WELTRELIGIONSTAG 19.01.2015

„Christen und Muslime verdienen mehr Respekt“

© Elisabeth Pranter
Pfarrer Hermann Glettler lebt und arbeitet im Grazer Multikulti-Bezirk Gries. Nicht nur mit unterschiedlicher Herkunft sondern auch Religion ist er täglich konfrontiert. Anlässlich des heutigen Weltreligionstages trafen wir ihn zu einem Gespräch über seine Pfarre und seine Beziehung zum Islam.


KOSMO: Die Pfarre St. Andrä bezeichnet sich als Multikulti-Pfarre. Was bedeutet das?

Pfarrer Hermann Glettler: Vor einigen Jahren stellten wir uns die Frage einer grundsätzlichen Orientierung. Wir wollten uns nicht defensiv zurückzuziehen, sondern mit allen Menschen, die in unserem Bezirk leben, so gut wie möglich zu kommunizieren. Wir haben eine African Catholic Community, eine kleine Comunidad Latina, einen internationalen Frauentreff und Ähnliches mehr. Weiters wurde das erste Lerncafé in unserer Pfarre eröffnet. Die weitaus größte Zahl der Kinder, die dies in Anspruch nehmen, hat Migrationshintergrund. Zusätzlich dazu gibt es private Deutschkurse für Erwachsene in der Pfarre und Nicht zu vergessen sind die internationalen Feste wie der „Andrä-glo-Ball“ und der „Inter-Nationalfeiertag“.

Richtet sich das internationale Angebot dennoch nur an Christen?

Nein, ganz und gar nicht. Wir sind als Pfarrgemeinschaft selbstverständlich mit Menschen in Kontakt, die anderen Religionen angehören. Besonders wichtig ist die Beziehung zu Muslimen, die sich in Graz hauptsächlich in unserem Stadtteil ansiedeln. Seit 1997 finden in der Filialkirche St. Lukas jährlich die sogenannten „Interreligiösen Begegnungen“ statt. Insgesamt ist es mir wichtig, den Muslimen das Gefühl zu geben, dass sie selbstverständlich zu uns gehören, aber auch selbst einen Beitrag zur Integration in ihren Vereinen und Gemeinden zu leisten haben.

Was meinen Sie konkret damit?

Es gibt leider auch Menschen, die ein respektvolles Zusammenleben nicht wirklich mittragen wollen. Meinungs- und Religionsfreiheit sind ihnen fremd. Das ist natürlich nur ein ganz kleiner Prozentsatz, doch genau dort muss ein kritisches Selbstbewusstsein innerhalb der muslimischen Vereine entwickelt werden. Gewaltaufrufe im Namen des Islam und Hetzerei gegen die Ungläubigen darf es einfach nicht geben! Ein gutes Zusammenleben zwischen allen Religionen ist eine Grundqualität unserer Stadt, die von der überwiegend großen Mehrzahl aller Muslime, Christen und Andersgläubigen mitgetragen wird.

Gibt es in ihrer Gemeinde dennoch Konflikte?

Wie man in den Wald hineinruft, so kommt es auch zurück. Wir alle sind doch Menschen mit den ähnlichen Problemen, Freuden, Sehnsüchten, Wünschen und den gleichen großen Fragen nach einem bleibenden Sinn des Lebens. Wenn jeder Gläubige versucht, in seiner Religion einen Weg der Gottgefälligkeit zu gehen und seine Nächsten nicht vergisst, dann gibt es zwischen uns keine wesentlichen Barrieren! Alltagsprobleme gibt es in jeder Form des Zusammenlebens – speziell dann, wenn sehr unterschiedliche Lebensgewohnheiten aufeinanderprallen. Da könnte ich ihnen einiges erzählen. Das sind jedoch keine religiösen Konflikte!

Verstehen Sie die Betroffenheit der Muslime, die die Karikaturen Charlie Hebdos hervorriefen?

Ich verstehe sie zum Teil, möchte aber die bestialische Aggression, die wir jetzt erleben, in keinster Weise entschuldigen. Mit Satire und Ironie gegenüber Glaubensthemen gehen wir in Europa mittlerweile etwas gelassener um. Die aufgeklärte Gesellschaft braucht den bissigen Humor gelegentlich auch als Notwehr, wenn Religion und Politik im ideologischen Gewand daherkommen. Ich möchte damit aber nicht das Satire-Magazin und seine Inhalte verteidigen, wohl aber die Meinungsfreiheit als ein fundamentales Recht unserer Gesellschaft. Zusammen mit den betroffenen Muslimen wünsche ich mir auch öfter mehr Respekt.

Der Islam wird zurzeit von manchen als gewalttätig dargestellt. Wie kann man das gegenseitige Aufschaukeln vermeiden?

In jeder Begegnung und in jeder Handlung möchte ich Konflikte unter Religionen vermeiden. Bei den interreligiösen Begegnungen in St. Lukas geht es heuer vor allem um die Begegnung mit Muslimen. Außerdem hat sich das Ökumenische Forum der christlichen Kirchen in der Steiermark zu einer Kooperation mit dem islamischen Kulturzentrum entschlossen: Am kommenden Freitag wird es eine gemeinsame Kundgebung zum Thema ‚Gegen Gewalt – für Meinungsfreiheit und Respekt‘ geben.

Interview: Anna-Magdalena Druško / KOSMO

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