STEĆCI 05.02.2015

Bosniens stumme Zeitzeugen

© Wikipedia, Creative Commons, CC BY-SA 3.0
Stećci sind mittelalterliche Grabdenkmäler in Form von Sarkophagen und gehören zu den wichtigsten kulturhistorischen Schätzen Bosnien-Herzegowinas. Schon bald könnten sie auch auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes stehen.


„Die Dame Europa möge uns verzeihen, sie hat keine Kulturdenkmäler. Das Volk der Inka in Amerika hat Denkmäler. Ägypten hat echte Kulturdenkmäler. Die Dame Europa möge verzeihen, nur Bosnien hat Denkmäler, die Stećci. Was ist ein Stećak? Eine Besonderheit des Bergvolks, der Bosnier! Was macht ein Bosnier auf dem Stećak? Er steht gerade. Erhobenen Kopfes, erhobener Hände! Aber niemals und nirgendwo hat jemand einen Stećak gefunden, auf dem ein Bosnier kniet oder betet, auf dem er unterwürfig dargestellt ist“, schrieb 1960 der berühmte kroatische Schriftsteller und Intellektuelle Miroslav Krleža, fasziniert vom bosnischen Mittelalter.

Die mittelalterlichen Grabdenkmäler Stećci sind wirklich eine kulturelle und historische Besonderheit vor allem Bosnien-Herzegowinas, aber es gibt sie auch in den Grenzgebieten Kroatiens, Montenegros und Serbiens. Nach der Schätzung der Archäologen und Historiker gibt es in Bosnien-Herzegowina etwa 60.000 dieser Grabdenkmäler. Etwa 10.000 davon findet man zusätzlich in den Nachbarländern. Die ältesten Stećci stammen aus dem 11. Jahrhundert, aber ihren Höhepunkt erreichte die Entwicklung dieser Grabdenkmäler im 14. und 15. Jahrhundert während der politischen Blütezeit und der größten territorialen Ausdehnung des mittelalterlichen bosnischen Königreichs. Stećci gehören heute zur bosnisch-herzegowinischen Landschaft, man findet sie im Zentrum von Sarajevo, an der Mündung des Koševski Potok in die Miljacka vor der berühmten Skenderija, aber der bekannteste Stećci-Friedhof liegt im Ort Radimlja bei Stolac in der Herzegowina. Dieser Friedhof birgt ca. 133 Stećci. Stećci gibt es auch an ungewöhnlichen Orten, auf Gebirgswiesen und an den Hängen der bosnisch-herzegowinischen Gebirge.

Die Symbolik der Stećci

Die Stećci waren für viele Inspiration. Entdeckt und der Welt vorgestellt wurden sie von dem britischen Archäologen Arthur J. Evans, einem Balkanforscher des 19. Jahrhunderts. Nach Meinung eines der bekanntesten Erforscher des bosnisch-herzegowinischen Mittelalters, Dubravko Lovrenović, war es Evans, der die These formulierte, dass die Stećci eigentlich bogumilische Grabdenkmäler seien. Diese These hielt sich lange in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit, während heute in Forscherkreisen die Meinung vorherrscht, dass die Stećci interkonfessionell sind: Unter ihnen sind sowohl Angehörige der bosnischen Kirche als auch Orthodoxe und Katholiken begraben. In der Wissenschaft hingegen gibt es auch die These, dass die Stećci in der bosnischen Kirche ihren Ursprung haben, später aber von den übrigen Religionen im alten Bosnien übernommen wurden. Stećci haben unterschiedliche Formen und auch ihre Motive sind vielfältig: von Spiralen, Bögen und Rosetten über Weinranken, Sonne und Halbmond bis hin zum Kreuz, aber es gibt auch menschliche Motive: So findet man Stećci, auf denen Menschen in Wagen dargestellt sind. Der bekannteste ist vielleicht jener, der einen Mann darstellt, der einen Arm wie zum Schwur erhoben hat.

Unter den Stećci wurden die wohlhabenderen Bosnier und Herzegowiner des Mitteralters begraben, das zeigt unter anderem die Größe dieser Denkmäler, ihre Ornamentik und auch die Materialien, die zu ihrer Fertigung  verwendet wurden (z.B. venezianisches Glas). Der beste und aufwändigste Stećak wurde Dorf Donja Zgošća bei Kakanj gefunden und steht heute im Botanischen Garten des Landesmuseums in Sarajevo. Die Maße dieses Stećaks sind imposant: Seine Länge beträgt 265 Zentimeter, seine Breite an der Basis 139 Zentimeter und seine Höhe bis zum Dach fast 1,5 Meter. Er wiegt 14 Tonnen! Die Verzierungen des Stećak aus Zgošća sind eine Kombination aus ornamentalen und figuralen Motiven und ihr Stil ist sowohl mediterran als auch mitteleuropäisch, sowohl romanisch als auch gotisch. Einige Wissenschaftler vermuten, dass unter diesem Stećak niemand anders begraben liegt als der bosnische Banus Stjepan II. Kotromanić oder jemand anderes aus seinem Zweig der bosnischen Königsfamilie.

Die Mystik der Epitaphe

Für die Stećci gibt es im Volksmund zahlreiche Namen wie Bilig, Kâm oder Mramor, und die Stećci-Friedhöfe werden auch oft griechische Friedhöfe, kaurische Friedhöfe oder Mramorje genannt. Das Wort Stećak selbst stammt vom Verb "stajati" (stehen). So divers wie die Bezeichnungen der bosnisch-herzegowinischen Grabdenkmäler, so vielfältig sind auch die Inschriften (Epitaphe) darauf. Die Epitaphe sind in der bosnischen Kyrilliza (Bosančica) geschrieben und bilden einen spezifischen Ausdruck der mittelalterlichen Schriftlichkeit in Bosnien und Hum (später Herzegowina). Inhaltlich können sie weltlich oder auch philosophisch-religiös sein. Die Sprache der Stećci ist die des Volkes und zeigt starke dialektale Eigenheiten des weststokavischen Dialekts. Der mittelalterliche sprachliche Ausdruck in Bosnien war ikavisch, was auch in den Epitaphen auf den Stećci verbreitet ist.
Die Stećci wurden als Phänomen des balkanischen und bosnisch-herzegowinischen Mittelalters oft nach persönlichem Belieben interpretiert. Es wurde auch versucht, diese faszinierenden Grabdenkmäler zu ethnisieren, aber Tatsache ist, dass sie zum Kulturerbe aller Einwohner Bosnien-Herzegowinas und der umliegenden Regionen Serbiens, Montenegros und Kroatiens, die sich zum mittelalterlichen bosnischen Staat hin orientierten, gehören. Etwa 95 Prozent der Stećci zählen heute zum bedrohten nationalen Kulturschatz. Statt um ihre Zugehörigkeit zu streiten, ist es jetzt an der Zeit, sie gemeinsam zu schützen.

Nedad Memić / KOSMO

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