PORTRAIT 08.05.2014

Aus der Dunkelheit ins Rampenlicht

© zVg.
Seit ihrer Geburt kann Kristina Ivanović (25) nicht sehen. Aber sie strahlt als echter Stern am Musikhimmel.


Die Wienerin Kristina Ivanović tritt seit Jahren in Diskotheken, Clubs und auf Hochzeiten in ganz Europa auf. Kaum ein Wochenende vergeht, ohne dass die junge Frau mit Mama Kaja (54) und Papa Marko (58) im Auto zu einem Auftritt unterwegs ist. Volksmusikfreunde sehen sie gerne im Fernsehen. Man könnte sagen, dass das für einen Bühnenstar ein ganz normales Leben ist. Aber Kristinas Weg unterscheidet sich in einigen wichtigen Details von dem ihrer Kollegen.

„Der größte Unterschied liegt darin, dass ich blind bin, aber ich fühle mich deswegen nicht anders oder minderwertig. Allerdings wäre ich wahrscheinlich nicht so erfolgreich, wenn meine Freunde und meine Eltern nicht hinter mir stehen würden“, sagt das junge Mädchen.

Kristina hat seit 2010, dem Beginn ihrer ernsthaften Beschäftigung mit dem Gesang, zwei Alben aufgenommen. Neben ihren eigenen Liedern, die von rennomierten Komponisten geschrieben wurden, führt sie bei Auftritten auch Lieder ihrer älteren Kolleginnen und Kollegen auf. Seit ihrer frühen Kindheit ist sie ein Fan von Dragana Mirković, deren Lieder ihr besonders liegen.

„Es gibt unter meinen Kollegen einige, die mir echte Freunde geworden sind, vor allem Kemal  Malovčić, der mir die Tür zu vielen Fernsehstationen geöffnet hat, aber auch Boban Rajović, mit dem ich ein Duett aufgenommen habe“, betont die Sängerin. Neben der schillernden Welt der Musik führt sie aber auch noch ein ganz anderes Leben.

Eine Parallelwelt ohne Glamour

Wenn Sie die Telefonzentrale von Wien Energie anrufen, kann es passieren, dass Sie eine tiefe, melodische Frauenstimme hören, die Stimme von Kristina Ivanović, die bereits seit sieben Jahren von Montag bis Freitag im Callcenter arbeitet.

Die Chefin und etwa zehn junge Kolleginnen haben ihre blinde Kollegin hervorragend aufgenommen. Sie ist in der Arbeit völlig gleichberechtigt, aber sie schonen sie auch, wenn sie am Montagmorgen manchmal ganz erschöpft von einem Auftritt in irgendeinem entfernten europäischen Land zur Arbeit kommt.

„Ich mag die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, besonders die Chefin, die mich sehr unterstützt. Manchmal gehen wir zusammen aus und ich fühle mich bei ihnen sicher. Ehrlich gesagt wäre ich glücklich, wenn ich nur singen könnte, aber das ist noch nicht möglich. Die Arbeit als Telefonistin gibt mir ein Sicherheitsgefühl und ich finde dort auch Befriedigung, besonders wenn mir jemand freundlich sagt, dass ich eine angenehme Stimme habe“, verrät Kristina ihre kleinen Geheimnisse.

Vom Schicksal geprüft


Das Ehepaar Ivanović kommt aus Orašje in der Nähe von Brčko in Bosnien-Herzegowina. Kennen und lieben gelernt haben sie sich in Wien. Den ersten gemeinsamen Schmerz durchlebten sie, als Kaja ihr erstes Kind während der Schwangerschaft verlor. Darum war ihre Freude riesig, als sie nach einem Jahr erneut schwanger wurde. Leider kam es nach drei Monaten zu Komplikationen und sie musste im Krankenhaus liegen. Nach nur fünf Monate und 23 Tage Schwangerschaft, musste die Geburt eingeleitet werden. Mit nur 860 Gramm und 34 cm war Kristina ein Winzling, erinnern sich die Eltern. Nach kurzer Zeit begannen Tränen aus einem Auge des Babys zu fließen. Die ärztlichen Untersuchungen kamen zu einem erschütternden Ergebnis: Das Mädchen war auf beiden Augen blind. Die hohen Dosen an Sauerstoff im Brutkasten hatten ihre Sehfähigkeit geschädigt.

Die folgenden Jahre waren nicht leicht für die junge Familie. Vor allem am Anfang stießen sie in ihrer Umgebung oft auf mitleidige Blicke, als müssten sie sich für ihr blindes Kind schämen. Die Familie kehrte solchen Menschen den Rücken und waren stolz auf jeden neuen Schritt, den Kristina machte. “Uns hat Kristinas Schicksal noch näher zusammengebracht. Wir sind sehr stolz auf unsere Tochter”, betonen die Ivanovićs.

Eine ganz normale Kindheit

Fast ihre ganze Kindheit hindurch fühlte sich Kristina nicht anders als ihre Altersgenossen. Erst mit sieben Jahren bemerkte sie zum ersten Mal, dass es gewisse Unterschiede gab. “Die Kinder meines Alters spielten im Flur des Gebäudes, in dem wir wohnten. Ich wünschte mir sehr, dabei zu sein. Ich glaube, damals habe ich zum ersten Mal begriffen, dass ich nicht alles konnte", erinnert sich Kristina. "Das nächste Mal hatte ich das Gefühl, benachteiligt zu sein, im Teenageralter, als meine Freundinnen begannen, in Diskotheken zu gehen und Freunde zu haben. Als ich angefangen habe, in Diskotheken zu singen, habe ich nachgeholt, was ich damals versäumt habe”, erzählt sie.

Auf die Frage, worauf sie in fünf Jahren stolz sein möchte, sagt sie: “Ich würde gerne meine eigene Band haben. Und es wäre schön, wenn ich einen Freund oder einen Mann hätte, der mit meiner Behinderung zurechtkäme. Natürlich müsste er mich mit der Musik teilen“, schließt Kristina.

Vera Vera Marjanović / KOSMO

Das könnte Sie auch interessieren:

Ein Leben für den Sport

Eine Lektion in Menschlichkeit


Verbotene Liebe

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook