweifelt zusammen.

Ljubiša Buzić / KOSMO

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