INTERVIEW 22.10.2013

Darko Markov - Chronist des Wiener Lebens

© KOSMO
Darko Markov (42), Schriftsteller aus Wien, hat den zweiten Teil seines Prosahits „Sumrak u bečkom haustoru“ („Dämmerung in einem Wiener Stiegenhaus“) veröffentlicht.


KOSMO: Seit wann schreibst du?


Darko Markov: Ich schreibe schon lange, aber ernsthaft betreibe ich diese Arbeit seit etwa zehn Jahren. Ich wurde 2007 ich in den Schriftstellerverband der Vojvodina aufgenommen.

Jetzt kommt dein neues Buch heraus?

Es handelt sich um „Sumrak u bečkom haustoru 2“. Den ersten Teil der „Dämmerung“ habe ich – unter Anführungszeichen – geschrieben, als Scherz. Ich mag sarkastische Texte im Stile Nušićs. „Sumrak...“ hat mich selbst sehr überrascht, ich meine, wie es explodierte, wie es beim Publikum ankam. Es geht darin um echte Menschen, wahre Begebenheiten. Nichts enstammt meiner schriftstellerischen Phantasie – so sieht es vor Ort tatsächlich aus.

Wie waren denn die Reaktionen drauf?


Die Reaktionen auf dieses Buch, das Lob, aber auch der Ärger einiger Menschen, waren unerwartet. Die Menschen erkannten den wahren Inhalt und wollten mehr. Das Buch ist absichtlich in diesem etwas legeren Stil geschrieben, um das Interesse und die Aufmerksamkeit von Leuten, die normalerweise nicht lesen, zu fesseln. Der erste Teil beschrieb das Schicksal der alten Gastarbeiter der ersten und zweiten Generation, diese Fortsetzung beschäftigt sich mit einem typischen Beispiel eines Landsmanns, der in den 90-er Jahren hierherkam. „Sumrak 2“ wurde einfach vom Publikum gewünscht, entspricht seinem Interesse. Der erste Teil hatte auch 22 Bühnenaufführungen.

Was verbirgt sich hinter diesen ungewöhnlichen Geschichten?

Hinter diesem Witz und dem Zirkus verbirgt sich das ernste Thema von Konflikten zwischen verschiedenen Welten, von Zusammenstößen innerhalb der Gastarbeitergemeinschaft (zwischen den verschiedenen Zuwanderergenerationen). Aber auch der Konflikt zwischen uns und den Österreichern, zwischen unserem Zirkus und ihrer Genauigkeit, sozusagen ihrer „Kälte“. Mit all diesen Geschichten kritisiere ich auch die dem sogenannten Wiener Jetset, über den ich mich lustig mache, diese Spießer und Emporkömmlinge... Sumrak ist einfach eine Chronik des Wiener Lebens. Da gibt es einen reichen Fonds an Themen, Liebe, Glück, aber auch Dummheit, soviel man will. Und ich bin darauf spezialisiert, solche exotischen Dinge zu sammeln und zu einer Geschichte zusammenzufügen.

Wie kommst du zu deinen Geschichten?

Meine Frau sagt, dass ich ein „Magnet für Verrückte“ bin. Ich bin mit den Filmen von Žika Pavlović groß geworden, diese Welt am Rande der Gesellschaft hat mich schon immer fasziniert, aber nicht nur das. Das Leben in Wien hat mich gezwungen, einige schwere Arbeiten zu verrichten, z.B. in einer Fabrik, und meine ersten Tage in Wien habe ich in einem solchen wiener Zinshaus verbracht. Ich kenne diese Welt, all diese Menschen, die ständig mit dem Kombi über die Grenze fahren. Außerdem fahre ich Taxi und bin ständig auf der Straße. Ich lerne ständig neue Leute kennen.

Was passiert, wenn sich Menschen in deinen Büchern wiedererkennen?

