GASTARBEITER-LIEBE 05.03.2015

Bis uns der Tod scheidet

© Radule Božinović
Nach Österreich kamen sie zur vorübergehenden Arbeit, aber die Ehe schloss die erste Gastarbeitergeneration vom Balkan für immer und ewig. Das zeigt auch das Beispiel des Ehepaares Praštalo aus Wien. Die erste Folge unserer zweiteiligen Serie über die Gastarbeiterliebe.


Getrennt von der Familie, einsam und oft in Angst vor allem Neuen im fremden Land, waren die ersten Migranten aus unserer Region offen für die Liebe, für die Gemeinschaft und für die Ehe. Sie waren sich bewusst, dass man die Schwierigkeiten gemeinsam besser erträgt, dass man leichter überlebt und dass man schneller an seine Ziele kommt. Angezogen wurden sie durch ihre gemeinsame Herkunft, Sprache und dieselbe Mühsal. Aber an erster Stelle stand die Liebe, von der sie heute, in ihren späten Jahren, mit Stolz erzählen.

Ana und Ranko Praštalo: „Wir waren nach drei Tagen verlobt“

Ana (68) und Ranko (71) Praštalo kamen aus Slavonska Požega (Kroatien) bzw. aus Bosanska Krupa (Bosnien-Herzegowina) nach Wien. Sie hatte einen Bruder in Australien und wollte ihm mit ihrer älteren Schwester Marica nachreisen. Wien war nur eine Zwischenstation. Ranko wollte ebenfalls aus Österreich weiterziehen in die weite Welt.

Ranko: „Ich kam am 11. März 1967 aus meiner Heimatstadt über Zagreb nach Wien. Ich hatte in Kroatien eine Freundin, die einzige Tochter von Eltern, die wollten, dass wir heiraten und dass ich ihren Familiennamen annehme. Sie war gut, ich habe sie geliebt, aber mir passte die Rolle nicht, die sie mir zugedacht hatten. Darum habe ich mich entschlossen, mit meinem Cousin Mićo Đekić in die Welt hinauszuziehen. Von Anfang an hatte ich zwei Jobs, einen bei Tag für 250 Schilling in der Woche, und in der Nacht habe ich 400 Schilling verdient.“

Ana: „Drei Jahre lang habe ich auf die Kinder meines Bruders aufgepasst, aber als meine ältere Schwester sich scheiden ließ, haben wir den Plan geschmiedet, über die Grenze zu gehen. In dieser Zeit wurden in Jugoslawien gerade die ersten Pässe ausgegeben und wir kamen am 28. März 1967 nach Wien. An Gepäck hatten wir die Kleider, die wir anhatten, und in der Tasche einen Schinken, den uns die Mama mitgegeben hatte, damit wir in den ersten Tagen nicht hungern mussten. Zum Glück fanden wir schnell Arbeit in einer Schneiderei und Unterkunft in einem Kämmerchen ohne Wasser, Strom und Gas, wo wir im selben Bett schliefen.“

Ranko: „Eines Tages, als ich von der Arbeit kam, lernte ich in der Straßenbahn am Schottentor Frau Jelena aus Osijek kennen. Ich erzählte ihr, dass ich nach Australien wollte, und sie sagte mir, dass sie zwei Mädchen kannte, die denselben Plan hatten. Es war am Mittwoch, den 22. Juni 1967, um 16 Uhr, als Ana und ich uns auf Empfehlung unserer Bekannten kennenlernten. Wir saßen nebeneinander in der Straßenbahn und sprachen über unsere Auswanderungspläne.“

Ana: „In dem Moment habe ich ihn gar nicht als Burschen wahrgenommen. Alle meine Gedanken waren auf die Arbeit und das Geldverdienen gerichtet. Im Dorf erzählten meine Schwester und ich nicht, dass wir ins Ausland gehen würden, damit sie uns nicht überreden würden, zurückzukehren. Ich wollte keine Liebe und keine Heirat. Aus der Straßenbahn ging meine Schwester in die Wohnung, und Ranko und ich machten einen Spaziergang auf einen Berg. Wir blieben bis 22 Uhr, und als ich zurückkam, war Marica böse. Eigentlich hatte sie Angst, dass Ranko mich ausnützen und sitzenlassen könnte.“

Ranko: „Ana gefiel mir. Sie war lieb, zart und klug. Sie hatte ein ähnliches Ziel vor Augen wie ich. An diesem ersten Tag sprachen wir nur über unsere Träume, die sich auf ein besseres Leben bezogen. Wir haben uns für den nächsten Tag um dieselbe Zeit verabredet. Auch diesen Donnerstagabend haben wir mit einem Spaziergang verbracht, aber ich habe angefangen zu flirten. Sie lachte bloß und behauptete, dass Burschen sie nicht interessierten. Sie wusste noch nicht, wie hartnäckig ich bin, wenn ich etwas will, und sie wollte ich wirklich für mein ganzes Leben.“

