INTERVIEW 30.10.2013

Aygül Berivan Aslan: „Mich nur als Migrantin zu sehen ist eine Beleidigung“

© KOSMO / Radule Božinović
Am 29. Oktober trat das österreichische Parlament erstmals zusammen. KOSMO traf zwei neue Abgeordnete mit Migrationshintergrund zum Interview. Teil 2: Aygül Berivan Aslan (Die Grünen) sprach mit uns über den Stimmverlust der Großparteien, migrantische Communitiys und Wahlkampf in den Sprachen der Zuwanderer.


KOSMO: Die Grünen haben bei den letzten Wahlen Stimmenzuwächse verzeichnet, zufrieden sind Sie trotzdem nicht...

Aygül Berivan Aslan: Für mich persönlich ist wichtig, dass die Partei ein stabiles Wachstum hat. Die Grünen befinden sich im Aufwind, sie sind in mehr als der Hälfte der Bundesländer in der Regierung.

Ein alter Wunsch der Grünen ist, die FPÖ zu überholen. Jetzt sind sie ziemlich weit von diesem Ziel entfernt.

Es ist uns bereits einmal gelungen, die FPÖ zu überholen – 2002. Diesmal hat es leider nicht gereicht, stimmt. Dennoch haben wir den größten Mandatszuwachs aller im Parlament bereits etablierten Parteien – wir haben vier Mandate gewonnen, die FPÖ nur zwei. Ich kann nicht verstehen, dass die FPÖ trotz aller Korruptionsskandale gewählt wurde. Die Grünen werden jedenfalls im Parlament ein starker Gegenpol zu den Rechten sein.

Warum gibt es bei den WählerInnen immer so viel Frust?

Ich hätte mir gewünscht, dass man das Thema Korruption in der Gesellschaft mehr ernst nimmt. Die Grünen sind die einzige Partei im Nationalrat, die nicht korrupt ist. Die Politikverdrossenheit ist bei den WählerInnen offenbar so stark ausgeprägt, dass sie die Gefahr der Korruption zu wenig erkennen.

Warum ist den Grünen nicht gelungen, das Thema Korruption entsprechend zu kommunizieren?

Ganz so negativ sehe ich das nicht. Wir haben von den bestehenden Parteien am meisten Mandate dazugewonnen – auch mehr als die FPÖ, nämlich vier. Ich denke, diesen Erfolg verdanken wir der Tatsache, dass uns die Bevölkerung sehr wohl als Korruptionsbekämpfer und einzige saubere Partei wahrnimmt.

In einem Interview haben Sie gesagt, man dürfe die türkische Politik nicht nach Österreich einführen. Was haben Sie damit gemeint?

Nach den Protesten in der Türkei hat sich vieles geändert, weil einzelne Kandidaten der SPÖ und ÖVP inhaltlich nicht das Programm ihrer hiesigen Parteien propagiert haben, sondern eher Werte der konkurrierenden türkischen Bewegungen. Das ist insofern gefährlich, da  man das Zugehörigkeitsgefühl dieser Menschen zu Österreich schädigt und somit die effektive Integrationsarbeit blockiert. Die ZuwanderInnen können sich natürlich für die Politik ihres Heimatlandes interessieren, aber in einem österreichischen Wahlkampf haben türkische Parteien nichts verloren. Wir sollen diese Wählerinnen und Wähler dazu bewegen sich für österreichische Politik zu interessieren.

Die Großparteien haben Zuwanderer größtenteils ethnisch angesprochen.

Es ist eine Beleidigung der MigrantInnen, weil man ihre Potenziale nur auf die Herkunft reduziert. Ich persönlich habe zwar jahrelang als Migrationsexpertin gearbeitet, aber im Parlament will ich auch meine anderen Kompetenzen einbringen. Wir haben alle gemeinsame Interessen und Probleme in diesem Land.

Hat es Ihnen bisher geschadet, dass Sie eine Frau und eine Migrantin sind?

Als Frau und Migrantin unterliegt man einer mehrfachen Diskriminierung. Für die Aufnahmegesellschaft war ich die böse Migrantin oder Türkin. Für die Türken war ich die böse Kurdin. Wir dürfen es nicht zulassen, dass diese Diskriminierungen zur Normalität werden.

Was wird Ihre erste Aufgabe im Nationalrat sein?

Ich möchte mich im sozialen und juristischen Bereich engagieren, dort kenn ich mich aus. Vorallem im Bereich Pflege- und Kinderbetreuung ist vieles reformbedürftig

Werden mehrere Abgeordnete mit Migrationshintergrund zu mehr parlamentarischer Kultur im Nationalrat beitragen?

Es geht nicht um unsere eigenen Meinungen und Interessen. Für eine gelebte und egalitäre Demokratie brauchen wir Menschen aus verschiedenen sozialen Gruppen im Nationalrat. Diesbezüglich werden die Abgeordneten mit Migrationshintergrund sicher eine Bereicherung fürs Parlament sein. Das Parlament muss ein Abbild der Bevölkerung sein.

Was wird Sie nach fünf Jahren Mandat im Nationalrat zufriedenstellen?

Ich möchte nach fünf Jahren Arbeit im Parlament in den Spiegel schauen und sagen: Ich schäme mich nicht für die Politik, die ich gemacht habe.

Interview: Nedad Memić

Lesen Sie Teil 1 unserer Interviewserie der neuen Abgeordneten mit Migrationshintergrund - Nurten Yilmaz: „Ich werbe in drei Sprachen“

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