REPORTAGE 03.11.2014

Baby Boom in Österreich

© KOSMO / Radule Božinović
In Österreich steigt die Geburtenrate. Doch wie geht es den Jungeltern? KOSMO hat einige junge Familien aus unserer Community besucht und über ihre Alltagsprobleme und Herausforderungen gesprochen.


Die Entscheidung für die Mutterschaft fällt jungen Frauen heute immer schwerer. Längere Ausbildungen, Karrierepläne, losere Beziehungen und auch der Anstieg der Arbeitslosigkeit sorgen dafür, dass Frauen immer später Mütter werden. Trotzdem gab es im ersten Quartal dieses Jahres in Österreich einen kleinen Baby Boom. Das Licht der Welt erblickten 17.992 Neugeborene, das sind um 3,1 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. In Wien wurden sogar um 4,1 Prozent mehr Babys geboren. Wie unterschiedlich junge Familien mit den Herausforderungen umgehen, haben wir uns angesehen.

Alles dreht sich um Arien

In der Familie Bernatović dreht sich nach Aussage der Mama Emilija (33), von Beruf Lehrerin, und des Vaters Kristijan (27), eines Feuerwehrmanns, alles um den vier Monate alten Arien. Er kam als Wunschkind zur Welt, das seine Eltern mit Vorfreude erwarteten. Beide jungen Eltern sind in Österreich geboren und vertreten moderne Ansichten. Darum war es auch selbstverständlich, dass der Vater bei der Geburt im Kreißsaal anwesend war.

„In mir gibt es natürlich auch Reste traditioneller Auffassungen und ich dachte, dass die Geburt für die Frau ein intimer Akt sei. Aber die Unterstützung meines Mannes haben mir viel gegeben“, betont die junge Mama, deren eigener Vater noch telefonisch von ihrer Geburt informiert wurde, wie sie hinzufügt.

Kristijan findet, dass die Geburt eines Kindes eine gemeinsame Erfahrung ist, die auch der Mann keinesfalls versäumen darf. „Seit dem Beginn der Schwangerschaft habe ich an allem, was passiert ist, aktiv teilgenommen. Aber der Moment, als wir unseren Sohn gesehen haben, lässt sich mit nichts vergleichen“, erzählt der bewegte Vater.

Für das Ehepaar Bernatović kam eine Zeit der Gewöhnung an einen neuen Lebensrhythmus, in dem sich alles dem Baby unterordnen muss. Die Mama ist immer bei Arien und der Vater nutzt jeden freien Moment, um ihr zu helfen. Allerdings hat er nie darüber nachgedacht, selber in Karenz zu gehen. „Wenn meine Frau mehr verdienen würde als ich, würde ich vielleicht zu Hause bleiben. Aber so wie es ist, ist diese Option sehr unattraktiv“, sagt Kristijan, der nachts klaglos aufsteht, um das Fläschchen zu machen und Windeln zu wechseln.

Ein Vater in Familienkarenz

In Österreich waren 2012 insgesamt 71.932 Mütter und 14.441 Väter in Familienkarenz - das ist ein Verhältnis von 83,3 Prozent gegenüber 16,7 Prozent zugunsten der Frauen. Die Zahl der Männer, die bei den Babys zu Hause bleiben, steigt von Jahr zu Jahr, aber als wir nach einem solchen Vater aus unserer Community suchten, erhielten wir immer nur eine Antwort: „Bei unseren Landsleuten gibt es das nicht.“ Aber schließlich wurden wir doch fündig: beim 41-jährigen Srđan Kocić, Inhaber einer Transportfirma und Vater zweier Kinder, Sergej (10) und Jefimija (4).

„Als meine Tocher Jefimija gerade ein Jahr alt war, erhielt meine Frau ein geschäftliches Angebot, das sie nicht ausschlagen konnte“, erzählt Srđan, der zehn Monate bei dem Töchter daheim blieb.

Srđan, der eine eigene Firma hat, stellte einen weiteren Mitarbeiter ein, der den größten Teil seiner Aufgaben übernahm. Er selbst behielt nur die administrativen und technischen Aufgaben, die er von zuhause aus erledigen konnte. „Wenn meine Frau in die Arbeit ging, musste ich unseren älteren Sohn Sergej in den Kindergarten und später in die Schule bringen. Das Baby habe ich angezogen und gefüttert, bin mit ihm spazieren gegangen und habe überhaupt alles gemacht, was nötig war. In dieser Zeit machte sie ihre ersten Schritte und ich musste die ganze Zeit hinter ihr herrennen. Sie lernte auch, die ersten Wörter zu sprechen und sagte den ganzen Tag lang nur ‚Papa‘. Das Wort ‚Mama‘ kam nur abends in ihrem Wortschatz vor“, erinnert sich der stolze Vater.

„Ich kann nicht gut waschen und bügeln und zum Putzen hatte ich keine Zeit. Das Baby beanspruchte meine ganze Aufmerksamkeit, die anderen Sachen machte Sunčica, wenn sie von der Arbeit heimkam. Damals begriff ich, wie anstrengt es sein muss, Mutter zu sein und gleichzeitig zu arbeiten, besonders, wenn man keine Unterstützung vom Ehemann hat“, bekennt Srđan Kocić.

Ungeplantes Glück

Die Statistik zeigt, dass nur 12,9 % der österreichischen Familien mit Nachwuchs drei oder mehr Kinder haben. Das Ehepaar Erak, Larisa (40) und Sekula (56), gehört zu dieser kleinen Gruppe. Ihr Familienglück beruht auf Natalija (13), David (6) und Dario, der, als wir sie besuchten, gerade drei Wochen alt war.

„Unser Dario war nicht geplant. Aber wir haben Darios Geburt nie in Frage gestellt. Unsere Wohnung ist zu klein für so eine große Familie und wir haben auch kein großes Einkommen, aber wir sind trotzdem überglücklich, dass wir ihn bekommen haben“, antwortet Larisa auf die Frage, wie sie die drei Kinder finanziell unterhalten wird. Sekula sagt, dass die Wirtschaftskrise alle Familien mit niedrigen Einkommen getroffen hat, aber wo es Brot gibt für zwei, wird auch das dritte Kind satt werden.

„Ich plane, einen Tag in der Woche zu arbeiten, wenn Dario ein Jahr alt ist. Auf ihn passt in dieser Zeit meine Mutter auf. Nein, ich habe keine Angst vor der Zukunft, wichtig ist nur, dass die Kinder gesund sind“, ist Larisa optimistisch.

Vera Marjanović / KOSMO

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