ISLAMOPHOBIE 04.02.2015

„Angriffe auf Muslime wurden ignoriert“

© zVg.
Immer öfter wird über islamophobe Übergriffe in Wien berichtet. Erst Anfang dieser Woche wurde eine Moschee in Wien Meidling mit Hakenkreuzen beschmiert. Wir sprachen mit Elif Öztürk von der Dokustelle der Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich über die aktuelle Situation.


KOSMO: Die Dokustelle der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich dokumentiert Hate-Crimes gegen Muslime. Was ist ein Hate-Crime eigentlich?

Elif Öztürk: Ein Hate Crime ist eine Straftat, die sich nicht direkt gegen die betroffene Person richtet, sondern auf der Vorstellung basiert, dass diese Person eine Gruppe von Menschen verkörpert, die man ablehnt. Das kann religiös oder ethnisch motiviert sein oder aufgrund der Hautfarbe etc.

Gibt es in Österreich bereits ein Bewusstsein für diese Art von Gewalt?

Ich glaube, viele Menschen sind sich der Unterschiede nicht bewusst. Wenn an einem Gebetshaus einfach ein Fenster eingeschlagen ist, bedeutet das etwas ganz anderes, als, wenn ein Fenster eingeschlagen und mit einem Hakenkreuz beschmiert wurde. Nach Charlie Hebdo wurde auf eine Moschee in der Dresdner Straße geschrieben „Scheiß Islam Raus“ und „Paris“. Da weiß man, das wurde wirklich nur aufgrund von Hass gemacht.

Seit vergangenem Dezember ist die Hotline ihrer Dokustelle in Betrieb. Wie kam es zu dieser Gründung?

Wir arbeiten seit eineinhalb Jahren daran. Die OSCE befasst sich regelmäßig mit dem Thema Hate-Cirmes gegen Muslime. Sie meinten immer wieder, es gebe keine Zahlen aus Österreich. In den Jahren 2012 und 2013 ist in Österreich offiziell keine einzige islamfeindliche Straftat begangen worden. Wir wussten, das stimmt nicht. Bei uns werden Fälle gemeldet, wo Handgreiflichkeiten im Spiel sind und wo man sicher ist, dass es eine islamfeindliche Tat ist, weil jemand vorher eine eindeutige Aussage getätigt hat. Ebenso werden rein verbale Zwischenfälle und Angriffe gemeldet. Uns ist aber auch wichtig, Fälle von Zivilcourage zu dokumentieren. Außerdem beraten wir die Betroffenen und vermitteln sie an andere Stellen, z.B. die Gleichbehandlungsstelle.

Fühlen sich die Muslime in Österreich bedroht?

Eigentlich fühlt man sich nicht so bedroht, dass man eine Existenzangst hätte. Aber es ist doch eine Zunahme von Vorfällen und eine Veränderung der Stimmung zu bemerken. Es gibt Muslime, die sagen, dass sie derzeit lieber nicht spät abends noch auf die Straße gehen. Mir wurde auch schon gesagt: „Sei vorsichtig beim Nachhausegehen“ – und das habe ich vor zwei, drei Jahren nie gehört.

Auffällig ist, dass sich Angriffe oft gegen muslimische Frauen richten. Woran liegt das?

Einige muslimische Frauen sind äußerlich durch das Kopftuch als Muslime erkennbar. Bei einem dunkelhäutigen Mann mit Bart weiß man nicht unbedingt automatisch, dass er Muslim ist. Es hat sicher auch damit zu tun, dass sich die Täter bei Frauen einfach mehr trauen.

Welche Rolle spielen die Medien dabei bei der Verschärfung der allgemeinen Stimmung?


Die spielen definitiv eine große Rolle bei der Bewusstseinsbildung der Menschen. Das heißt, wenn eine Person jeden Tag diese kostenlosen Zeitungen liest und jeden Tag etwas über die IS-Terroristen drinnen steht, dann bewirkt das eine Art von Angst. In den Medien stehen ja oft nur die schlechten Sachen. Es ist selten etwas Gutes zu lesen, auch wenn eine Person muslimischen Glaubens etwas Positives geleistet hat. Das verschärft die Situation natürlich.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO

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Moschee in Wien mit Hakenkreuzen beschmiert

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