POLITIK 10.12.2014

Darko Markovic: „Es ist Zeit zum Handeln“

© KOSMO / Radule Božinović
Darko Marković (32) ist ein junger Medienprofi mit sozialdemokratischen Überzeugungen. Bei den kommenden Wahlen zur Wiener Wirtschaftskammer kandidiert er auf der Liste für Marketing und Werbung. Seine Kandidatur kündigte er mit einer fantasievollen Kampagne an, in der er Verse aus bekannten Lieder von Halid Bešlić und Divlje Jagode verwendete.


KOSMO: Ist dies das erste Mal, dass sich jemand professioneller an unser Publikum auf der österreichischen Politbühne wendet?


Darko Marković: Ich würde nicht sagen professioneller, aber auch sicher nicht auf die herkömmliche Weise. Mein Vorteil ist, dass ich aus der Branche komme und mich beruflich mit Kommunikation und Public Relations beschäftigt habe. Daher ist mein Ansatz auch etwas anders.

Was denkst du allgemein über die österreichische Politik?

Unter den Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien war noch niemand in irgendwelchen höheren Positionen. Im Bundesparlament haben wir noch immer keinen einzigen Vertreter. Aber bei der geringen Wahlbeteiligung unserer Landsleute sollte das niemanden wundern. An den Wirtschaftskammerwahlen nehmen nur 2 bis 4 Prozent teil. An den übrigen Wahlen 8 bis 12 Prozent.

Warum ist das so?

Die erste Generation der Gastarbeiter ist aus einem hoch politisierten Staat in einen anderen hoch politisierten Staat geflüchtet. Sie hatten genug von der Politik und konzentrieren sich nur auf die Arbeit. Die Menschen, die vor dem Krieg geflohen sind, meinten auch, sie seien nur kurzfristig hier. Erst jetzt haben wir Generationen, die politisch ein bisschen aktiver sind. Aber auch sie haben in ihren Heimatländern, vor allem wahrgenommen, dass Politik die Menschen trennt.

Warum ist die türkische Gemeinschaft politisch offensichtlich besser organisiert und vertreten? Es gibt drei türkisch stämmige Vertreter im Parlament...

Weil sie geschlossener sind, nicht als Gemeinschaft, denn auch bei ihnen bestehen genügend zwischenmenschliche Konflikte. Aber wenn es um Vernunftentscheidungen geht, sind sie bereit, ihre persönlichen Feindschaften außer Acht zu lassen und für jemanden zu stimmen, der eine Chance hat weiterzukommen. Bei uns gibt es das nicht.

Was hältst du von der österreichischen Integrationspolitik?

Ich glaube, dass sie in die falsche Richtung geht. Das ist überhaupt keine Politik, die auf Inklusion zielt. Ich habe das bei der Erlangung meiner österreichischen Staatsbürgerschaft erlebt. Wenn jemand 22 Jahre in diesem Staat lebt und 14 Jahre hier gearbeitet hat, sind so strenge Überprüfungen wirklich unangenehm. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es die größte Sorge dieser Gesellschaft ist, dass sich Ausländer nicht als Österreicher fühlen dürfen.

Wo siehst du dich selbst bei den Wirtschaftskammerwahlen?

Ich sehe mich als jemanden, der verbindet und möglichst viele unserer Landsleute in die Institutionen hineinbringen will. Aber ich bin kein Berufspolitiker, ich bin ein politischer Aktivist im Sozialdemokratischen Verband. Unsere Landsleute verhalten sich in der Politik oft, als ob sie morgen Präsident der ganzen Welt werden würden, und sind oft trotzdem nicht fähig konkrete Resultate zu bringen.

Was kannst du konkret für die Menschen tun, wenn du in die Wiener Wirtschaftskammer kommst?

Die Kammer vertritt die Interessen der Wirtschaftstreibenden, hier werden Vorschläge für Gesetze und Maßnahmen gemacht. Als Sozialdemokratischer Verband sind wir die Vertreter der kleinen Leute, nicht die der Konzerne und Eliten. In den letzten fünf Jahren geht der Trend immer mehr in Richtung selbständige Beschäftigung. Für die Arbeitgeber ist das gut, weil es günstiger ist. Allein in Wien gibt es zwischen 50.000 und 60.000 Selbständige, deren „Firmen“ aus einer einzigen Person. Diese Leute sind sich überwiegend gar nicht bewusst, welche Verpflichtungen und Verantwortungen sie erwarten. Da gibt es Arbeit zu tun.

Du hast die heuer sehr für die Hochwasserhilfe am Balkan eingesetzt. Du bist jemand, der die Menschen vernetzt, oder?

Es ist viel leichter zu arbeiten, wenn man keine persönlichen Interessen hat. Dann bist du auch für die glaubwürdig, die du vernetzt.

Warum sollten unsere selbständigen Unternehmer wählen gehen?


Nicht nur unsere Unternehmer. Alle schimpfen auf die Politik, aber ich würde mir wünschen, dass die, die schimpfen, ein anderes, besseres politisches System vorschlagen würden. Außerdem wird das Bild unserer Community nicht besser, solange wir nicht selbst aktiv werden.

Wo wirst du genau kandidieren, auf welcher Position?


Ich werde auf der Liste für Marketing und Werbung stehen. Ich bin mehr ein Mann für die Kommunikation, Vernetzung und Beziehungspflege. Meine Meinung ist, dass wir wegen des Krieges innerlich so zerrissen und so tief traumatisiert sind. Wir sind scheinbar vereinigt, wenn wir zusammensitzen, trinken und essen, aber das ist in Wahrheit der primitivste Ausdruck von Kultur, dass wir uns beim Essen und Trinken super verstehen! Wir müssen mehr auf andere Dinge schauen, auf die Entwicklung der Gesellschaft und der Wirtschaft. Wo sind unsere Schriftsteller, wo sind unsere Künstler, unsere Forscher, unsere Kämpfer für soziale Gerechtigkeit? Wir haben Folklore an jeder Ecke, aber wir regen uns auf, wenn Andreas Gabalier Integrationsbotschafter wird. Für mich ist er wie Bijelo Bugme, österreichischer Heimatrock.

Interview: Petar Rosandić / KOSMO

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