Das Schlimmste, was einem Schriftsteller passieren kann, ist, dass die Reaktion ausbleibt. Ich muss sagen, dass ich am Anfang etwas unvorsichtig war. Im ersten Buch habe ich einige Gauner und Tagediebe beschrieben. Die haben sich  darüber geärgert und sind dann  in die Vorstellung gekommen sind, um mich zu verprügeln. Ich habe ihnen gesagt, wenn sie glauben, dass Recht zu haben, mich übers Ohr zu hauen, dann habe ich das Recht, darüber zu schreiben. Aber es ist alles gut ausgegangen (lacht)... „Sumrak...“ will natürlich niemanden diffamieren, sondern die Dinge so darstellen, wie sie sind. Ich habe viele Leute beschrieben, die sich selbst für Banker oder Manager halten, aber ich finde, dass das für diese Leute aufgrund ihrer Bildung und ihres Verhaltens nicht der richtige Platz ist.

Wie lange bist du schon in Wien?

Zwanzig Jahre.

Und was ist dieser Sumrak (diese „Dämmerung“) aus dem Titel?

Die Dämmerung des Lebens. Diese Art von Leben, das wir heute führen, hat uns an den Rand des Lebens und des Verstands gedrängt. Um sich hier zurechtzufinden, muss man durch alle Arten der Dämmerung. Ich bin ein Nachkomme der ersten Gastarbeiter, die in sechziger Jahren hierher gekommen sind.

Hast du den Eindruck, dass die Welt, über die du schreibst, langsam verschwindet?

Ja, sie verschwindet. Aber als ich die Vorstellung vorbereitet habe, war ich überrascht, denn es kam  viel jüngeres Publikum, das sich in dem, was auf der Bühne passierte, wiedererkannte. Hinterher sagten sie mir: „Das sind die Probleme meiner Eltern!“ Das Gastarbeitererbe wird uns sicher noch zwei Generationen lang begleiten.

Fühlst du dich als Stimme dieses Milieus?

Ja, schon. Sie zeigen sich nirgendwo und niemand erzählt ihre Geschichten. Kürzlich rief mich eine Frau an: Sie hatte fünf Bücher gekauft und wollte eigentlich, dass ich zu ihr komme und einen Kaffee mit ihr trinke, damit sie mir ihre Lebensgeschichte erzählen konnte. Und als erstes fragte sie mich, warum ich über ihren Schwiegersohn schreibe und warum ich schreibe, dass er ein toter Mann sei, wo er doch lebe? Ich sagte ihr, dass ich ihren Schwiegersohn nicht kenne, und dann bat sie mich, im nächsten Buch unbedingt zu schreiben, wie sie ihr Mann mit drei Kindern verlassen hat und wie er sich mit einer jungen Slowakin aus dem Staub gemacht hat. Und ich sollte unbedingt schreiben, dass die Slowakinnen die schlimmsten Frauen der Welt seien.

Kannst du dir deine Bücher auf Deutsch vorstellen?

Sie werden schon übersetzt. Grozdana Bulov übersetzt sie. Ein Problem sind die Dialekte aus Ostserbien, der Požarevacer und der Walachische, die ich verwende, d.h. die meine Helden in den Dialogen sprechen. Ich weiß nicht, wie man das übersetzen kann, wie man den Unterschied zur serbischen Standardsprache deutlich macht.

Last but not least, wie findest du dieses Gastarbeiterleben?

Es gibt verschiedene Schichten von Menschen. Ich glaube aber, dass ihnen allen, uns allen eine emotionale Entwurzelung, Spaltung gemeinsam ist. Wie einer meiner Helden im Buch sagt: „Wenn ich hier bin, liebe ich Österreich, wenn ich dort bin, liebe ich Serbien.“ Mich persönlich ziehen meine Gefühle und mein Temperament dort hin.

Interview: Uroš Miloradović / KOSMO

„Sumrak u bečkom haustoru“ kann man auf  www.shop381.com Online bestellen. Der zweite Teil erscheint in Kürze.

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