KOMMENTAR 20.11.2014

Bosnien: Bei Gewalt an Kindern wird oft weggesehen

© istockphoto.com
Von den eigenen Eltern gequält und getötet. Eine Reihe von Fällen von Kindesmissbrauch hat Bosnien-Herzegowina in diesem Jahr erschüttert. Ein Kommentar anlässlich des heutigen Internationalen Tags des Kindes.


Gewalt an Kindern ist ein Verbrechen, dass schockiert, wie kaum etwas anderes. Der Fall der zweijährigen Leonie, die von ihrem Vater zur Strafe unter die brennend heiße Dusche gestellt wurde und an den Verletzungen starb, erschütterte ganz Österreich. Doch auch in Bosnien-Herzegowina findet aktuell eine öffentliche Diskussion über Gewalt an Kindern statt.

Der Tod des dreieinhalb-jährigen Smajo Ć aus dem Ort Hadžići machte Anfang des Jahres ganz Bosnien-Herzegowina betroffen. Der kleine Junge wurde von seiner Mutter und seinem Stiefvater über einen längeren Zeitraum körperlich und psychisch misshandelt. Der einzige Grund: Das Kind sah seinem leiblichen Vater ähnlich. Seit Juli steht die ganze Familie inklusive der Großeltern vor Gericht. Auch der zweijährige Ajnur S. aus Kakanj musste sterben. Sein einziger Fehler war, dass er nicht aufhörte, zu weinen. Sein Stiefvater verlor die Geduld und warf den Jungen so brutal auf das Bett, dass er Anfang November an den Kopfverletzungen verstarb.


Fast 3.500 gemeldete Fälle

Laut Angaben des Ministeriums für Menschenrechte in Bosnien-Herzegowina wurden in den Jahren 2011 und 2012 alleine im Landesteil Föderation Bosnien-Herzegowina und Distrikt Brčko 2.844 Kinder zu Opfern von Gewalt. Zahlen für 2014 liegen noch nicht vor. Im Landesteil Republika Srpska wurden laut Angaben des dortigen Ministeriums für Familie, Jugend und Sport im vergangenen Jahr 650 Fälle von Kindesmissbrauch- bzw. Misshandlung registriert, davon waren 66 unter vier Jahre alt.

Ob die unterschiedlichen Zahlen in den beiden Staats-Entitäten (Föderation mit 2,3 Millionen Einwohnern und RS mit 1,3 Millionen Einwohnern) ein Spiegel der tatsächlichen Zustände ist, lässt sich schwer beurteilen. Es ist gut möglich, dass in beiden Landesteilen die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Fälle alarmierend höher sein könnte. Leider ist Gewalt an Kindern immer noch ein Thema, bei dem aus Scham und Angst oft weggesehen wird. In einer traumatisierten Nachkriegsgesellschaft wie Bosnien-Herzegowina geht Gewalt leider zu oft mit einer Kultur des Schweigens einher. Kindesmissbrauch ist dabei nur eines der schmerzlichen Themen, über die geschwiegen wird. Aber man sollte sich bewusst sein: Indem man solche Taten vertuscht, macht man sich zum Mittäter. Die demokratische Reife einer Gesellschaft zeigt sich auch in einem starken und offenen Umgang mit schwierigen Themen und in dem Mut, offen mit Tabus umzugehen.

Ljubiša Buzić / KOSMO

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