REPORTAGE 11.09.2014

Bella Italia in Serbien

© Marija Raca, Fiat
KOSMO besuchte die ehemalige Zastava-Fabrik im serbischen Kragujevac, die heute das Produktionszentrum die italienische Automarke Fiat in Serbien ist. Eine Erfolgsgeschichte:


 „Mit Stolz in Serbien produziert“, liest man in den Schaufenstern der Autohäuser, in denen der Fiat 500L verkauft wird. Durch die Fiat-Fabrik in Kraguljevac eilen heute ca. 3.000 junge Leute in weiß-grauen Uniformen durch die glänzenden Hallen mit weißen Böden, in denen nur das leise Klappern der Roboter zu hören ist.

Vor sieben Jahren war die damalige Zastava-Fabrik, einer der ehemaligen Giganten des alten Jugoslawien, noch zum Untergang verurteilt und hätte fast die gesamte Stadt Kragujevac mit sich gezogen. Als der Niedergang der Fabrik seinen Höhepunkt erreicht hatte, wurden an einem einzigen Tag des Jahres 2001 15.000 Arbeiter entlassen.

Der Bürgermeister von Kragujevac, Veroljub Stevanović, der damals Direktor der „alten“ Zastava-Fabrik war, teilt die Zeit in Ära vor Fiat und die Ära nach Fiatein. „Ich würde mir wünschen, dass die Menschen in Erinnerung behielten, wie das Verschwinden der Automobilfabrik in Kragujevac ausgesehen hat. Sie ist untergangen, dann das Bombardement, und dann kam Fiat und hauchte ihr neues Leben ein“, erklärt Stevanović gegenüber KOSMO. Stevanović wird hier auch das „Fiat-Mannequin“ genannt. Er bekam im März vergangenen Jahres einen Fiat 500 L zur Benutzung und wurde so der erste und einzige serbische Werbeträger für dieses Fahrzeug. Er bekannte damals, dass er noch immer einen Yugo besaß, der von Zastava gefertigt worden war.

Eine Investition von 1,2 Milliarden Euro


Vor der Übernahme durch Fiat waren die Fabrikgebäude und ihre Umgebung ein schreckliches Mahnmal an die NATO-Bombardements von 1999. Arbeiter hatten hier die Modelle Jugo, Zastava 101 und Zastava 10 in unbeheizten Hallen an Maschinen gebaut, die älter waren als einige der Arbeiter selbst. Die Arbeiter hatten keinen Raum zum Essen und so saßen sie in den Hallen auf Holzblöcken und hielten ihre Essen auf den Knien.

Im Jahr 2008 wurde der Vertrag mit Fiat unterzeichnet. Das bedeutete für die Automarke Zastava das Ende. Seitdem heißt das Unternehmen FAS – Fiat Automobile Serbien. In die Kragujevacer Fabrik wurden bisher mehr als 1,2 Milliarden Euro investiert. Bei Fiat arbeiten heute zehnmal so viele „intelligente“ Maschinen wie in anderen Betrieben in Serbien zusammen. Die Roboter fügen 3.000 Teile fehlerfrei zu einem 500L zusammen. Jährlich können bis zu 300.000 Fahrzeuge produziert werden. Generaldirektorin Silvija Verneti, besteht auch auf die Ausbildung des Personals. „Die Idee dahinter ist es, nicht nur unsere Angestellten zu schulen, sondern auch die Zulieferer und die Mitarbeiter des Verkaufsnetzes“, betont Verneti.
   
Die Arbeitsbedingungen sind gut, aber die Löhne

Zoran Marković, der Gewerkschaftsvorsitzende bei der FAS, zeigte sich gegenüber KOSMO mit den Löhnen unzufrieden: „Die Löhne sind mit 40.000 bis 50.000 Dinar (350 – 400 Euro) zuzüglich der Sonderzahlungen im Landesschnitt, aber trotzdem zu niedrig. Der Warenkorb in Serbien kostet ca. 70.000 Dinar (650 Euro)“, erklärt Marković.

Auf der anderen Seite, betont er, sind die Arbeitsbedingungen bei der FAS sehr gut. Fiat hat etwa sieben Millionen Euro in die Kantine investiert. Damit ist nach zwei Jahrzehnten die Ära „halbes Brot, Salami und Joghurt im Plastiksackerl“ zu Ende gegangen. Ein Essen kostet die Arbeiter unwahrscheinliche 35 Dinar (0,25 Euro – 25 Cent).

„Im September des letzten Jahres wurde im Rahmen der Fabrik auch eine Ambulanz eröffnet, in deren Ausstattung Fiat eine halbe Million Euro investiert hat. Hier werden Angestellte im Falle von Verletzungen versorgt und hier werden auch regelmäßige Untersuchungen durchgeführt“, erinnert Marković.
             
Die FAS als Ursache eines Baby-Booms

Arbeiter der FAS werden immer häufiger Eltern. Mit der Ansiedlung von Fiat in Kragujevac kam es zu einer unerwarteten, aber logischen Veränderung. Seitdem der 500L auf dem Markt ist und die Angestellten sich ihrer Arbeitsplätze sicher fühlen, kommen jeden Monat zwischen 20 und 40 Babys auf die Welt. Das ist sehr viel für eine Stadt mit relativ wenigen Einwohnern.

Die FAS kümmert sich nicht nur um den Nachwuchs ihrer Arbeiter. Am Tag der Hochzeitsfeier stellt die Firma ihren Angestellten kostenlos ein Auto ihrer Wahl mit Fahrer zur Verfügung. Bei der FAS heißt es, dass die Aktion „Hochzeitsauto“ im Mai 2012 begonnen hat. Den Arbeitern stehen ein Alfa Romeo Giulietta, ein Lancia Delta und seit diesem Jahr auch ein Modell Fiat 500L zur Verfügung. Fiat hat in zwei Jahren fast 70 seiner Angestellten vor den Traualtar gefahren.

Absoluter Rekordhalter

In nur einem Jahr wurde der 500L zum größten Exportschlager Serbiens, und das Unternehmen FAS liegt unter den Exporteuren überzeugend auf dem ersten Platz und bildet ein Symbol für die Erholung der serbischen Autoindustrie. Über den Hafen Bar wurde im November des letzten Jahres das 100.0000. Auto des Kragujevacer Fiatwerks ausgeführt, und alleine im Jahr 2013 erreichte der Export einen Wert von 1,282 Milliarden Euro.

Die Serbischen Eisenbahnen erklärten am 30. Mai dieses Jahres, dass sie den 200. Autozug des Jahres zum Hafen Bar mit Automobilen des Kragujevacer Fiatwerks beladen hatten. Im selben Zeitraum verzeichnete Fiat auch einen Verkaufszuwachs in Nordamerika. All das ist Grund genug, Fiat als Marke auch durch den Slogan „Mit Stolz in Serbien produziert“ noch bekannter zu machen.

Zlatko Čonkaš / KOSMO

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