PORTRÄT 03.06.2015

Boxhandschuhe statt Nagellack

© zVg.
Wenn Sandra Zekić nicht gerade die Nachrichten für TV Prva liest, tauscht die Moderatorin das Mikrophon gegen die Boxhandschuhe. Sandra erzählt uns, was der Journalismus und das Boxen miteinander zu tun haben.

Sandra hat mit 12 Jahren begonnen, in ihrer Heimatstadt Zrenjanin Boxen und Savate zu trainieren und zahlreiche Medaillen bei nationalen, Europa- und Weltmeisterschaften gewonnen. Mit ihren nunmehr 34 Jahren hat sie eine Kampfsportkarriere hinter sich, um die sie viele beneiden werden.

Als sie in der sechsten Klasse der Grundschule in den Ring stieg, hatte auch das Leben ihr bereits ein paar Schläge verpasst. Sandra begann zur gleichen Zeit auch zu kochen und praktisch ihre beiden jüngeren Brüder aufzuziehen, weil ihre Eltern immer arbeiteten und nicht genügend Zeit hatten, sich ihnen ganz zu widmen. „Ich war streng mit meinen Brüdern. Noch heute bin ich streng, selbst wenn sie inzwischen schon Familien haben. Ich habe mich immer um sie gekümmert“, erzählt uns Sandra und erinnert sich, dass ihr am Anfang alle diesen Sport ausreden wollten.

Weil sie klein war, riet ihr der Trainer nach einer Weile, vom Boxen zum Savate zu wechseln. Damals wusste sie nicht einmal, was das ist. Dass das ein Sport mit einer jahrhundertealten Tradition ist, aber es stellte sich heraus, dass er ihr lag. Savate ist elegant, aber rauer als Boxen, denn man trägt Sportschuhe und tritt auch mit den Fußspitzen und Fersen. Das sind harte Tritte. Den ersten Kampf hatte sie ausgerechnet in ihrer Heimatstadt Zrenjanin, mit allen Schulkollegen und der ganze Familie im Publikum. Die junge Frau erinnert sich noch, wie ihr mein Vater kurz dem Kampfes sagte: „Ach Kind! Deine Gegnerin ist überall gleichzeitig, wie ein Tintenfisch! Gehen wir heim, bevor es zu spät ist“, erzählt Sandra lachend. Dann kam der Gong, der Kampf begann und sie siegte. Danach folgte ein Sieg dem anderen, sie wurde in die serbische Nationalmannschaft berufen und gewann mit ihr bei Europameisterschaften zwei silberne und eine bronzene Medaille.

Mit Steinen im BH

Für ihre letzte Medaille im Savate hat sie sich am meisten gequält, weil dieser Sieg automatisch bedeutete, dass sie ein staatliches Stipendium bekommen würde. „Niemals habe ich mehr abbekommen, als in den Kämpfen um diese Medaille. Ich bin gegen Mädchen angetreten, die bis zu 10 kg schwerer waren als ich. Ich war mit 57 Kilogramm in den Wettkampf gegangen und hätte in der Kategorie bis 60 kg kämpfen sollen. Aber eine Freundin aus dem Club hatte es nicht geschafft, das vereinbarte Gewicht zusammenzubringen und darum haben wir entschieden, dass sie in die Kategorie bis 60 kg geht und ich in die bis 65 kg. Und wir haben es nur knapp geschafft. Ich war beim Wiegen voll bekleidet und habe mir 4 Handys in den BH und zwei in die Hosentaschen gesteckt. Meine Freundin hat sich sogar Steine in den BH geschoben. Und ich habe die Medaille gewonnen, aber der Staat beendete das Stipendienprogramm. Damals habe ich gesagt: „Ich kann nicht mehr!“ Mein ganzes Leben quäle ich mich und überlege, wie ich das alles finanziere und dann das. Ich habe das Savate und die Nationalmannschaft aufgegeben und bin wieder zum Boxen zurückgekehrt“, erinnert sich Sandra.

In ganz Ex-YU mit den Fäusten Freundschaften geschlossen

Sandra sagt, dass sie nur zweimal an sich selbst gezweifelt hat. Einmal, als sie Fallschirm gesprungen ist, und das zweite Mal vor einem wichtigen Kampf in der Schweiz. „Ich habe so zu mir selbst gesagt: ‚ Sandra, warum tust du dir das alles an?‘ In diesem Moment brach ein Bursche vom Sicherheitsdienst in Lachen aus und sagte in meiner Sprache nur: ‚Na los, Kleine, in den Ring und volle Kraft voraus‘. Es stellte sich heraus, dass dieser Bursche aus dem schweizerischen Sicherheitsdienst Bosnier war, und seine Unterstützung bedeutete mir viel“, erinnert sich Sandra lachend. Das war, wie sie sagt, ein weiterer Bewies dafür, dass es im Sport keine Grenzen, keine Fahnen, keine Nationen geben sollte. Ich habe überall in Ex-Jugoslawien Freunde, gegen die ich gekämpft habe, und heute hören wir uns fast täglich, treffen uns ab und zu und haben einander gerne zu Gast“, betont Sandra.

Sparrings mit den Männern

Obwohl Boxen auch bei Frauen immer beliebter wird, gibt es in diesem Sport noch immer wenig weibliche Kämpferinnen. Die Männer, mit denen sie in den Boxhallen Sparrings macht, waren anfangs skeptisch, aber mit der Zeit haben sie begriffen, dass Sandra einen eisernen Willen hat und wie ein Mann kämpft. Aufgrund ihrer Arbeit weiß man jedoch nie, ob sie es schafft, zum Training zu kommen. Darum lässt man sie in der lokalen Polizeistation aus Sympathie auch nachts in die Sporthalle, damit sie alleine „gegen den Boxsack“ trainieren kann.

Sandra lebt und arbeitet im Moment in Novi Sad, wo sie auch studiert. Ihr fehlen nur noch fšnf Pršfungen. Im Grunde ist sie doch ein ganz normales Mädchen, das von einer Familie und einem ruhigen Heim träumt, aber sie sagt, dass sie sich einfach nicht binden kann und dass sie dafür einen Mann braucht, der sie nicht festhält und der auch für ihre Trainings und ihre Arbeit ohne feste Arbeitszeiten genügend Verständnis mitbringt.

Zlatko Čonkaš / KOSMO

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