GRENZKONFLIKT 21.01.2015

Bosnien/Montenegro: Kampf um Meereszugang

© zVg.
In den letzten Monaten wirbt eine groß angelegte Kampagne um die Rückkehr der Orte Sutorina und Kruševica in der Bucht von Kotor nach Bosnien-Herzegowina. Montenegro verschob die Ernennung seines Botschafters in Sarajevo.


Mitte letzten Jahres schien in der Grenzfrage zwischen Bosnien-Herzegowina und Montenegro alles gelöst zu sein. Die Grenzkommissionen beider Länder hätten einen Gesetzesentwurf – der erste dieser Art am Westbalkan –  vorbereitet, der die Grenzen zwischen diesen zwei Nachfolgestaaten Jugoslawiens nachhaltig hätte definieren sollen. Als die Medien von diesem historischen Grenzabkommen zwischen Bosnien-Herzegowina und Montenegro zu berichten begannen, meldeten sich namhafte Experten in Bosnien-Herzegowina, die ein altes territoriales Kapitel aufschlugen: jenes von Sutorina und Kruševica, zwei Orten am Eingang in die Bucht von Kotor.

Historische Fakten

Doch woher kommt das Interesse für diese zwei Ortschaften? Historische Fakten sprechen eine ziemlich klare Sprache: Nach 1699 wurden Sutorina und Kruševica in die osmanische Provinz (Eyalet) Bosnien eingegliedert, in Bosnien-Herzegowina bleiben diese Ortschaften samt Meereszugang de facto bis in die 1930er Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Vereinbarung zwischen den Premierministern der sozialistischen Teilrepubliken Jugoslawiens Bosnien-Herzegowina und Montenegro, nach dem Grundbücher und sämtliche Dokumentation von Sutorina aus Bosnien nach Montenegro gebracht wurden. Geht es nach Professor Suad Kurtćehajić aus Sarajevo, war diese Vereinbarung illegal.

„Alle Grenzänderungen im ehemaligen Jugoslawien hätten von den Parlamenten der Teilrepubliken und vom föderalen jugoslawischen Parlament bestätigt werden sollen. Dies trifft hier nicht zu. Montenegro besitzt diese Ortschaften also widerrechtlich“, ist Kurtćehajić zuversichtlich. Dazu hat das sozialistische Jugoslawien Bosnien-Herzegowina jene Grenzziehungen zugesprochen, die bereits am Berliner Kongress 1878 definiert wurden. Professor Anton Jekauc vom Wirtschaftsinstitut in Sarajevo denkt, dass Sutorina große wirtschaftliche Vorteile für Bosnien-Herzegowina bringen könnte. „Sutorina ist 40 Mal so groß wie Monaco. Es hat einen fünf Kilometer breiten Meeresstreifen, an dem sogar fünf große Kreuzfahrtschiffe einlaufen könnten“, sagt Jekauc.

Breite Front

In den letzten Monaten formierte sich in beiden bosnisch-herzegowinischen Landesteilen eine breite Front, die eine Überprüfung des Status von Sutorina und Kruševica verlangt. Auf Druck von Experten und Medienberichten wird nun das Parlament Bosnien-Herzegowinas bis Ende Februar eine öffentliche Diskussion zur Frage von Sutorina und Kruševica abhalten. Professor Kurtćehajić sieht darin eine Chance: „Wir dürfen Sutorina nicht einfach Montenegro überlassen. Das Wenigste, was Bosnien-Herzegowina machen kann, ist ein völkerrechtliches Schiedsverfahren vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag einzuleiten“, so Kurtćehajić.

In Montenegro reagierte man auf diese Kampagne zuerst gelassen. In den Grenzfragen zwischen Bosnien-Herzegowina und Montenegro sei alles gelöst, ließ das offizielle Podgorica vermelden. Nach der letzten Entscheidung im bosnischen Parlament wurde der Ton zwischen zwei Ländern jedoch rauer. So hat der montenegrinische Außenminister Igor Lukšić die Ernennung des montenegrinischen Botschafters in Sarajevo vorerst auf Eis gelegt. Wie es momentan aussieht, wird die Frage von Sutorina beide Länder noch einige Zeit lang beschäftigen. Laut neuester Medienspekulationen will nun auch Bosnien-Herzegowina seinen Botschafter aus Podgorica zurückziehen.

KOSMO-Redaktion

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