INTERVIEW 30.03.2015

„BKS ist ein hässlicher Kompromiss“

© KOSMO
Srđan Mijalković ist Präsident des serbischen Kulturvereins Prosvjeta in Österreich. Wir sprachen mit ihm über serbische Identität und Kultur und die in Österreich gebräuchliche Bezeichnung BKS für Bosnisch, Kroatisch, Serbisch.


KOSMO: Wie kam es zur Gründung des Vereins Prosvjeta in Österreich?


Srđan Mijalković:
Prosvjeta wurde ursprünglich 1902 in Sarajevo gegründet, um die serbische Kultur zu fördern und die Interaktion mit anderen Kulturen zu stärken. Der Verein versammelte die führenden serbischen Intellektuellen. Mittlerweile hat Prosvjeta ein Netz mit über 50 Niederlassungen in der ganzen Welt. Das macht uns auf gewisse Weise zu einem Netzwerk von Weltbürgern.

Warum kam es erst 2011 zur Gründung in Wien?

Wer unsere Entwicklung beobachtet, wird sehen, dass es viele Brüche gab. Unser Verein war von totalitären Systemen verboten und wurde im Wesentlichen von freiheitsliebenden Menschen getragen, denen die Kultur am Herzen lag. Erst 1990 wurde Prosvjeta erneuert. Und ab den 2000ern breitete sich der Verein auch außerhalb des Balkans aus. Es war nur logisch, uns auch in Wien anzusiedeln, wo so viele von unseren Landsleuten leben. 2011 wurde Prosvjeta Österreich schließlich im Festsaal der Universität Wien gegründet.

Was sind die Ziele des Vereins?

Wir wollen eine Brücke der Kulturen sein und die größten Werte und Errungenschaften der serbischen Kultur zeigen. Wir bieten eigenen Sprachunterricht an. Unsere Projekte richten sich an junge und ältere Menschen. Wir bringen jedes Jahr fünf, sechs führende Literaten nach Wien, organisieren Ausstellungen und haben auch viele zweisprachige Projekte, wie unsere Tribüne zum Ersten Weltkrieg mit deutschsprachigen und serbischen Experten. Wir haben auch einen eigenen kleinen Kinderchor und ein reiches kulturelles Programme. Das serbische Neujahrskonzert in Wien, ist mittlerweile schon eine Tradition geworden.

Wodurch definiert sich die serbische Identität?

Wie bei jedem anderen Volk, zuerst einmal indem man sich zu seinem Volk zugehörig fühlt. Die Frage der Kultur und Identität ist für alle Menschen, aber besonders für Migranten, eine Schlüsselfrage. Die Migration der Serben dauert in Österreich schon zwei-, dreihundert Jahre. Eigentlich sollten Serben gleichberechtigte Bürger dieses Landes sein. Es gibt hier noch einigen Nachholbedarf. Identität ist sehr stark an die Sprache gebunden. Und wir wissen, dass Serbisch in Österreich nicht als offizielle Sprache anerkannt ist. Hier wird das politische Konstrukt BKS benutzt, womit viele unserer Mitglieder und Mitbürger nicht zufrieden sind.

Warum sind sie mit BKS unzufrieden?

Das ist eben eine Frage der Identität. Für Serben ist die Muttersprache Serbisch. Wie würde es aussehen, wenn man statt Deutsch D/Ö/SCH sagen würde? Deutsch/Österreichisch/Schweizerisch. Jeder darf seine Sprache nennen, wie er will, aber Österreich sollte Serbisch als eigenständige Sprache anerkennen. Selbst ohne die bosnische und kroatische Variante ist Serbisch in Österreich die meistgesprochene Sprache nach Deutsch. Trotzdem haben wir die absurde Situation, dass es diese Sprache „nicht gibt“. Jeder von uns weiß, dass BKS in den 1990ern ein hässlicher Kompromiss war. Aber diese Jahre sind vorbei. Niemand von uns ist über den Zerfall Jugoslawiens glücklich, aber wir müssen diesen Zerfall nun zulassen und die Bildung eigenständiger Identitäten.

Antifaschismus kommt immer wieder in ihrer Arbeit vor, sie waren beim Diana Budisavljević Park beteiligt, derzeit an einer Ausstellung über das KZ Jasnovac…


Ich glaube, dass Antifaschismus dem serbischen Volk eingewurzelt ist, weil wir fürchterlich unter verschiedenen Formen des Faschismus gelitten haben. Und dass das serbische Volk, ebenso wie andere Völker, nicht seine eigene Form des Faschismus entwickeln darf. Man muss auf alle Faschismen uns Totalitarismen hinweisen. Die erfolgreiche Initiative für die Benennung des Parks für Diana Budisavljević, die unser Mitglied Nedeljko Savić wesentlich vorangetrieben hat, ist uns sehr wichtig.

Sie haben die Rezeption der serbischen Kultur in Österreich erwähnt. Wie werden Serben wahrgenommen?

Ich denke die Österreicher halten uns für ein heiteres Volk, das gerne gut isst und trinkt und gute Sportler hat. Trotzdem glaube ich, dass ein positives Element fehlt, das unsere klassischen kulturellen Werte zeigt. Auch für unsere Kinder, der zweiten und dritten Generation. Es ist schön, wenn man Novak Djoković kennt. Aber man sollte auch einen Matija Bećković kennen, einen Kusturica, einen Vuk Karadžić – viele dieser Menschen haben in Österreich studiert, was immer noch viele Österreicher überrascht. So ähnlich geht es vielen anderen Minderheiten in Österreich, deren kulturelle Errungenschaften man nicht würdigt.

Was sind die Gemeinsamkeiten zwischen Serben und Österreichern?

Der Wunsch nach Gemütlichkeit. Eine geistige Neugier. Die Multikulturalität. Vielleicht auch das Bestreben kleiner Völker, seinen Platz in der Welt zu finden. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen Belgrad und Wien. Bei beiden gibt es eine gewisse Dickköpfigkeit und einer Verschlossenheit. Das ist die Absurdität: Wir leben so lange nebeneinander und wissen doch viel zu wenig über den anderen. Das versuchen wir ein wenig zu ändern.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO

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