KOSMO-SERIE: 50 JAHRE GASTARBEITER 09.09.2014

Drei Generationen in Österreich. Eine Familie erinnert sich

© KOSMO / Radule Božinović
Als sie ihre Heimat verließen, hatten sie das Ziel, etwas Geld zu verdienen und so schnell wie möglich nach Hause zurückzukehren – aber sie blieben bis zu ihrer Pension. KOSMO portraitiert Gastarbeiterschicksale über mehrere Generationen. Teil 1 unserer Serie.


Aus verschiedenen Regionen Jugoslawiens kamen sie nach Österreich: jung, kräftig, neugierig und arbeitswillig. Die Rückkehr in die Heimat war ihr leitender Stern am Horizont. Doch der Kauf der Rückfahrkarte wurde von Jahr zu Jahr aufs Neue hinausschoben. Immer musste noch ein Haus gebaut, einen Zaun repariert oder eine neue Landwirtschaftsmaschine gekauft werden. Heute sind die ersten Zugvögel in Pension. Ihre Enkel sind mehr Österreicher als Balkaner und die Häuser, die sie für die Rückkehr in die Heimatdörfer gebaut haben, stehen leer. All ihre Geschichten sind ähnlich, mit einer Portion Trauer und dem vagen Gefühl, etwas versäumt zu haben.

In der Familie Radosavljević finden wir drei Generationen von Migranten in Österreich. Angefangen bei den Eltern, die ab 1969 nach Österreich kamen und ihre Kinder als Jugendliche nachkommen ließen, bis zu der Enkelin, die bereits hier geboren wurden.

Dimitra Radosavljević (67):
„Ich würde es wieder genauso machen“


Sie war 23, als sie im Frühjahr 1970, ein Jahr nach ihrem Ehemann, aus dem Dorf Mustapić in Serbien nach Wien aufbrach. Die beiden Söhne, zwei und vier Jahre alt, blieben bei den Großeltern. Sie war überzeugt, dass sie gegen Jahresende zurückkehren würde.

„Wir wollten nur das Geld für ein Auto verdienen. Arbeit und Papiere habe ich sofort in einer Wäscherei bekommen und mein Mann hat auf dem Bau gearbeitet. Ich habe wöchentlich etwa 500 Schilling verdient, er das Doppelte“, erinnert sich Dimitra an ihre Anfänge in Österreich.

Anfangs lebten sie und ihr Mann mit einem anderen Paar gemeinsam in einer kleinen Kellerwohnung. „Ich habe das alles leicht ertragen, aber die Sehnsucht nach meinen Kindern hat mich verrückt gemacht. Ich habe ihnen Briefe geschrieben, denn damals hatten wir kein Telefon. Es war nicht so einfach, wie wir gedacht hatten“, erzählt Dimitra.

„Bei unserem Ersten Besuch zuhause haben wir eine Million damaliger Dinare in bar heimgebracht, und als meine Eltern sahen, wie viel Geld wir angehäuft hatten, sagten sie, wir müssten in Wien bleiben und dort weiterarbeiten“, so beginnt die lange Gastarbeitergeschichte von Dimitra. Das nächste Ziel war der Kauf eines Traktors, dann der Bau eines neuen Hauses, eines Zauns… und so weiter. Alles wurde von den Ersparnissen bezahlt, denn einen Kredit hat sie niemals aufgenommen. Natürlich wurde das Auto gekauft, aber der Appetit wuchs und damit mehrten sich auch die Jahre in der Fremde.

„Unsere Häuser stehen heute leer“

„Ich habe eine Hausmeisterwohnung bekommen, in der ich noch heute lebe, und daneben habe ich noch einige weitere Gebäude gepflegt. Es war nicht leicht, vor Morgengrauen Schnee zu räumen, aber wir brauchten immer mehr Geld“, erinnert sich Dimitra Radosavljević. Die Kinder kamen in den Ferien, und das war der Ersatz für die Jahre der Trennung. Der jüngerer Sohn kam mit 15 Jahren nach Wien und machte hier seine Ausbildung, aber der ältere blieb vorerst zuhause.

Als drei Häuser gebaut waren, begann Dimitra, die Sommer am Meer zu verbringen. Die Häuser, die sie gebaut hat, stehen heute leer, denn auch der ältere Sohn Draško übersiedelte zu Beginn der 90er Jahre mit seiner Frau Lalica und dem Sohn Kristijan nach Wien.

„Ich habe zu Hause viel Geld investiert. Wenn wir nach Serbien fahren, muss immer etwas repariert werden und so vergeht unser Urlaub. Es wäre besser gewesen, ein Haus in Wien zu bauen, aber wir haben immer geglaubt, dass wir zurückkehren würden. Jetzt weiß ich, dass das nicht passieren wird. Ich freue mich, hinunter zu fahren, aber ich habe mich an das Leben und die Menschen hier gewöhnt“, erklärt Dimitra.  

Ihre Pension beträgt heute 1.180 Euro, aber sie putzt noch zwei Gebäude und hat vor damit weiter zu machen, solange sie kann. Wenn man sie nach ihrem Rückblick fragt, meint sie, dass sie nichts bereut, außer dass sie die Kinder nicht gleich mit nach Österreich genommen hat.

Vera Marjanović / KOSMO

Lesen Sie nächstes Mal die Erinnerungen von Draško Radosavljević (48), Kristijan (30), Sabine (30) und Ana (18 Monate) Radosavljević.

50 Jahre Gastarbeiterabkommen

Hier geboren – Ausländer geblieben

Darko Markov: Gastarbeiter Storys aus Wien

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