INTERVIEW 24.09.2014

Belgrad Pride: ,,Regierung lässt Gewalt an Homosexuellen zu“

© Adam Puškar
Die Pride Parade „Parada ponosa“ ist in Belgrad bereits viermal verboten worden. Bei der Parade 2010 kam es zu massiver Gewalt. Nach diesen Zwischenfällten wurde die NGO „Belgrade Pride“ (BP) gegründet, die derzeit die „Woche des Stolzes“ und die „Pride Parade“ organisiert. KOSMO sprach mit Boban Stojanović, Mitglied des Organisationskomitees der Belgrad Pride.


Die Belgrad Pride, die in diesem Jahr für den 28. September geplant ist, ist nach dem für den 26. September angekündigten Polizeistreik wieder in Frage gestellt. Ob die diesjährige Parade erfolgreich verlaufen wird und wie die Haltung Serbiens gegenüber der LGBT-Community (Lesbian, Gay, Bisexual und Trans, also Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans) ist, verrät uns Boban Stojanović, Mitglied des Organisationskomitees der Belgrad Pride.

KOSMO: Die Pride Parade in Belgrad ist in diesem Jahr für den 28. September angekündigt. Wie realistisch sind die Chancen, dass die Pride dieses Jahr wirklich stattfindet?

Eine Pride Parade als Straßenspaziergang ist immer vom Willen einiger weniger Leute an der Staatsspitze abhängig. Unsere Pflicht ist es, mit ihnen in dem Maße zu sprechen, in dem das möglich ist, um das Terrain für die Pride vorzubereiten, aber ein Verbot ist natürlich nicht unsere Entscheidung. Wenn ich die momentanen Trends im Staat beobachte, glaube ich, dass es gewisse Veränderungen gibt und dass die Parade in diesem Jahr möglich ist.

Glauben Sie, dass heuer die Sicherheitsvoraussetzungen erfüllt werden und dass die Parade erfolgreich stattfinden kann?

Von außen betrachtet, besteht immer ein Risiko. Zwischenfälle gibt es auch bei den großen Prides der Welt, das wäre bei der Pride in Belgrad keine Ausnahme. Aber es stellt sich die Frage, warum der Staat sich der angekündigten und organisierten Gewalt nicht in den Weg stellen will oder kann. Mit Mühe kann ich 2009 verstehen, dass die Polizei nicht vorbereitet war, aber wie konnte es dann bei der Pride 2010 zu einem solchen Gewaltausbruch kommen und was wollte uns der Staat, der ihn zugelassen hat, damit sagen?

Wie würden Sie die Haltung Serbiens gegenüber der LGBT-Bevölkerung beschreiben?

Die Haltung ist nicht allzu positiv, aber das ändert sich langsam. LGBT-Rechte sind eine neue Sache in Serbien. Seit den Versuchen der Pride 2001 wird darüber geredet, aber erst seit 2009 intensiviert sich die Debatte. Ich glaube, dass wir viel unternommen haben, aber jetzt geht es um die Hauptsache: die Bildung einer LGBT-Gemeinschaft, die ihre Interessen erkennt. Es muss mehr geoutete LBGT-Menschen geben und es müssten sich einige bekannte Persönlichkeiten outen.

Wer ist Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich, dass die Situation so schwierig ist?


Jeder ein bisschen. Die Demokratie wurde in Serbien bei ihrer Einführung nicht auf stabile Füße gestellt. Ich glaube, dass wir untereinander als Menschen nicht genügend Solidarität haben. Die politische Elite ist in Fragen der Menschenrechte analphabetisch, und wir sind für sie nur ein Punkt, der der Europäischen Union zuliebe abgehakt werden muss. Die LGBT-Organisationen arbeiten, so hart sie können. Aber mir scheint, dass sie gegenüber den Behörden, die so wenig für uns tun, nicht kritisch genug eingestellt sind. Die Pride ist nicht die einzige Organisation, es gibt auch andere, die das ganze Jahr hindurch arbeiten, aber Sie sehen, irgendwie geht nichts weiter.

Welche Länder würden Sie als Beispiel für Freiheit und Menschenrechte nennen?

Ich glaube, dass die Menschenrechte als Ganzes nirgendwo genügend geachtet werden. Aber wenn wir uns die Weltkarte anschauen, bieten die westlichen Länder LGBT-Personen sicher mehr Sicherheit und die die im Osten weniger. Es gibt noch überall homophobe Gewalt, aber wie gut die LGBT-Gemeinschaft akzeptiert wird, hängt stark davon ab, wer in der Regierung sitz. Wir sind eine gesellschaftliche Gruppe, die leicht für Manipulationen missbraucht werden kann.

Sind Sie persönlich aufgrund Ihrer sexuellen Orientierung mit Diskriminierungen konfrontiert?

Als Aktivist bin ich ständig damit konfrontiert. Es kommt vor, dass mich Leute auf der Straße anpöbeln, anrempeln, bespucken. Die beiden schlimmsten Dinge, die ich erlebt habe, waren ein Angriff auf dem Trg Republike und ein Angriff auf meine Wohnung im letzten Jahr, als eine Gruppe, die sich „Kampf 18“ nannte, ein großes Hakenkreuz malte und einen Molotowcocktail mit ins Fenster unseres Schlafzimmers warf, mit einer Botschaft, auf der stand: „Wir wissen, wo ihr wohnt, wir wissen, wann ihr schlaft“. Das war nicht einfach. Mein Freund und ich haben uns entschieden, aus der Wohnung auszuziehen, obwohl sie uns gehört. Jetzt müssen wir noch nebenbei arbeiten, um die Wohnung, die wir jetzt mieten, zu bezahlen, und von der Polizei sind wir niemals benachrichtigt worden, ob die Täter gefasst wurden. Meine Wahl ist es, meinen Wunsch nach einem besseren Leben nicht zu verstecken und zu verschleiern. Ich bin da, ich lebe als schwuler Mann und ich will frei leben. Für manche ist das zu viel, für mich nicht. Einige Aktivisten fürchten sich davor – ich nicht. Dafür lebe ich, so wie auch jeder andere, und darum ist auch das schon Aktivismus – man selbst zu sein und frei zu sein.

Interview: Sandra Radovanović / KOSMO

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