INTERVIEW 02.06.2015

„Bosnische Frauen sind etwas Besonderes“

© zVg.
Wir sprachen mit Azra Merdžan, der Vorsitzenden des Frauenforums in der Gesellschaft bosnischer Akademiker in Österreich, über bosnische Frauen in Österreich und die Bedeutung von Gedenktagen für die Community.

KOSMO: Seit wann ist die Gesellschaft bosnischer Akademiker in Österreich aktiv, und was sind ihre Ziele?

Azra Merdžan: Die Gesellschaft wurde im November 1994 in Wien registriert. Ihr erster Vorsitzender war der bekannte bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan. Ich muss hier einfach unsere aktiven Mitglieder und die Personen vorstellen, die in der Zeit des Krieges und der Flucht einen besonderen Beitrag geleistet haben: Helmut Zilk, den damaligen Wiener Bürgermeister, Simon Wiesenthal, den Kämpfer gegen den Nationalsozialismus, oder Alois Mock, den damaligen österreichischen Außenminister. Die Idee, die Gesellschaft erneut zu beleben, kam Ende 2014 auf. Unsere Hauptziele sind: Hilfe und Unterstützung für die Bürger bosnischer Herkunft in Österreich, Unterstützung für Akademiker mit Herkunft aus Bosnien-Herzegowina und Unterstützung für Schüler, Studenten und Kinder. Wichtig sind uns Integration und humanitäre Aktivitäten wie auch die Bewahrung unserer Kultur.

Sie sind die Vorsitzende des Frauenforums. Wie ist die Situation der Frauen mit Herkunft aus Bosnien-Herzegowina in Österreich heute?

Die 77.500 Frauen mit Herkunft aus Bosnien-Herzegowina bilden die zweitstärkste Frauengruppe mit Migrationshintergrund. Ich würde nicht sagen, dass unsere Frauen irgendwie besonders sind, aber erwähnenswert ist, dass die Frauen aus Bosnien-Herzegowina für ihre Anpassungsfähigkeit an ein neues Umfeld bekannt sind. Es gibt jedoch auch Frauen, die es aufgrund verschiedener Hindernisse nicht geschafft haben, ihre Diplome zu nostrifizieren und entsprechende Beschäftigungen zu finden. Wir dürfen nicht vergessen, dass eine große Zahl bosnischer Frauen auch allgemeine, gesundheitliche und psychosoziale Schwierigkeiten hat. Sie leben in Isolation, sind schwer krank und oft sich selbst überlassen. Eine große Zahl dieser Frauen hat im Krieg sehr gelitten, ist Gewaltopfer geworden oder hat im Krieg geliebte Familienmitglieder verloren.

Die Gesellschaft, und insbesondere das Frauenforum, hat gemeinsam mit Frauen, die Kriegsopfer in Bosnien-Herzegowina gewesen sind, im März das KZ Mauthausen besucht. Wie waren Ihre Eindrücke?

Die Solidarität mit den Opfern von Mauthausen stand diesen Frauen in ihre traurigen Gesichter geschrieben. Der Vater einer Frau aus unserem Forum war in Mauthausen gefangen, und sie musste selbst als Flüchtling aus Bosnien-Herzegowina in Österreich Zuflucht suchen. Solche Geschichten sollten uns als Mahnung dienen. Wir dürfen nicht vergessen und müssen immer darum kämpfen, dass sich solches Leid niemals mehr wiederholt.

Am 31. Mai hatten Sie auch eine Aktion für den Tag der weißen Armbänder, an dem Sie an die Opfer des letzten Krieges in Prijedor erinnerten. Welche Botschaft wollten Sie damit senden?

Indem wir den Tag der weißen Armbänder in Prijedor begehen, wollten wir an den 70. Jahrestag der Befreiung im Zweiten Weltkrieg erinnern und der Millionen Opfer des Holocaust gedenken. Wir wollen uns an all die unschuldigen Opfer der Kriege der 1990er Jahre am Balkan erinnern, unabhängig davon, von wem und an wem da Unrecht begangen wurde. Frauen, die aus Bosnien-Herzegowina stammen, haben gemeinsam mit ihren Kindern – insgesamt ca. 60 Personen – am Sonntag, den 31. Mai 2015, mit dem Schiff auf der Donau eine Panoramafahrt durch Wien unternommen. Dabei trugen sie an den Revers eine Blume von Srebrenica und weiße Rosen, um so nicht nur an die Verbrechen in Prijedor, sondern auch an den Genozid in Srebrenica zu erinnern. Die weißen Rosen wurden an die Gäste und Touristen auf dem Schiff verteilt und in die Donau geworfen. Das war unser Beitrag zur Erinnerung.

Wie kann die hochgebildete Diaspora aus Bosnien-Herzegowina ihrem Heimatland helfen?

Indem wir Fachleute aller Branchen zusammenbringen, Berufsorganisationen im Land und im Ausland bilden und in gezielten Projekten in den hochentwickelten westlichen Ländern, in denen unsere Diaspora lebt, und in Bosnien-Herzegowina Know-how und Projektpläne austauschen. Unsere Gesellschaft hat bereits einen Business Club Bosnien-Herzegowina – Österreich gebildet. Dieser Club wird am permanenten Austausch bestehender Kenntnisse, Erfahrungen und Entwicklungen arbeiten, die die Diaspora besitzt und die dem Land, aus dem wir kommen, zugutekommen sollen.

Interview: Nedad Memić / KOSMO

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