COVER-STORY: 03.02.2014

Cannabis: Droge oder Medizin?

© zVg.
Nach jahrzehnten der Illegalität wagen immer mehr Staaten den Schritt in die Legalisierung von Cannabis. KOSMO sah sich das Thema genauer an und sprach mit Befürwortern und Gegnern.


Marihuana, Cannabis oder Hanf leistet der Menschheit schon seit Jahrtausenden gute Dienste. Sie wurde zur Herstellung von Papier, Kleidung, Lebensmitteln und Treibstoff und in der Medizin verwendet. Wie konnte eine Pflanze, die in den heiligen Büchern der Inder und Perser erwähnt ist, in nur wenigen Jahrzehnten im 20. Jahrhunderts weltweit in Verruf geraten und verboten werden?

Die Propaganda begann im Amerika der 30-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Ihre Hauptbetreiber waren zwei mächtige Männer: Andrew Mellon, der amerikanische Finanzminister, und Harry Anslinger, der Leiter des Bundesbüros für Betäubungsmittel und gefährliche Drogen. Angeblich hatte Mellon gerade seine eigene Ölfirma gegründet, um in Kuwait Öl zu fördern. Da kam es ihm denkbar ungelegen, dass es wesentlich billiger und einfacher war, Treibstoff aus Cannabis zu gewinnen.

Schnell begann eine Propaganda, die auch der Medienmagnat William Hearst unterstützte, der ebenfalls von der Unterbindung der Hanfproduktion profitierte, da sich Hanf sehr schnell und leicht zu Papier verarbeiten ließ. Außer Hearst stand auch die mächtige petrochemische Firma DuPont unter dem Protektorat des Ministers Mellon. Die Zeitungen begannen, Geschichten über von Marihuana berauschte Schwarze zu veröffentlichen, die Frauen vergewaltigten und Anslinger bezeugte im Kongress, dass Marihuana die „gewalttätigste Droge in der Geschichte der Menschheit sei“. Das alles resultierte 1937 im Verbot von Marihuana und in einem internationalen Akt, den bis zum Ende der 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts 160 Länder der Welt unterzeichnet hatten.

Siebzig Jahre später beginnt die erste Legalisierung genau dort, wo das Marihuana erstmal verboten wurde – in den Vereinigten Staaten von Amerika. Colorado hat 2014 die Legalisierung beschlossen. Diesem Beispiel folgte auch Washington, weitere Staaten planen eine Legalisierung.

Herbert: „Ich verwende Cannabis als Medikament!“

 „Ich hatte große Probleme mit der Wirbelsäule, und meine Freundin hat mir erzählt, dass Cannabis bzw. seine Blätter sehr gut sind, um Schmerz zu lindern“, erzählt Herbert der sich eine Legalisierung wenigstens für medizinische Zwecke wünscht. Über die Steuern würde auch der Staat davon profitieren, ist Herbert überzeugt. Herbert betont, dass er ein großer Gegner von Drogen, Alkohol, Zigaretten und Medikamenten ist, aber er ist der Meinung, dass jeder das Recht hat zu konsumieren, was er will, solange er damit niemanden gefährdet.

Trixi: „Zu uns kommen unterschiedliche Menschen“

Dem stimmt auch Trixi zu. Sie ist Inhaberin des sogenannten Headbud-Shops im 15. Bezirk in Wien. Trixi bietet fast alles an: von Kleidung bis zu Utensilien für den Cannabisgebrauch. Aber sie verkauft weder Samen noch Pflanzen, wie es einige dieser Läden tun. Während des Interviews herrscht im Laden Hochbetrieb. Täglich kommen etwa 100 Kunden hierher und kaufen verschiedene Dinge. Aber wenn Sie erwartet haben, hier zweifelhafte Typen mit Dreadlock-Frisuren anzutreffen, haben Sie sich getäuscht. „Zu uns kommen ganz verschiedene Menschen – von Studenten bis zu Geschäftsleuten und die unterschiedlichsten Altersgruppen“, erzählt uns Trixi. Dennoch gibt es auch für sie Grenzen: „Jungendliche unter 16 Jahren weise darauf hin, dass sie sich lieber die Bekleidungsartikel anschauen sollen, oder ich sage ihnen einfach, dass ich ihnen das nicht verkaufen werde.“

