07.10.2014

„Bosniens junge Generation ist verloren“

© zVg.
Aida Begić ist derzeit eine der wichtigsten Filmemacherinnen Bosnien-Herzegowinas. Wir trafen sie bei ihrem Besuch auf dem LET’S CEE Film Festival in Wien und sprachen mit ihr über Bosnien-Herzegowina zwischen Stagnation und Revolution.


KOSMO: Sie haben beim  Film „Bridges of Sarajevo“ mitgewirkt, bei dem 13 internationale Filmemacher, einen Blick auf Sarajevo geworfen. Wie erleben Sie die Wahrnehmung ihrer ausländischen Kollegen?

Aida Begić: Tatsächlich war ich die einzige Regisseurin, die selbst aus der Stadt stammte, um die es ging. Ich war sehr gespannt, was die anderen zwölf Filmemacher über meine Stadt sagen würden. Insgesamt war es natürlich kein allzu optimistischer Blick - gerade angesichts des hundertsten Jahrestags des ersten Weltkriegs und eines ganzen Jahrhunderts, das in Sarajevo mit Krieg begonnen und geendet hat. Es war aber wichtig, gerade in diesem Jahr einen solchen Film mit verschiedenen künstlerischen Perspektiven zu machen. Wie gesagt, die einzelnen Beiträge strahlen keinen übertriebenen Optimismus aus.

Im Oktober sind Wahlen in Bosnien-Herzegowina. Wie sind die politischen Perspektiven für die Menschen im Land?

Ich glaube, dass die Menschen überhaupt keine Perspektive sehen. Ich habe das Gefühl, dass dieses Jahr das depressivste seit dem Ausbruch des Kriegs ist. Mir kommt vor, dass sogar die Kriegsjahre in gewisser Weise mehr Sinn hatten. Es scheint kein Konzept zu geben, dass uns aus dem Abgrund ziehen kann, in den wir in den vergangenen Jahrzehnten hineingeraten sind. Vielleicht geschieht ja ein Wunder und es kommt zu einer positiven Revolution. Aber bisher sehe ich das nicht.

Fühlen sich die Menschen Bosnien-Herzegowina eigentlich als Teil Europas akzeptiert?

Nicht wirklich. Wir wissen schon, dass wir Teil Europas sind, egal wie sehr uns Europa manchmal liebt oder nicht liebt. Ich denke, dass die Politik der EU gegenüber Bosnien-Herzegowina schon während des Kriegs und auch danach nicht die beste war. Auf der anderen Seite haben wir auch nicht gezeigt, dass wir bereit sind, uns um uns selbst zu kümmern. Das ist ein Teufelskreis. Aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob sich die Menschen überhaupt noch als Teil eines gemeinsamen Europas sehen oder eine Perspektive in der Europäischen Union erkennen. Es herrscht eine große Lethargie und Pessimismus im Land.

Ihr letzter Spielfilm heißt „Djeca“ („Children of Sarajevo“ – internationaler Titel). Wie würden sie den Zustand der Kinder und Jugendlichen in Bosnien-Herzegowina beschreiben?


Ich wollte mit diesem Film eigentlich einen Teenager-Film machen, nachdem „Snijeg“ („Schnee“) ein sehr schwerer Film war. Als ich begonnen habe, zum Thema zu recherchieren, habe ich begriffen, dass die Teenager eine „geopferte“ Generation sind. Viele, die nach dem Krieg mit nur einem Elternteil oder als Weisen, sind in die Kriminalität oder in die Drogen verfallen. Und das System hat keine Lösung für dieses Problem.

Sie selbst haben den Bosnien-Krieg als Jugendliche erlebt – welchen Einfluss hat das auf ihre Generation gehabt?

Wir haben unsere wilden Jahre genau während der Belagerung Sarajevos erlebt und wir haben uns bemüht, ein möglichst normales Leben zu führen. Wir haben uns für Musik interessiert und versucht, die Trends zu verfolgen. Ich habe während des Kriegs studiert – was sehr seltsam ist, wenn du Shakespeare oder Ibsen liest, während die Granaten fallen. Aber ich glaube, wir haben die Kurve gekriegt. Die Menschen aus meiner Generation, die das Land verlassen haben, sind auch sehr erfolgreich. Das ist eine Generation, die es trotz ihrer schwierigen Jugend irgendwie geschafft hat, nicht unterzugehen. Wir hatten nicht diesen großen Schock über den Zusammenbruch des sozialistischen Systems, wie die ältere Generation. Die Generation danach hat es in gewisser Weise am schwersten und ist am verlorensten.

Sie tragen ein Kopftuch, welche Bedeutung hat das für Sie?


Heute ist das Kopftuch eine Sache, über die jeder eine Meinung hat. Manchmal fühle ich mich wie eine lebende Installation. Du kommst in einen Raum und alle sehen dich an und haben eine Meinung über dich. Aber für mich ist das Kopftuch eine intime Sache. Leider hat es heute viele politische Konnotationen hat, und wird von unterschiedlichen Seiten propagandistisch missbraucht. Die einen haben eine zu gute Meinung darüber, die anderen eine zu schlechte  – aber es sind in beiden Vorurteile. Deswegen ist das Tragen des Kopftuchs nicht besonders leicht. Aber durch Kommunikation und Austausch kann man viele Vorurteile abbauen und Frauen, die das Kopftuch tragen besser in die westliche Gesellschaft integrieren.

Was sind ihre nächsten Projekte?

Derzeit bin ich in der Post-Produktion eines langen Dokumentarfilms, der eigentlich von meinen Kurzfilm inspiriert ist. Es ist eine Hommage an Menschen, die den Krieg überlebt haben und heute in der Gesellschaft marginalisiert sind. Mein Wunsch ist es immer, das die „kleinen Leute“ auch als menschliche Wesen behandelt werden und nicht nur als Nummern.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO

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