REISE 29.07.2013

Bahnhöfe der Zukunft: von Reisen bis zum Einkaufszentrum und Büro

© istockphoto.com
Die Zeiten, als Verkehrsknotenpunkte auf Schienen nur ein Gebäudekomplex waren, in dem sich Ankommende und Abreisende begegneten, sind schon lange vorbei. Inzwischen fungieren Bahnhöfe als Willkommensgruß einer Stadt und architektonische Inspiration.

Bereits vor drei Jahren forschten Studierende der FH Oberösterreich in Steyr nach dem Bahnhof der Zukunft. Das Projekt nannte sich Log-store&go und prophezeite, dass Bahnhöfe der neuen Generation immer mehr zu multifunktionalen Wirtschaftszentren werden, die nicht nur dem Reisen, sondern auch der Nahversorgung, der Geschäftskommunikation und dem Einkaufen dienen. Die Vision des Store&Go Systems bestand darin, dass Reisende und Passanten in der Nähe von hochfrequenten Stellen des Bahnhofs wie beim Haupteingang oder bei den Ausgängen von U-Bahnstationen ihr Reisegepäck rasch und einfach in automatisierte Depots aufgeben können. Auf diese Weise bleibt Zeit und Lust die Angebote des Wirtschaftszentrums Bahnhof mit seinen Geschäften, Reisebüros oder gastronomischen Betrieben zu nutzen.

Schönster Bahnhof Österreichs

Sieht man sich die neuen Bahnhöfe Wiens an, ist genau das in die Tat umgesetzt worden. Gutes Beispiel: die BahnhofCity Wien West. Wenn Österreichs Bahnfahrer den neuen Wiener Westbahnhof beim diesjährigen Bahntest des Verkehrsclubs Österreich (VCÖ) zum schönsten Bahnhof Österreichs gewählt haben, hat das wohl mehrere Gründe. Einerseits sprechen die gute Erreichbarkeit sowie die zentrale Lage für das neue Gebäude. Andererseits ist eine „bahnfremde“ Infrastruktur entstanden. Links und rechts der unter Denkmalschutz stehenden historischen Bahnhofshalle wurden achtgeschossige Bauten an den Ecken zur äußeren Mariahilfer Straße und zur Felberstraße errichtet, in denen Büros, Dienstleistungsbetriebe sowie ein preisgünstiges Zwei-Sterne-Kettenhotel untergebracht sind.

„Die Wiener BahnhofCity wird den Anforderungen des Immobilienmarkts in Österreich und Europa gerecht. Vor allem das enorme Angebot an Büroflächen, nämlich ca. 13.000 Quadratmeter, ist bedeutsam und entspricht der zur Zeit herrschenden Nachfrage. Zahlreiche Unternehmen sind gerade auf der Suche nach neuen Büros für ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die zum Einen öffentlich gut angebunden sind und zum Anderen eine komplexe Infrastruktur bieten. Hierbei sind Offices an einem Hauptverkehrsknoten mit vielen Geschäften und Gastronomiebetrieben, sowie Kinderbetreuungsmöglichkeiten in der nächsten Umgebung natürlich sehr gefragt“, schildert die Expertin von BAR Büros Wien, Frau Claudia Pichler.

Zusätzlich wurde in der BahnhofCity auf drei Ebenen unter die Bahnhofshalle ein Einkaufszentrum mit 90 Geschäften auf 17.000 Quadratmeter implementiert. Auch die Architektur mit der markanten Wolkenspange und den beiden, mit Wellblech verkleideten Neubauten, die unmittelbar mit der alten restaurierten Halle verbunden wurden, wirkt sehr ansprechend.

