WM-QUALIFIKATION 08.10.2013

Bosnischer Samba für ein brasilianisches Wunder

© zVg.
Die Fußballnationalmannschaft von Bosnien-Herzegowina ist mit einem Fuß in Brasilien. Wenn in den letzten beiden Runden kein Wunder passiert, wird sich das Team erstmals für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien qualifizieren.

Von einem Auftritt im Land der Samba und des Karnevals trennt Bosnien nur, was jeder halbwegs ernsthafte Experte von ihnen erwartet: Siege gegen Liechtenstein und Litauen. „Liechtenstein werden wir mit drei – vier Toren Vorsprung schlagen, und im letzten Spiel in Litauen feuern uns zehntausend Fans an. Wenn wir das Spiel mit so einem guten Team und einem solchen Publikum nicht gewinnen können, haben wir in Brasilien nichts zu suchen“, sagt der Trainer dieser Mannschaft Safet Sušić angesichts der letzten Begegnungen der Qualifikation.

Außer dem Ausrutscher im Heimspiel gegen die Slowakei (0:1), als die bosnisch-herzegowinische Elf in Zenica unerwartet verlor, hatte die Mannschaft in den bisherigen Qualifikationsspielen eine wirklich beeindruckende Statistik hingelegt: sechs Siege, 25 Tore, eine Niederlage und ein Remis. Das Team glänzt aber nicht nur durch seine Statistik, sondern auch durch seine international renommierten Spieler. „Die größten Stars des Teams sind sicher Edin Džeko und Miralem Pjanić, aber jeder Spieler kann das Spiel entscheiden“, kommentiert Samir Cacan, Sportjournalist bei Radio Sarajevo, gegenüber KOSMO.

Sportliche „Einigkeit“ in Bosnien-Herzegowina

Bei dieser Besetzung wundert es nicht, dass sogar Ivica Osim, der sonst nicht gerade dafür bekannt ist, mit Superlativen um sich werfen, bestätigte, dass Bosnien-Herzegowina „im Moment den besten Fußball der ganzen Region spielt“. Aber die Fußballeuphorie hat nicht nur Osim erfasst, sondern auch alle Fans der Nationalmannschaft zu Hause und in der Diaspora.  Derzeit sieht es so aus, als könnte die großartige Leistung der Fußballer sogar die politischen Probleme im Land in den Schatten stellen. In einem Land, in dem noch immer eine Politik der ethnischen Teilung herrscht, waren viele positiv überrascht, als der Vertreter der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft HDZ BiH, Dragan Čović, den Erfolg begrüßte und von „unserer Mannschaft“ sprach.

Noch überraschender war ein Artikel  in der Online-Ausgabe der Tageszeitung "Glas Srpske", die in der Republika Srpska erscheint. In dem Text war ebenfalls von „unserem Sieg“ die Rede. Auch wenn die „Einigkeit“ in diesem Text nur kurz anhielt –  der „Fehler“ wurde nach wenigen Minuten online wieder „korrigiert“ und aus „unserem Sieg“ wurde wieder der „der Nationalmannschaft von Bosnien-Herzegowina“ – glauben viele, dass der Sport doch der einzige Weg ist, der die drei Nationen im Land des Dayton-Abkommens vereinigen könnte. „Die nationale Einigung in Bosnien-Herzegowina muss man im Sport suchen“, stellte David Thomas, ein Journalist des angesehenen Finanzblatts Financial Times, kürzlich fest.

Team der Flüchtlingskinder


Auch die englische BBC schickte einen Journalisten zum Spiel Bosnien-Herzegowina gegen die Slowakei in Žilina. Von dort schrieb er über das „Flüchtlingsteam“ und erinnerte daran, dass der Kader der „Drachen“ zu einem guten Teil aus den Kindern jener Leute besteht, die der Krieg ins Ausland trieb. „Bosnien habe ich verlassen, als ich vier Jahre alt war, und ich erinnere mich an nichts aus dieser Zeit. Aber alle diese Ereignisse sind ein großer Teil meines Lebens und meiner Familie“, erklärte der Torhüter des Teams, Asmir Begović. Nicht nur wegen der Qualität der Mannschaft und des Fußballs, sondern wahrscheinlich auch aus hundert anderen Gründen, die im Grunde nichts mit dem Sport zu tun haben, haben viele bekannte Bosnier und Herzegowiner, aber auch ausländische Journalisten Sympathie und Unterstützung für die „Drachen“ geäußert. „Die Bürger dieses Landes fühlen sich in der Welt des Sports, aber auch auf vielen anderen Landkarten, isoliert. Sie haben zugeschaut, wie die Vertreter anderer Länder der Region hervorragende sportliche Resultate erzielen.  Jetzt ist die Zeit gekommen, dass die Bosnier und Herzegowiner auf den Erfolg ihrer Mannschaft stolz sein können“, sagt unser Kollege Samir Cacan.

Als die Basketball-Nationalmannschaft von Bosnien-Herzegowina bei der letzten EM unglücklich ausschied, sagte ihr Trainer Aco Petrović unter Tränen: „Es tut mir leid für dieses arme Land, das einen sportlichen Erfolg einfach braucht. Die Bosnier und Herzegowiner haben ein bisschen sportliche Freude verdient“, sagte der sichtlich erschütterte Aco Petrović.

Mit Bezug auf Petrovićs Äußerung können wir sagen: Dieses „bisschen Freude“ war tatsächlich niemals so zum Greifen nahe….

Petar Rosandić / KOSMO

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook