KOSMO-SERIE: 50 JAHRE GASTARBEITER 01.10.2014

Bittere Tränen im Alter

© KOSMO / Radule Božinović
KOSMO portraitiert Gastarbeiterschicksale über mehrere Generationen. In Teil 4 unserer Serie trafen wir Ljubina Stokić (88), die uns über ihr schweres Leben als Gastarbeiterin in Wien erzählte.


„Meinem Enkel habe ich den Führerschein bezahlt, vier Autos gekauft. Meiner Schwiegertochter war das alles nicht genug, darum hat sie mich aus dem Haus geworfen, das ich gebaut hatte“, erzählt die 88-jährige Ljubina Stokić, die auf einige Schicksalsschläge und Enttäuschungen in ihrem Leben zurückblickt.

Ljubina Stokić erinnert sich nicht, ob sie 1965 oder 1967 aus dem Dorf Šapine bei Požarevac nach Wien gekommen ist. Ihr Mann verließ sie, als ihre Tochter Radina zwei Jahre und der Sohn Radiša erst sieben Monate alt war, und so blieb sie mit ihnen in ihrem Elternhaus. „Ich habe die Kinder in Armut aufgezogen. Meine Tochter hat jung geheiratet, und als mein Sohn 17 wurde, sagte er mir, ich sollte ins Ausland gehen, damit wir besser leben könnten. Mit einer Frau aus dem Dorf habe ich mich mit dem Zug auf den Weg in die Fremde gemacht“, erinnert sich Ljubina Stokić an ihren Aufbruch nach Österreich.

40 glückliche Ehejahre

Es waren Jahre voller Arbeit, die sie in Österreich verbrachte. Einige Zeit arbeitete Ljubina gleichzeitig in 25 Haushalten. Sie kannte keine Wochenenden oder Feiertage, und da sie mehrmals pro Jahr für ein paar Tage nach Hause fuhr, hatte sie auch keinen Sommerurlaub.„Ich bin zur Slava, zu Ostern, zu Beerdigungen und anderen Festen heimgefahren. Die übrige Zeit habe ich von morgens bis abends gearbeitet. Ich habe zwei Häuser und eine Garage gebaut und einen Garten angelegt, habe Abschiedsfeiern vor der Armee, Hochzeiten und alles andere finanziert, was die Familie brauchte. Ich wollte, dass meine Kinder und Enkelkinder alles haben“, erzählt Oma Ljubina mit einem tiefen Seufzer.

Aber es gab auch glückliche Zeiten für Ljubisa, die ihren Lebensgefärten hier kennenlernte. „Er war ein guter Mann, aber ich wollte ihn nicht heiraten. Wir teilten die Kosten, jeder schickte seinen Kindern Geld. Niemand hat dem anderen etwas genommen. Wir sind 40 Jahre zusammen geblieben, aber vor vier Jahren ist er gestorben“, erzählt Ljubina und zeigt die Dukaten an ihrem Hals, die er ihr geschenkt hat.

Brutaler Betrug des Chefs

Sechs Jahre lang putzte Ljubina im bekannten Moulin Rouge in Wien. Als der alte Eigentümer starb, verkauften seine Söhne den Club, und der neue Chef war ein grober, starrsinniger Mann. Mit einer kurzen Klatsche schlug er die Kellner und Portiere und schrie nur herum, wie Ljubina berichtet. "Ich wollte einmal nach Hause fahren und bat darum um meinen Pass. Ein Jahr lang wollte er ihn mir nicht zurückgeben. Schließlich bekam ich ihn und er gab mir auch ein Kuvert mit Geld, denn er schuldete mir 6.000 Schilling. Zu Hause sagte ich meinem Mann, dass dieses Geld irgendwie anders war, größer. Als ich versuchte, das Geld in einer Bank in Serbien zu wechseln, wunderten sie sich, denn das waren Scheine aus der Zeit von Franz-Joseph“, erzählt Ljubina diese unwahrscheinliche Begebenheit und fügt hinzu, dass sie von der Firma später gültige Schilling bekommen hat.

Ljubina war in all den Jahrzehnten, die sie hier lebte, nur zweimal im Prater und einmal im Schlosspark Schönbrunn. Sie kannte nur die Busse und Straßenbahnen, mit denen sie zur Arbeit fuhr. Als ihr Vater starb, übertrug sie sein gesamtes Vermögen auf ihren Sohn. Und dann kam es zur Tragödie.

Vom Unglück heimgesucht

„Mein Sohn Radiša starb und hinterließ eine Frau und zwei Kinder. Ich arbeitete noch mehr, damit es ihnen an nichts fehlen sollte. Dem Enkel bezahlte ich die Führerscheinprüfung, kaufte ihm vier Autos, gab ihnen Geld für alles, was sie sich wünschten. Meiner Schweigertochter war das alles nicht genug und sie warf mich aus dem Haus, das ich gebaut hatte, hinaus. Ich wollte am liebsten sterben. Gott-sei-Dank nahm mich meine Tochter auf, die auch in Wien lebt“, erzählt die unglückliche Greisin unter Tränen und Seufzern.

Wenn sie von ihren 900 Euro Rente die Rechnungen gezahlt hat, sagt sie, bleibt ihr noch immer genug zum Leben. Sie hat vier Enkel und zwei Urenkel, aber um sie kümmern sich nur die Tochter und ein Enkelkind. Sie kaufen ihr Essen, besuchen sie und bringen sie zum Arzt. Heute will Ljubina nicht mehr nach Serbien zurückkehren, denn sie hat länger in Österreich gelebt als dort.

„Für meine Kinder war ich gleichzeitig Vater und Mutter. Es tut mir nicht leid, dass ich nur für die Familie gelebt habe, dass ich niemals Pause gemacht habe. Ich wollte, dass sie alles haben und dass sie sich nicht vor den Leuten schämen müssen. Schwer fällt mir heute nur diese Einsamkeit“, sagt uns Ljubina und zeigt uns Bilder von Menschen, die nicht mehr leben, und von Menschen, die sie vergessen haben.

Vera Marjanović / KOSMO

Lesen Sie auch Teil 1, Teil 2 und Teil 3 unserer Gastarbeiter-Serie.

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