SERBI.ARTE 06.06.2014

Auch Schruns ist das Herz Serbiens

© Aleksandar Todorović
In Schruns in Vorarlberg findet noch bis 9. Juni das Kunstfestival serbi.arte statt. KOSMO besuchte die serbischen Kunstwochen zwischen österreichischen Alpen.


 „Von der serbischen Botschaft haben wir nicht einen Euro Unterstützung für unser Festival bekommen. Sie hatten uns versprochen, dass jemand Offizielles zur Eröffnung kommen würde, aber niemand war da. Wahrscheinlich hatten sie wegen der Überflutungen zu viel zu tun, das verstehe ich…“, erklärt Johann Trippolt mit den Händen in den Hosentaschen und einem Schulterzucken. Trippolt ist der Arzt für Allgemeinmedizin; er hatte die Idee, in Vorarlberg serbische Kulturwochen zu organisieren.

Das Festival serbi.arte kam nach etwa einjähriger Planung mit viel Freiwilligenarbeit und einem minimalen Budget zustande. Die Eröffnung fand am 15. Mai in Schruns in Vorarlberg statt, mittlerweile nähert sich das Ende des Festivals am 9. Juni. Die Liste der Künstler ist beeindruckend, das Programm anregend, intelligent und interaktiv – etwa bei den Workshops mit den gastierenden Künstlern. Die kuratorische Leistung war hervorragend, vor allem, wenn man die Bedingungen bedenkt, unter denen die Ausstellung vorbereitet wurde.

Kunstrepublik Schruns

Wieso gerade in Schruns serbischen Kulturwochen abgehalten werden? In dieser kleinen Gemeinde leben 3.600 Einwohner, und auch wenn im Winter Skitouristen die Region belagern, herrscht den Rest des Jahres hier eine idyllische Ruhe. Der Ort ist klein, hat einen Bahnhof, ein Heimatmuseum, im Stadtbild dominieren Gastwirtschaften und Sportgeschäfte. In der Umgebung gibt es einige gute Beispiele des Bauernbarock, die gerne den Touristen gezeigt werden, und einige hübsche, in die märchenhafte Landschaft eingebettete Kirchen. Im Jahre 2008 wurde hier ein Denkmal für Ernest Hemingway enthüllt, der dieses Örtchen als passionierter Skifahrer an mehreren Stellen in seinem Werk verewigt hat. Im Roman „Fiesta“ nennt er es in einem Atemzug mit New York und stellt beide lakonisch auf dieselbe Ebene: „Ich musste von Schruns nach New York, um mir nach dem ersten Erzählungsband einen neuen Verleger zu suchen.“  

Der Weg von Belgrad nach Schruns führte über mehrere erfolgreiche Ausstellungen junger serbischer Künstler, die in den vergangenen Jahren stattgefunden haben und die über private Kanäle initiiert wurden. Johann Trippolt, der das Projekt konzipierte, hat es dann mit einer Gruppe von Enthusiasten, hauptsächlich Freunden und Verwandten, verwirklichte. Die Koordination des Projekts oblag Bruno Winkler, für die Kuratorarbeit zeichnet der junge Belgrader Maler Branislav Mihajlović verantwortlich. Das Filmprogramm stellte Charlotte Trippolt zusammen, Johanns Tochter, die hervorragend Serbisch spricht und derzeit an der Wiener Universität ihre Doktorarbeit über den jugoslawischen Neuen Film, die sogenannte „Schwarze Welle“, beendet.

Mehr als nur Bohnensuppe und Krieg

 „Uns war es wichtig, einen kritischen Blick auf das Serbien von heute zu werfen. Auf ein Land, kaum eine Flugstunde von Österreich entfernt, das uns trotz dieser geografische Nähe doch so unbekannt ist, dass uns außer serbischer Bohnensuppe nicht mehr dazu einfällt“, erklärt Trippolt die Motivation hinter dem Projekt.

Ähnlich empfindet es der Kurator Branislav Mihajlović: „Es wird oft beklagt, dass das Gebiet Südosteuropas immer nur mit den Kriegsereignissen in Verbindung gebracht und durch Einzelausstellungen von Kuratoren vorgestellt wird. Man muss neue Wege suchen, durch die man die Entwicklungen der serbischen Kunstszene sichtbar machen kann“, so Mihajlović

Serbia meets Vorarlberg

Die Kulturwochen stehen unter dem Motto „Kunst bildet eine Brücke zwischen Serbien und Vorarlberg“ und stellten Werke von ca. 30 jungen, etablierten Kunstschaffenden vor, darunter Marko Crnobrnja, Marko Marković, Tadija Jančić und Žolt Kovač.

Im Rahmen des Filmprogramms wurde eine Auswahl neuerer Werke verschiedener Formate aus serbischer Produktion gezeigt. Darunter waren Kurz- und Langfilme, Dokumentationen, Spiel- und Animationsfilme von Künstelern wie Dragan Nikolić, Srđan Keča, Ivana Todorović, Srđan Golubović, Miloš Tomić oder Mila Turajlić.

Die beste Werbung für Serbien

Die serbi.arte kann sich durchaus mit institutionalisierten Profiteams messen, war aber ein richtiges Do-It-Yourself-Projekt. Das zeigt auch eine Anekdote des Kurators Branislav Mihajlović, der die ausgestellten Exponate selbst im Kombi aus Serbien nach Österreich transportierte und prompt Schwierigkeiten mit den Grenzbeamten bekam. Die Mühe hat sich gelohnt: Nicht nur die Schrunserinnen und Schrunser waren die Besucher der Ausstellung. Sogar aus der nahegelegenen Schweiz kamen Interessierte, um die Ausstellung zu sehen. Eine bessere Werbung für seine Kultur und sein positives Image hätte sich der serbische Staat nicht wünschen können. Schade nur, dass er die Gelegenheit nicht genutzt hat, sich in irgendeiner Weise offiziell in die serbischen Kulturwochen in Schruns einzuschalten.

Uroš Miloradović / KOSMO

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