SATIRE 04.02.2014

Das Coming Out

© zVg.
Der Autor und KOSMO-Redakteur Uroš Miloradović schreibt Geschichten "aus dem kurzsichtigen Winkel":


„Wohin gehst du?“ Ein leichter Luftzug am anderen Ende der Wohnung hat die mütterliche Aufmerksamkeit aus der Küche geweckt.

„Ähm, ich gehe noch mal raus“, antwortet unser Held zögernd während, er sich tiefer in den unbeleuchteten Fleck des Vorzimmers zurückzieht. 

„Peppi, Schatz, draußen ist schon dunkel und kalt ist es auch!“

„Ich heiße Josef, nicht Peppi! Und hör auf, mich wie ein Kind zu behandeln!“ Seine  Stimme klingt trotzig und gereizt, am Ende geht sie in einen weinerlichen Ton über.

„Lass doch den armen Buben in Ruhe, er ist kein Kleinkind mehr. Er kann sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, nicht wahr, Peppi?! Entschuldige, Josef, ich meinte Josef?!“, mischt sich die abwesende Stimme des Familienvaters ein. Im Wohnzimmer ächzt ein Lehnsessel, ein Zeichen der strategischen Umpositionierung seines bequem vor dem Fernseher geparkten Körpers.

„Ich kann ausgehen, wann immer ich will, und tun, was immer ich will“, sagt Peppi im quengelnden Tonfall.

„Und in Juli wirst du dreißig, das wissen wir auch. Aber für mich bleibst du immer mein Sohn, mein kleiner Peppi“, versucht es die Mutter versöhnend.

„Ihr wisst doch gar nicht, wie ich wirklich lebe und was ich wirklich mache...“

„Was meinst du damit?“

„Zum Beispiel, denkt ihr zwei, dass ich  mich dienstags und freitags mit einer Kollegin auf Prüfungen vorbereite. Das ist aber nicht so... Ich treffe mich regelmäßig mit Michael, Horst, Harald und noch einem Dutzend anderer Kameraden, alle Burschen – Mädchen sind nicht erlaubt in unserem Kreis.“

„Und was macht ihr?“

„Wir trinken auf die männliche Tapferkeit, Courage und Stärke. Wir treiben Sport zusammen. Wir probieren verschiedene Kostüme und Trachten aus. Wir singen, wir...“

„Was sagt der Kleine da?“, ruft der Vater aus dem Wohnzimmer.

„Dein Sohn ist schwul, das sagt er!“, ruft es aus der Küche zurück.

„Was heißt hier schwul? Ich bin bitte ein Burschenschafter!“, zetert Josef zurück.

„Was sagt der Kleine?!“, ruft der Vater wieder.

„Er sagt, dass er nicht schwul sei, sondern ein schwuler Nazi!“, erwidert die Mutter. „Um Gottes willen, steh doch endlich auf und führ ein ernstes Gespräch mit ihm. Wie sollen wir das nur der Familie erklären, dass der Junge ein Faschist ist? Ich versinke vor Scham im Boden.“

Uroš Miloradović / KOSMO






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