Katarina: „Mit Cannabis hat alles angefangen!“

Aus dem fröhlichen, bunten Shop kommen wir in eine andere, düstere und depressivere Welt. Die Welt, in der die 50-jährige Katarina seit zwei Jahren lebt. Ende der 90er kam sie als Asylantin mit ihrer Tochter aus der Russischen Föderation. Der Anfang war schwer, Katarina arbeitete 12 Stunden am Tag, die Tochter war Schülerin und sie sah sie nicht sehr oft. „Als ich erfuhr, dass meine Tochter mit  Cannabis experimentierte, habe ich darum nicht allzu viel Aufheben gemacht. Ich dachte, sie ist jung und neugierig, das würde vorbeigehen.“

Leider ging es nicht vorbei, ihre Tochter begann, mit harten Drogen zu experimentieren. Katarinas Tochter nahm in der Wohnung eines Freundes eine Überdosis und starb vor zwei Jahren. „Ich bin nicht für eine Legalisierung, von keiner Droge, niemals, egal wie harmlos sie zu sein scheint“, sagt Katharina. „Wenn ich gegenüber den Drogenexperimenten meiner Tochter nicht so tolerant gewesen wäre, wäre die Geschichte vielleicht anders ausgegangen.“

Toni Sraka: „Cannabis ist keine Einstiegsdroge!“

Wenn man Toni Sraka, den Vorsitzenden des Österreichischen Hanfverbands, fragt, so glaubt er nicht, dass Cannabis eine Einstiegsdroge ist. „Ich glaube, 100 % derer, die von harten Drogen abhängig sind, haben einmal im Leben Muttermilch oder Bier probiert, und niemandem würde es in den Sinn kommen, das als ‚Einstiegsdroge’ zu bezeichnen“, argumentiert Sraka.

„Und natürlich ist das alles mit Kriminalität verbunden, denn wenn ich Cannabis konsumieren will, muss ich es kaufen, und damit begehe ich automatisch eine Straftat“, fügt er hinzu. Der Verband setzt sich schon seit Jahren für die Legalisierung von Hanf in Österreich ein und organisiert einmal jährlich auch einen Protest gegen die Kriminalisierung von Cannabis, den sogenannten „Hanfwandertag“, zu dem im vergangenen Jahr 7.000 Menschen zusammenkamen.

Was sagt das Gesetz?

In Österreich unterliegt Cannabis dem Betäubungsmittelgesetz. So sind zum Beispiel der Kauf und der Besitz der Samen vollständig erlaubt, sofern sie nicht zur Zucht gekauft werden. Zucht, d.h. das Pflanzen von Cannabis, ist bis zu einer gewissen Grenze erlaubt, abhängig vom Zweck der Pflanzung. Wenn Sie Cannabis pflanzen, um daraus Kleidung, Papier, Kosmetik oder Lebensmittel zu machen, bekommen Sie keine Probleme. Aber wenn festgestellt wird, dass Sie Cannabis gepflanzt und gezüchtet haben, um es ausschließlich zum Rauchen zu verwenden, unterliegen Sie automatisch dem Strafgesetz. Vollständig strafbar sind Kauf, Besitz, Zucht und Schmuggel, Werbung und Konsumation von Cannabis.

Hier ist Marihuana legal:

Uruguay - war das erste Land der Welt, das die Zucht, den Verkauf und die Konsumation von Marihuana legalisiert hat. Ein Gesetz regelt Zucht, Vertrieb und Konsumation von Marihuana. Sein Ziel ist es, den Drogenkartellen in diesem kleinen mittelamerikanischen Staat das Geschäft abzugraben. Die Cannabiskonsumenten können maximal 40 Gramm monatlich in einer dazu ermächtigten Apotheke kaufen, wenn sie in Uruguay einen ständigen Wohnsitz gemeldet haben, älter als 18 Jahre sind und im staatlichen Register erfasst sind, das den Drogenhandel verfolgt.

Colorado – der erste Staat der USA, der Cannabis legalisiert hat. Die Bürger von Colorado, die das 21. Lebensjahr vollendet haben, dürfen 28 Gramm Cannabis kaufen, während den übrigen der Kauf von 7 Gramm erlaubt ist. Der Cannabisverkauf wird genauso besteuert wie auch Alkohol, und die staatlichen Beamten erwarten, dass die Einnahmen aus dem Verkauf in Millionen zu rechnen sind. Die ersten 40 Millionen Dollar wird Colorado für den Schulbau einsetzen.

Washington – der zweite Staat der USA, der Cannabis legalisiert hat. Auch hier ist der Kauf von 28 Gramm gestattet, und der Staat vergibt an die Züchter, Verkäufer und Konzessionäre von Cannabis Konzessionen.

Sanja Vlahović-Zajić / KOSMO

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