BOSNISCHER FRÜHLING 26.02.2014

Bosnien zwischen Revolution und Stagnation

© Ljubiša Buzić / KOSMO
Bei einer Podiumsdiskussion, die der Studentenverein Collegium Bosniacum in Wien organisiert hatte, wurde über die aktuelle Lage in Bosnien-Herzegowina diskutiert.


"Während die aufgebrachte Menge das Regierungsgebäude in Sarajevo stürmte, saßen nur zweihundert Meter weiter Menschen im Kaffeehaus und beobachteten das Geschehen in aller Seelenruhe." Mit diesem Bild veranschaulicht Kemal Smajić (Gründer des Vereins Futurebag Eine Tasche für die Zukunft) die widersprüchliche Lage in Bosnien-Herzegowina.

Dass die Proteste in Bosnien-Herzegowina, die mit gewalttätigen Ausschreitungen vor drei Wochen die Öffentlichkeit wachrüttelten, bisher keine Massenproteste geworden sind war ein Thema, das sich durch die gestrige Diskussion im EGA-Frauenzentrum in Wien hindurch zog. In Sarajevo waren bei den stärksten Protesten nicht mehr als 2.000 Menschen auf der Straße gewesen.

Missglückte Transition als Ursache

Der Politikwissenschaftler Ahmed Husagić sieht die Ursachen für die aktuelle Situation im Systemwechsel nach dem Ende des Staatssozialismus. Es habe sich ein stark neoliberal geprägtes System etabliert, bei dem Eigennutz vor sozialer Verantwortung im Vordergrund stehe.

Eine der Folgen der nicht gelungenen Transition sei die Unselbstständigkeit der Bürger, so Kemal Smajić. Stattdessen habe sich nach dem Krieg ein gut funktionierendes System der Korruption mit einer großen Masse politisch weitgehen desinteressierter Bürger gebildet. Das Trauma des Kriegs habe ein Übriges zur politischen Lethargie der Menschen getan.

Fehlen einer kritischen Masse

Dass sich die Unzufriedenheit gerade in diesem Augenblick einen Weg gebahnt habe, erklärt Damir Saračević (Zentrum der zeitgemäßen Initiativen, ZZI) mit dem langsamen Rückgang der Geldflüsse aus der Diaspora in den vergangenen Jahren. „Bis dahin haben die Menschen jahrelang noch irgendwie über die Runden kommen können. Mit dem Zurückgehen von Kleininvestitionen, etwa im Hausbau der Diaspora-Bosnier ist es zu einer Stagnation gekommen, die die Situation verschärft hat“, so Saračević.

Die Rolle der Diaspora bei den aktuellen Protesten wird zwiespältig gesehen: Sie sei im Grunde nicht weniger lethargisch als die Bürger in Bosnien-Herzegowina, so Smajić. „Sie fahren dort in den Urlaub, geben Geld aus, hören sich Geschichten an und gehen wieder“. Ob die Diaspora in Zukunft eine stärkeren Einfluss auf die Entwicklung nehmen könnte muss sich noch zeigen.

Rolle der Medien

Auf die Rolle der Medien in der aktuellen Situation wurde KOSMO-Chefredakteur Nedad Memić angesprochen. „Die Rolle der Medien am Balkan war in den letzen 25 Jahren eine sehr negative“, so Memić. „Propaganda, Kriegstreiberei und ein sehr hoher Einfluss durch die Politik haben das Mediensystem geprägt. Bei den aktuellen Protesten haben eher die sozialen Netze die Situation auf den Straßen in einer unabhängigen Form wiedergegeben.“  Insgesamt sei der direkte Einfluss der Politik auf die Medien in Bosnien-Herzegowina wesentlich größer als in westlichen Ländern, so der Journalist.

Schwierige Prognosen


Der Politikwissenschaftler Husagić sieht in seiner Analyse drei Möglichkeiten für die weitere Entwicklung. Das schlimmste Szenario: Die Situation geht in chaotische Zustände über, Nationalismus, Armut und Unruhen nehmen zu. Die zweite Möglichkeit: Die Situation beruhigt sich wieder, die Proteste verebben, alles bleibt beim Alten. In der positivsten Variante gelingt es den jetzigen Bürgerplena, eine Form von direkter Demokratie zu etablieren und eine nachhaltige Bewusstseinsänderung zu erwirken.

 „Die Situation kann von verschiedenen Parteien und Kräften genutzt werden“, sagte Nedad Memić „Aber die Bürger haben jetzt auch die Chance, Formen der direkten Demokratie zu lernen. Der Großteil der Probleme der Menschen lässt sich auf lokaler Ebene lösen. Änderungen der Verfassung und der großen Strukturen können erst folgen, wenn sich eine entsprechende politische Kultur gebildet hat.“

Im Verlauf des offenen Gesprächs wurde aus dem Publikum zum Besuch einer größeren Demonstration vor der Botschaft Bosnien-Herzegowinas am 21. März, genau zu Frühlingsbeginn, aufgerufen.

Ljubiša Buzić / KOSMO


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