INTERVIEW 27.11.2013

„Zweisprachige Kinder haben tolle Kompetenzen“

© Igor Ripak / KOSMO
KOSMO-Chefredakteur Nedad Memić sprach mit Barbara Schwarz (ÖVP), Landesrätin für Bildung in Niederösterreich, über die Zustände an Österreichs Schulen, eine Reform der Bildung und die Kompetenz zweisprachiger Kinder.


KOSMO: Die Verhandlungen um das neue Lehrerdienstrecht sind geplatzt. Wer trägt eine Verantwortung dafür?

Barbara Schwarz: Man hätte sich zuerst um eine Strukturreform in der Bildung kümmern müssen, bevor man über ein Dienstrecht diskutiert. Das hat die Bildungsministerin versäumt. Dieses neue Recht hat aber auch Vorteile, z.B. mehr Stunden für die Kinder oder die attraktiveren Einstiegsbedingungen für neue LehrerInnen. Ich hoffe jedoch, dass es nicht zu großen Streiks kommt.

Was verstehen Sie unter einer Strukturreform?

Es gibt eine breite Diskussion darüber, was Schule leisten soll. Ich finde es gut, dass wir eine Vielfalt an Schulformen haben. Schüler brauchen auch unterschiedliche Bildungswege, denn jeder Beruf ist für eine Gesellschaft gleich wichtig. Darum brauchen Schulen auch hinkünftig mehr Entscheidungsfreiheit. Sie müssen einen Mix an Unterrichtsformen schaffen, der sich an einzelne Kinder orientiert. So müssen wir uns etwa überlegen, ob 50-Minuten-Unterrichtseinheiten überall  notwendig sind oder welche Formen der Nachmittagsbetreuung es geben soll. Dazu muss man auch die bisherigen Leistungen der Mittelschule evaluieren.

Sie plädieren über eine Wahlfreiheit. Wie ist diese Wahlfreiheit mit den jetzigen Ressourcen zu vereinbaren? Viele Lehrer haben sogar keinen eigenen Platz in der Schule.

Die Gemeinden in Niederösterreich investieren gut in die Pflichtschulen, auch was die Nachmittagsbetreuung betrifft.  Ich habe einige Schulen nach dem Umbau eröffnet, dort haben Lehrer mittlerweile gut ausgestattete Konferenzzimmer.

Eine Lehrerin aus Niederösterreich berichtete mir kürzlich, dass sie ihre Arbeiten am Gang korrigieren muss...

Das müssen wir noch mehr nachrücken, aber das kann nur Schritt für Schritt passieren. Da kommen auch die Gemeinden vermehrt unter Druck, insbesondere engagierte Eltern fordern von den Gemeinden eine bessere Ausstattung der Schulen ein.

Niederösterreich hat sein eigenes Mittelschulprojekt ins Leben gerufen. Was ist Ihre Erfahrung draus?


Wir haben ein Projekt auf zwei Jahre ausgerufen und darüber hinaus auch zusätzliche Stunden finanziert. Die Erfahrung zeigt: Je mehr Stunden zur Verfügung stehen, desto mehr  Vorteile bringt es für die Schüler. Unsere Studien zeigen auch, dass vor allem gute Lehrer am meisten die Schüler motivieren können. Und an gut motivierten Lehrern mangelt es uns hier nicht. Ich möchte aber dazu sagen, dass wir in Zukunft mehr Unterstützungspersonal brauchen werden: Sozialarbeiter, Pädagogen usw. Wir haben einen guten Start gemacht: In Niederösterreich gibt es in fast allen Kindergärten in Ballungszentren interkulturelle Mitarbeiter. Für uns ist wichtig, dass insbesondere Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache beide Sprachen gut erlernen. Zweisprachige Kinder haben einfach eine tolle Kompetenz.

Die Arbeiterkammer Niederösterreich beklagt, dass sogar 90.000 Niederösterreicher nicht sinnerfassend lesen können. Investieren Sie zu wenig in Grundkompetenzen?

Das ist zweifelsohne ein Problem. Wir müssen uns bemühen, dass alle Kinder bereits in der Volksschule Grund- und Sozialkompetenzen erwerben. Nicht alle Kinder habe das gleiche Lerntempo, da müssen wir ganz individuell vorgehen. Es ist mir sehr wichtig, dass wir die Stärke jedes Kindes entdecken.

Interview: Nedad Memić / KOSMO

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