LEBEN & STUDIEREN IN WIEN 08.04.2014

Akademische Power vom Balkan

© KOSMO / Radule Božinović
Die Studierenden aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien bilden nach den Deutschen österreichweit die zweitgrößte Studentengruppe an den Universitäten. Wir haben die bosnischen, kroatischen und serbischen Studentenvereine in Österreich besucht.


Anfang der 1970er Jahre studierten an den österreichischen Universitäten gerade einmal 10.000 Ausländerinnen und Ausländer. Heute sind es mehr als 300.000. Elf Prozent von ihnen stammen aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien. Die Studierenden aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien bilden nach den Deutschen österreichweit die zweitgrößte Studentengruppe an den Universitäten. Es folgen Studierende aus Italien, darunter vor allem Südtirol, und der Türkei.

Zu den elf Prozent gehören auch Aleksandra-Ana Panić, Sandra Radovanović, Emir Radišević und Haris Kafedžić, Vertreter zweier Studentenvereinigungen in Wien. Aleksandra-Ana und Sandra vertreten die Organisation der serbischen Studierenden in Wien, OSSAW. Emir und Haris vertreten das Collegium Bosniacum, der Vereinigung der bosnisch-herzegowinischen Studierenden in Wien.

Hilfe bei den ersten Schritten

Wer selbst irgendwann zum Studieren nach Österreich gekommen ist, wird sich erinnern, dass der Anfang überhaupt nicht leicht war. Nachdem sie die Koffer im engen Zimmerchen des Studentenheims abgestellt hatten, mussten sich die meisten wahrscheinlich zuerst mit der österreichischen Bürokratie und der Mentalität auseinandersetzen. Auch Ihre Sprachkenntnisse hatten wahrscheinlich noch kein beneidenswertes Niveau. Zum Glück gibt es Menschen, die in dieser Situation gerne helfen.

 „Zu uns kommen Studierende aus Serbien und Bosnien-Herzegowina und manchmal auch Kroaten, obwohl wir in erster Linie die Studierenden serbischer Herkunft vertreten, egal aus welchem Land“, erzählt uns Aleksandra-Ana Panić, die diese Vereinigung vor drei Jahren gegründet hat. „Die meisten Probleme haben wir mit den Arbeitsgenehmigungen und der Arbeits- oder Praktikumssuche.“ Um die Studierenden rechtzeitig in den wichtigsten Fragen zu informieren, gibt die OSSAW daher Broschüren mit den wichtigsten Informationen heraus.

Das Collegium Bosniacum bietet eine Fülle von Informationen über seine Website an. „Eine sehr große Hilfe ist auch unser Forum, in dem die Studierenden vor allem Fragen mit Bezug auf Visa, Arbeitsgenehmigungen und Krankenversicherungen stellen“, erklärt Emir, der stellvertretende Vorsitzende des bereits vor 20 Jahren gegründeten Collegium Bosniacum.

500 Euro im Monat zum Leben?

Nach Angaben der Statistik Austria braucht ein Studierender in der österreichischen Hauptstadt monatlich ca. 1.020 Euro zum Leben. Österreichische Studierende verfügen über 1.020 Euro pro Monat, Ausländer über ungefähr 900 Euro.

Manche müssen aber auch mit wesentlich Weniger auskommen. „Mindestens 800 braucht man zum Leben“, sagt Sandra, die zum Postdiplomstudium nach Wien gekommen ist und sich sofort der OSSAW angeschlossen hat. Emir und Haris sind jedoch etwas anderer Meinung: „Man kann auch mit 500 Euro sehr gut leben“, meint Emir. „Was für eine Arbeit man findet hängt davon ab, wie gut man Deutsch kann, wie findig man ist und wie viel Zeit man hat, sich zu organisieren. Man kann auf jeden Fall sehr viel günstiger davonkommen“, ist der Bosnier überzeugt.

Trotz der Schwierigkeiten zieht die Qualität des Studiums und des Lebens viele Studierende in die österreichische Hauptstadt. Das geben 70 % der Studierenden aus dem ehemaligen Jugoslawien als Grund für die Wahl ihres Studienplatzes an.

Soziales Engagement und Vernetzung

Dass es ihnen bei ihrer Arbeit nicht nur um Hilfe bei finanziellen und Bürokratischen Projekten geht ist unseren Gesprächspartnern wichtig. „Wir hatten schon mehrere erfolgreiche Projekte. Mit einer Organisation, die für die UESF Ausbildung wirbt, haben wir ein humanitäres Konzert für die Grundschule ’Petar Kočić’ in Bratunac in Bosnien-Herzegowina veranstaltet, um dort ein Medienkabinett einzurichten. Wir kooperieren mit dem KOSMO Magazin im Bezug auf Praktika und Journalismusworkshops. Dieses Jahr haben wir auch am Networking Youth Career teilgenommen, einer Karrieremesse für Schüler und Studenten mit Migrationshintergrund“, sagt Aleksandra-Ana.

Auch das Collegium Bosniacum ist ähnlich engagiert. „Zuletzt haben wir eine Veranstaltung anlässlich der Proteste in Bosnien-Herzegowina organisiert. Derzeit planen wir Projekte, in denen sich die Leute schon vor der Anreise nach Österreich informieren können“, erzählt uns Haris.

Kroatische Studierende

Beide Vereinigungen werden auch von einer erheblichen Zahl Studierender aus Kroatien in Anspruch genommen, und zwar aus einem einfachen Grund: In Wien gibt es keine offizielle Vereinigung der kroatischen Studenten. Warum das so ist, erklärt uns der Jakov C., Wiener Wirtschaftsstudent aus Zadar: „Das liegt wahrscheinlich zu einem großen Teil am Bestehen anderer Organisationen wie zum Beispiel des kroatischen historischen Instituts in Wien, der kroatischen Kulturgesellschaft Napredak, der Matica Hrvatska und des burgenländisch-kroatischen Zentrums“, sagt Jakov. Vor allem das Kroatische historische Institut, bekannter als Canisius, ist ein Zentrum des Lebens für kroatische Studenten in Wien. Jakov lebt auch selbst im Wohnheim Canisius und betont, dass ihm die Ratschläge und Erfahrungen der Kollegen im Heim das Leben in Wien erleichtert haben.

Graz – ein attraktiver Ort für kroatische Studierenden


In Wien gibt es zwar keine Vereinigung kroatischer Studenten, aber in Graz wurde vor einem Jahr die bisher einzige solche Vereinigung in Österreich gegründet, die Udruga hrvatskih studenata u Grazu (UHSG).

Graz ist dank seiner Nähe zu Kroatien ein sehr attraktiver Standort für Studierende aus Kroatien, und die Universitäten genießen einen sehr guten Ruf. So sieht es auch Danijel Marić, der Vorsitzende dieser jungen Vereinigung. „Unsere Arbeit umfasst Treffen, Informationsaustausch, Vereinbarung verschiedener Projekte mit anderen Gesellschaften (Rotes Kreuz, HSK etc.), sowie auch die Veranstaltung verschiedener Freizeitvergnügungen – Vorstellungen, Buchvorstellungen, Besuche von Sportveranstaltungen, ein Kleinfeldfußballturnier, das Basteln von Weihnachtskarten, Weihnachtsfeiern etc.“

Sanja Vlahović-Zajić / KOSMO

Im Web:
Collegium Bosniacum
OSSAW
Kroatischer Studentenverein Graz

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