INTERVIEW: VEDRAN DZIHIC 23.10.2014

„Balkan-Konflikte werden in Wien fortgesetzt“

© zVg.
Nach den Zwischenfällen beim Fußballspiel Serbien-Albanien in Belgrad und den Ausschreitungen zwischen serbischen und albanischen Fans in Wien sprachen wir mit dem Politikwissenschaftler Vedran Džihić über die politischen Hintergründe dieses tief verwurzelten Konflikts.


KOSMO: Herr Džihić, welche Bedeutung hat die großalbanische Fahne für Serben? Manche vergleichen das ja mit Hakenkreuz…


Vergleiche mit Hakenkreuz sind in diesem Fall fehl am Platz. Hier geht es um etwas anderes: Auf beiden Seiten gibt es Großstaatskonzepte, die sich stets durch die Aggressivität gegenüber dem anderen auszeichnen. Schließlich überlappen sich in diesen Großstaatskonzepten die Siedlungsgebiete der einen Bevölkerungsgruppe mit jener der anderen. In einem Umfeld, in dem bewaffnete Konflikte zwischen Serben und Albanern zur Geschichte der letzten beiden Jahrzehnte gehören, werden diese Fahnen auf beiden Seiten als große Provokation gesehen.
 
Warum ist der Hass auf beiden Seiten nach so vielen Jahren noch so explosiv?

Die Gründe liegen in der sehr starken nationalistischen Grundhaltung in den Gesellschaften und einem weiterhin emotionalen Umgang mit der konflikthaften Vergangenheit. Der Nationalismus der einen ist der Futtertrog für den Nationalismus der anderen. Auf beiden Seiten ist das irrational, heute gefährden sich die beiden Nationen in keinster Weise in ihrer Existenz. Der Nationalismus wird durchaus gerne von politischen Eliten benutzt. Er ist für sie ein willkommenes Werkzeug, um an der Macht zu bleiben und von realen Problemen abzulenken. Ich wehre mich gegen die These vom ewigen Hass am Balkan, von Völkern, die nicht miteinander auskommen. Wenn aber keine Bereitschaft da ist, miteinander normal umzugehen, und dies noch von Machtspielen der Eliten ergänzt wird, dann kann auch ein offener und unverblümter Hass weiterhin blühen und da und dort sich explosionsartig entladen.

Wieso eskaliert etwas, das bei einem Fußballspiel in Belgrad beginnt, so schnell mitten in Wien?

Wien ist mit etwa 200.000 Menschen ex-jugoslawischer Herkunft die größte ex-jugoslawischen Staat außerhalb der Region. So wie es hier in Wien wunderbare Beispiele des Zusammenlebens aller Bevölkerungsgruppen aus Ex-Jugoslawien gibt, gibt es auch eine Fortsetzung der Konflikte aus der Heimat auf einem fremden Boden. Manchmal ist der Patriotismus der Migranten sogar größer als bei jenen, die in der Heimat geblieben sind. Und es gibt auch durchaus Gruppen von jüngeren und in der Regel männlichen Migranten, die diesen Patriotismus zwar besonders plump aber auch aggressiv ausleben. Oft genügt hier dann ein Funke aus der Heimat, damit sich zumindest kurzfristig auch in Wien die negativen Energien entladen. Zum Glück passiert das nicht sehr oft und beruhigt sich schnell wieder.

Ist das ein Zeichen schlechter Integration, wenn junge Albaner und Serben auf einander losgehen?

Ja und nein. Einige von jenen, die auf der Straße waren, sind durchaus gut integriert, andere wiederum nicht. Natürlich verstärkt eine schlechtere Integration und ein Gefühl des Ausgeschlossenseins in der Gesellschaft die Zuwendung zur Heimat. Die schlechte soziale Position mancher Migranten trägt auch dazu bei, dass man aggressiver auftritt und sich hinter einem einfach gestrickten männlichen Machismus und Nationalismus versteckt. Trotzdem sollte man nicht zu einfache Schlüsse ziehen und die These von schlecht integrierten männlichen Migranten und Gewaltbereitschaft zu sehr strapazieren. Die Zusammenhänge sind viel komplexer.
 
Wie ernst muss man solche Zwischenfälle nehmen, wenn es um die politische Stabilität in der Region geht? In Serbien wurden mittlerweile gemeldet, dass albanische Bäckereien angegriffen wurden...

Solche Zwischenfälle sind durchaus ernst zu nehmen. Sie zeigen noch einmal deutlich, wie brüchig die Stabilität der Gesellschaften ist und wie stark die Kriege und Konflikte der Vergangenheit weiterhin präsent sind. Solche Situationen sind durchaus Prüfsteine für die demokratische Reife der Gesellschaften: Wenn es hier gelingt, Zwischenfälle in der Zukunft zu vermeiden und entschieden mit einer Politik der Annäherung und des Auseinanderzugehes dem Nationalismus Kraft zu nehmen, wäre das ein großer Schritt. Die Zwischenfälle sind auch ein Beweis dafür, wie dringend die Region Reformen und auch den Weg Richtung EU braucht.

Serbiens EU-Beitritt ist eng an die Kosovo-Frage gebunden. Wie sind die Aussichten für eine Lösung des Problems?

 
Im Mai 2013 haben Serben und Kosovo-Albaner das Abkommen unterzeichnet, mit dem eine ganze Reihe von Schritten und Maßnahmen vorgesehen wurde, um den Konflikt endlich und nachhaltig zu lösen. Auf dem Papier gab es einen Kompromiss, in der Realität ist nur wenig von den vereinbarten Punkten umgesetzt wurden. Zuerst waren es Wahlen und die Regierungsumbildung in Belgrad, die es verzögert hatten, seit einigen Monaten schon ist es das Unvermögen der Kosovo-Albaner, die Regierung in Priština zu bilden. Und weiterhin hat man das Gefühl, dass es beide Seiten nicht wirklich auf freien Stücken umsetzen wollen. Es ist aber beiden Seiten klar, dass es einen EU-Beitritt nicht geben wird, solange es nicht einen finalen  Kompromiss und eine Lösung in der Kosovo-Frage gibt. Bis dorthin ist aber noch ein weiter Weg, auf dem schmerzhafte Kompromisse notwendig sein werden. Leicht wird es nicht werden, es ist aber möglich.

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