Bahnhof plus Stadtviertel

Der künftige Wiener Hauptbahnhof muss das erst noch leisten. Das Gesamtprojekt am Südtiroler Platz ist mit einer Größe von 109 Hektar die für Wien derzeit bedeutendste Infrastrukturmaßnahme. Denn rund um die Station entsteht ein ganzes Stadtviertel. Der Bahnhof, der in anderthalb Jahren eröffnet werden soll, macht Wien zum Knotenpunkt für den nationalen und internationalen Bahnverkehr, sowohl auf der Nord-Süd- als auch Ost-West-Achse. In der Umgebung entstehen mehr als eine halbe Million Quadratmeter Büroflächen, 5.500 neue Wohnungen für 13.000 Menschen sowie ein Park, Schulen und Kindergärten. Dass das neue Quartier bestens an das öffentliche Verkehrsnetz sowie an Radwege angeschlossen sein wird, versteht sich von selbst. Zusätzlich wird der Wiener Hauptbahnhof zu einem Ort der Begegnung, weil hier Reisen, Entertainment, Wohnen, Bildung, Gastronomie und Arbeit an einer zentralen Stelle der Stadt vereint wird. Der Teilbetrieb am Bahnhof wurde bereits im Dezember 2012 aufgenommen, die Verkehrsstation Wien Hauptbahnhof wird im Herbst 2014 eröffnen. Ende 2015 wird die gesamte Infrastruktur als internationale Verkehrsdrehscheibe voll funktionstüchtig sein.

Federführend für die Realisierung des neuen Hauptbahnhofs Wien ist die ARGE "Wiener Team" (Werner Consult - ISP - STOIK - TECTON - PISTECKY) mit dem Architektenteam Hotz/Hoffmann - Wimmer, die den eigentlichen Bahnhof planen und umsetzen. Als Inspiration fanden sie rund um den Globus moderne Bahnhöfe, die neue Architekturmaßstäbe setzten und deshalb schon lange mehr als nur das Tor zu einer Stadt öffnen.

Lüttich direkt

Modern und sehr gelungen ist der Bahnhof Liège-Guillemins im belgischen Lüttich. Er wurde nach Entwürfen des berühmten Architekten Santiago Calatrava erbaut und 2009 eingeweiht. Besonders markant ist der an eine Schanze erinnernde Bogen des Daches. Funktional hingegen sind die großen Freitreppen, sie führen vom ersten Gleis direkt in die Innenstadt, die Verkaufspassage im Erdgeschoss wird vom Tageslicht der Bahnsteige erhellt.

Viel Glas

2007 wurde nach den Entwürfen von Kobori Tameo der neue Bahnhof von Kanazawa errichtet. Das Besondere: Ein riesiges Holztor erinnert an die traditionelle Bauweise, während die Bahnhofshalle mit einer hochmodernen Glaskonstruktion überdacht ist. Die Kombination ist atemberaubend. Ein Jahr früher bekam Berlin einen neuen Hauptbahnhof. Der moderne Bau wurde von Stararchitekt Meinhard von Gerkan entworfen und verfügt über fünf Ebenen – auf zweien davon fahren Züge in Kreuzform aus und ein. Der Rest bietet Platz für rund 80 Geschäfte. Große Öffnungen in den Decken aller Ebenen lassen Tageslicht bis zu den Gleisen auf der untersten Ebene gelangen. Durch den optischen Trick des gewölbten Mitteldachs erscheint den Bahnhof fast noch großzügiger, als er ohnehin schon ist.

Alt trifft Neu

Ein wahres Wunderwerk und seit Ende des 19. Jahrhunderts ein Anziehungspunkt von Reisenden aus aller Welt beweist, dass auch die Kombination aus Alt und Neu begeistern kann. Der Londoner Kopfbahnhof King’s Cross wurde 1852 von Lewis Cubitt im viktorianischen Stil erbaut und anlässlich der Olympischen Spiele 2012 modernisiert. Der neue Western Concourse beeindruckt durch sein skulpturales weißes Tragwerk. In einem eingeschobenen Baukörper haben sich Geschäfte und Restaurants eingemietet, im gegenüber liegenden historischen Western Range Building sind die Ticketschalter untergebracht. Hier wurde der denkmalgeschützte Bau behutsam in seine ursprüngliche Gestalt zurückgeführt. Vor seiner Ziegelfassade scheint nun ein weißes Stahlstützen-Geflecht aus dem Boden zu wachsen, das sich nach oben verzweigt und zu einem geschwungenen Dach weitet.

KOSMO-Redaktion

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