Ana: „Am Donnerstagabend überredete er mich, dass wir uns verlobten. Am Freitag nach der Arbeit suchten wir gemeinsam einen Goldring aus und am Samstag feierten wir in unserem Substandard-Zimmerchen Verlobung. Frau Jelena, die uns bekanntgemacht hatte, hatte Fleisch gebraten, denn meine Schwester und ich hatten nur einen Spirituskocher und einen Kochtopf. Mit Getränken und sehr lustig feierten wir unseren Anfang. In dieser Nacht schliefen Ranko und ich in unserem alten Bett und Marica auf der Erde. Unser Märchen begann mit Träumen, denn etwas anderes hatten wir nicht.“

"Wir wollten nur das Beste für unsere Kinder"

Ranko
: „Ein paar Tage später bot mir mein Chef eine kleine Hausbesorgerwohnung an. Darin gab es nur einen Ofen, sie war übersät mit Abfällen, aber für Ana und mich war sie ein Palast. Aus dem Keller holte ich ein zurückgelassenes Bett, auf dem Boden fand ich zwei Matratzen und am Mexikoplatz kaufte ich für 120 Schilling Bettwäsche, Bettdecke und Polster. Später habe ich Hausrat aus Wohnungen mitgenommen, in die ich Möbel lieferte. Mit meiner Ana habe ich aus unserer kleinen Wohnung ein Heim gemacht.“

Ana: „Inzwischen machte Ranko meine Schwester Marica mit seinem Kollegen bekannt, der eine kleine Wohnung mit einem Gasherd hatte, was sie begeisterte. Auch sie begannen ein gemeinsames Leben und sind bis zu ihrem Tod zusammengeblieben. Ich war stolz auf meinen schönen, großen, schwarzhaarigen Freund, und als ich bald darauf schwanger wurde, war ich überglücklich. Natürlich arbeiteten wir beide Tag und Nacht, denn wir hatten viele Pläne. Australien hatten wir noch nicht aufgegeben.“

Ranko: „Ich wollte nicht, dass unser Kind außerehelich geboren würde, darum besorgte ich alle Heiratspapiere für Ana und mich. Liebe und Treue schworen sie sich am 2. Dezember 1967 im Magistrat, und bei unserer bescheidenen Hochzeitsfeier in der Wohnung eines Freundes waren wir zu zwölft. Unser erster Sohn Robert kam am 21. April 1968 zur Welt und Norbert zwei Jahre später. Dann entschieden wir uns, in Wien zu bleiben, denn wir dachten, es sei besser, in der Nähe von Jugoslawien zu sein, wo unsere Familien lebten.“

Ana: „Mein Mann arbeitete viel und verdiente mehr als ich. Ich habe mich um die Kinder und den Haushalt gekümmert, aber in der frühen Kindheit vermissten die Söhne ihren Vater. Er ging morgens aus dem Haus, wenn die Kinder noch schliefen, und kam spät am Abend von der Arbeit, wenn sie schon im Bett waren. Das war ein Opfer für uns alle, aber es ging nicht anders. Wir wollten bessere Bedingungen für unser Leben und die Ausbildung der Kinder schaffen, und ohne Arbeit war das nicht möglich.“

Ranko: „Unsere erste Wohnung kauften wir 1973, und 1984 gründeten wir eine Firma. Es war ein Geschäft, in dem Ana arbeitete, aber sie hatte noch einen anderen Job. Ich habe 30 Jahre lang als selbständiger Finanzberater gearbeitet. In der Zwischenzeit haben wir ein großes Haus am See und eine Wohnung in bester Lage gekauft, haben gute Pensionen und sind gesund. Was könnten wir mehr vom Leben wollen?“

Ana: „Unsere Söhne sind gut und fleißig und im Beruf erfolgreich. Unsere große Freude ist unsere fünfjährige Enkelin Anne Marie. Wir haben heute Zeit für alles, was wir wollen. Wir gehen jeden Tag gemeinsam spazieren, reisen häufig durch die Welt und haben Orte besucht, von denen wir damals nur träumen konnten.“

Ranko: „Unsere Beziehung entwickelte sich durch alle Herausforderungen, die wir gemeinsam durchlebt haben, weiter und wurde stärker. Wir haben uns immer über alles geeinigt. Die Kriege auf dem Balkan haben uns nicht verunsichert. Viele Ehen sind damals auseinandergegangen, weil sie als gemischt erklärt wurden. Meine katholische Frau und mich als Orthodoxen hat dieser Irrsinn niemals berührt. Besonders schätze ich, dass ich mich immer auf sie verlassen konnte, dass sie fleißig und ehrlich war und geblieben ist. Meine Ana ist in unserer Familie der Fels in der Brandung.“

Ana: „Unsere Ehe dauert schon 48 Jahre. Es gab in der Zeit auch Probleme und Stürme, aber auch Kompromisse. Jahre vergingen mit schweren Kämpfen, denn wir waren in einer fremden Welt und nur aufeinander angewiesen. Ich wusste immer, dass ich mich auf meinen Mann verlassen kann, und dieses Vertrauen hat er sich mit seiner Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe verdient. Heute sind wir die besten Freunde und leben füreinander und für unsere Kinder.“

Vera Marjanović / KOSMO

Lesen Sie nächstes Mal Teil zwei unserer Serie: Nikola und Slavica Knežević im Porträt

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