HOCHWASSER 01.07.2014

Anpacken für Bosnien

© KOSMO / Radule Božinović
Österreichische Bundesheersoldaten helfen in Bosnien-Herzegowina beim Bewältigen der Hochwasserkatastrophe. Unser Reporter-Team begleitete die Soldaten im Norden von Bosnien.


Die Jahrhundertflut, die im Mai Bosnien-Herzegowina, Serbien und die östlichen Teile Kroatiens heimsuchte, hat am Balkan eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Vor allem Bosnien-Herzegowina kämpft noch immer mit den Folgen der schlimmsten Überschwemmungen seit mehr als 120 Jahren: Ein Drittel des Landes wurde überflutet, und auch jetzt herrscht in vielen Gebieten noch immer Seuchengefahr und Wasserknappheit.

Die Solidarität der Menschen mit den Hochwasseropfern zeigte sich in Österreich nicht nur bei den vielen humanitären Organisationen, Spendenaktionen und privativen Eigeninitiativen. Auch das österreichische Bundesheer leistet mit einem Hilfseinsatz, an dem 75 Soldaten und Soldatinnen betiligt sind, einen großen Beitrag zur Verbesserung der Lage in einem der ärmsten Länder Europas.

„Wir sind seit 28. Mai in Bosnien und haben die Phase der Sofortrettung mittlerweile hinter uns. Jetzt helfen wir mit der Aufbereitung und Distribution von Trinkwasser, mit Transporten und Wasseranalysen. Wichtiger Teil sind auch die Aufräumarbeiten, bei denen wir öffentliche Gebäude aufräumen und desinifizieren“, sagt Major Franz Fraiss, der das österreichische Camp des Bundesheeres in Orašje in Nordbosnien leitet. „Im Wiederaufbau helfen und den Menschen einen normalen Alltag ermöglichen – das ist unser wichtigstes Ziel“, erklärt uns Fraissl.

„Situation immer noch katastrophal“

Um dieses Ziel tatsächlich zu verwirklichen, gibt es im Camp eine genau geplante Aufteilung der anstehenden Arbeiten: Während Chemiker und Spezialisten der ABC-Abwehrschule aus Korneuburg in Orašje trinkbares Wasser herstellen und es für die Bevölkerung zugänglich machen, kümmern sich andere Soldaten um die Desinfektion von Schulen, Kirchen und anderen öffentlichen Gebäuden. „Wir helfen dabei, die wichtigsten öffentlichen Gebäude wieder instand zu setzen. Es geht vor allem um Kirchen, kulturelle Institutionen, Schulen, Kindergärten... Auf private Wünsche können wir dabei natürlich nicht eingehen“, erklärt Major Fraissl.

Am Tag unserer Ankunft wird eine Schule in Bosanski Šamac desinfiziert: Das Erdgeschoss des Gymnasiums „Nikola Tesla“ war während der Hochwasser komplett unter Wasser und ist heute kaum wieder zu erkennen. Das Gebäude, welches schon vor den Hochwassern in einem schlechten Zustand war, erinnert derzeit eher an ein Gruselkabinett als an eine öffentliche Schule. „Die Situation ist eine reine Katastrophe! Wir haben seit einem Monat keinen normalen Schulbetrieb. Sogar die Zeugnisse haben wir früher ausstellen müssen. Wir sind froh, dass uns das österreichische Bundesheer jetzt hilft. So können wir zumindest im Herbst normal mit dem Schulbetrieb beginnen“, sagt die Schulpsychologin Branka Stojičić.

Dankbarkeit und Hoffnung

Unter den 75 Bundesheersoldaten, die in Šamac, Domaljevac, Orašje, Vidovice und Kopanice ihren Beitrag zu einer Verbesserung der Lage leisten, ist auch Nikola Savić (23), ein junger Soldat mit bosnischen und serbischen Wurzeln. „Ich bin froh, dass man mich aufgrund der Sprachkentnisse mit ins Boot geholt hat. Es ist zwar unglaublich anstrengend, aber es ist auch eine wertvolle Erfahrung, die ich hier mitnehmen werde“, sagt der junge Wiener. „Hier merkst du auch wie gut es uns eigentlich in Österreich geht. Dass es gerade Bosnien getroffen hat, eines der ärmsten Länder Europas, ist eigentlich doppelt so schlimm“, so Savić.

Ob es um das Einkaufen geht oder Gespräche mit Bürgern und Vertretern lokaler Behörden: Wachtmeister Savić ist immer zur Stelle. „Die Lage ist sehr schwierig, vor allem in Städten wie Šamac, wo noch immer so viel Verwüstung herrscht. Daher freut es mich wenn ich den Opfern – sei es auch nur für einige Sekunden – einen Funken Hoffnung geben, manchmal auch ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann“, sagt Savić, während er einem Bürger einen Kanister mit 5 Liter Wasser in die Hand drückt.

Dass die österreichische Hilfe zur Wiederherstellung einer Normalität mit viel Dankbarkeit und Respekt entgegengenommen wird, bestätigen uns sowohl die Bürger als auch die Mitglieder des lokalen Krisenstabs. „Dass was die Österreicher bzw. deren Armee hier auf die Beine gestellt haben, bedeutet uns sehr viel. Wir können – zumindest was das Wasser angeht – wieder halbwegs normal funktionieren. Ich bin sehr glücklich, dass die österreichischen Soldaten zu uns gekommen sind“, sagt Svetozar Evdžić, Mitglied des lokalen Krisenstabs in Šamac.

Obwohl auch Deutschland, Schweden, Belgien, Niederlande und die baltischen Staaten militärische Soforthilfe nach Bosnien geschickt haben, sind die österreichischen Soldaten noch die einzig verbliebenen Auslandstruppen, die sich um die Verbesserung der Lage im Norden Bosniens kümmern. „Ich schätze, dass wir bis Mitte Juli noch bleiben werden. Wir wollen auf jeden Fall die Aufräum- und Desinfikationsarbeiten, die wir vorgesehen  haben, komplett beenden“, so Major Fraissl abschließend.

Petar Rosandić / KOSMO


Hochwasser und Versöhnung

Bosnien: Österreicher koordiniert Wasserversorgung

„Jeder Tag ist eine Herausforderung

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook